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P. Köster: Kabinenpredigt: Fans rissen Kapitän die Binde vom Arm - wie sich der FC Schalke selbst zerlegt

Als Hoffnungsträger in die Saison gestartet, haben die Schalker am Wochenende den Tiefpunkt erreicht. 0:4 gegen Fortuna Düsseldorf und anschließend hässliche Szenen mit den eigenen Fans. Der Niedergang hat Gründe, meint stern-Stimme Philipp Köster.

Die Schalke-Ultras rissen ihrem Kapitän nach Abpfiff am Samstag die Binde vom Arm

Die Schalke-Ultras rissen ihrem Kapitän nach Abpfiff am Samstag die Binde vom Arm

Getty Images

Es ist ein fast beispielloser Niedergang. Im Sommer noch galt Schalke als hoffnungsfroher Aspirant auf die Champions League und ganz eventuell sogar als einer der Klubs, die sich im Fall eines Münchner Schwächeanfalls Hoffnungen auf den Meistertitel machen könnten. Domenico Tedesco und Christian Heidel schienen das Kunststück fertiggebracht zu haben, den dauernervösen Revierklub in ruhige Bahnen zu lenken. 

Nur ein gutes halbes Jahr später zerfällt all das in Trümmer. Die 0:4-Klatsche daheim gegen Düsseldorf war noch schlimmer anzuschauen, als die eh schon blutleeren Auftritte in den Wochen zuvor. Wie leicht am Ende die spielerisch nicht überambitionierte Fortuna durch die königsblauen Abwehrreihen tanzten, war auch für unparteiische Betrachter schwer zu ertragen. Der Samstag zeigte eine Mannschaft in Auflösung – und das in einer Saisonphase, in der der FC Schalke sogar noch in den Abstiegsstrudel geraten könnte. 

In solchen Phasen ist der Zusammenhalt des Klubs besonders wichtig. Insofern ist der tiefe Riss zwischen der Nordkurve und den Spielern eine besonders deprimierende Entwicklung. Kaum zu glauben, dass Ultras dem Kapitän Stambouli tatsächlich nach dem Schlusspfiff die Binde mit dem Signet "Nordkurve" vom Arm rissen, eine ebenso alberne wie pseudomilitärische Geste der Erniedrigung, die allen guten Sitten im Umgang zwischen Fans und Spielern widerspricht. 

Woran liegt es, Schalke?

Wie Schalke in diesen Schlamassel hineingeraten ist, dafür gibt unterschiedlich stimmige Erklärungen. Die bisweilen arg rigide Personalpolitik wird gerne angeführt, der überstürzte Abgang des Abwehrhünen Naldo oder die inkonsistente Degradierung von Torwart Fährmann. Ebenso die offenbar massiv gestörte Beziehung zwischen der Mannschaft und Coach Tedesco, dessen ambitionierten taktischen Konzepte bei den Spielern des Öfteren auf Unverständnis und Unvermögen trafen. Dazu mit Christian Heidel ein Sportdirektor, der schleichend das Vertrauen des allmächtigen Aufsichtsratschefs Tönnies verlor. Das schwindende Selbstvertrauen der Mannschaft im Laufe einer völlig verkorksten Saison tat dann ihr übriges, um aus einem Spitzenklub einen Abstiegskandidaten zu machen. 

Man kann den Schalkern nicht einmal vorwerfen, nichts gegen die Krise getan zu haben. Um das Verhältnis zwischen Mannschaft und Tedesco zu stabilisieren, wurde der erfahrene Spielerversteher Seppo Eichkorn verpflichtet. Sportvorstand Christian Heidel demissionierte auf eigene Initiative, auch eine Seltenheit im ansonsten abfindungsfixierten Fußballgeschäft. Und sein Nachfolger Jochen Schneider kommt zwar vom umstrittenen Leipziger Getränkestützpunkt RB, ist aber als anerkannter Prozessoptimierer genau der Richtige, um die Schalker Entscheidungsstrukturen zu modernisieren.    

Wie lange bleibt Tedesco noch?

Bleibt jedoch die Schalker Gretchenfrage: Wie weiter mit dem Trainer? Und diese Frage muss der Coach erst einmal selbst beantworten. Will er die Wende schaffen, muss er sich korrigieren, muss glaubhaft erklären, was anders wird. Dabei geht es weniger um Taktik als darum, wie er aus einer Mannschaft, die mit sich hadert, die verunsichert ist und die zudem noch nicht einmal in der Lage scheint, Grundtugenden wie Kampf und Leidenschaft auf den Platz zu bringen. 

Es ist eine Herkulesarbeit, die vor Tedesco liegt. Oder vor seinem Nachfolger.

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