Rafael van der Vaart Rührstück um Liebe und Betrug


Das Possenspiel um die Wechselabsichten von Superstar Rafael van der Vaart hält den Hamburger SV und seine Fans in Atem. Auch wenn Coach Huub Stevens sich jetzt vor seinen Spieler stellte - der Club mit den großen Ambitionen ist der große Verlierer.
Von Martin Sonnleitner

Rafael van der Vaart, virtuoser Mittelfeldakteur beim Hamburger SV, ist mittlerweile ein Kind der Öffentlichkeit. Das hat er seinen außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten zu verdanken. Doch im unsäglichen Possenspiel um seine Wechselabsichten in Richtung Valencia - in die spanische Primera Division -droht der Fußball zum Beiprodukt diverser Animositäten zu werden. Es geht in dieser Geschichte um Liebe, Enttäuschung, vermeintlichen Betrug und nun auch noch um dubiose Drohungen. Die turbulente Medienmetropole Hamburg, Schauplatz vieler Vorabendserien, ist um ein reelles Rührstück reicher. Es ist die Story von Rafael van der Vaart.

Schnell wird klar, dass die rund 50 anwesenden Journalisten nicht wegen des neu zu präsentierenden Partners Deutsche Telekom gekommen sind, auch nicht wegen der obligatorischen Pressekonferenz zum Bundesligaspiel gegen Bayer Leverkusen. Sie sind wegen des Transfertheaters um den kleinen Niederländer gekommen. HSV-Trainer Huub Stevens, der sich die ganze Zeit konsequent aus der Angelegenheit raus gehalten hatte, platzte nun der Kragen: "Wenn ich die Zeitungen lese, frage ich mich, in welcher Zeit leben wir eigentlich?"

Die schöne Sylvie sprach via "Bild"

Schließlich ließ die schöne Sylvie, van der Vaarts Gattin, via "Bild"-Zeitung verkünden, sie traue sich nicht mehr aus der gemeinsamen Eppendorfer Wohnung und würde um ihre und die Gesundheit des gemeinsamen Sohnes Damian fürchten. Konkrete Hinweise auf brutale Schlägerfans gibt es derweil nicht.

Der jüngste van der Vaart war es auch, der die Geschichte um eine dramatische Episode erweitert hatte. Zunächst waren die Verhältnisse einigermaßen klar gewesen. Der FC Valencia hatte dem HSV vor dem Schließen des Transferfensters am 31.8. ein Angebot über 14 Millionen Euro offeriert, der Verein, in Gestalt von Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer, einen Verkauf kategorisch abgelehnt.

"Wenn ich bleiben muss, habe ich Schmerzen", jammerte der Niederländer hernach. Wenig später hatte er wirklich welche - angeblich. Beim Heben seines einjährigen Söhnchens sei ihm irgendwie ein Rückenleiden erwachsen. Welches genau, bleibt unklar, ein medizinisches Bulletin liegt nicht vor. Selbst Vorstandsmitglied Katja Kraus räumte ein: "Es mutet in der Gesamtgemengelage merkwürdig an." Schließlich musste van der Vaart so nicht in der Uefa-Cup-Qualifikation gegen Honved Budapest auflaufen und wäre für Valencia international spielberechtigt.

Coach Stevens stellt sich hinter seinen Spieler

"Rafael ist verletzt. Er hat den HSV in der Vergangenheit noch nie im Stich gelassen und wird es auch zukünftig nicht tun. Aber er muss wieder fit sein", verwies Trainer Stevens jegliche Verdächtigungen ins Reich der Fabeln. Und Beiersdorfer untermauerte noch einmal, dass die Rothosen auch zukünftig auf die Kreativkünste ihres Spielführers setzen werden: "Er muss aufhören, sich in diese Richtung weiter zu positionieren."

Doch der HSV scheint jetzt schon der große Verlierer beim Gezerre um seinen Mittelfeldmann zu sein, so oder so. Bleibt der Niederländer, droht ein ständiges Störfeuer in den eigenen Reihen. Geht er, wird einem aufstrebenden Team Herz und Hirn rausgerissen.

Schon das Spiel in Budapest hat gezeigt, wie orientierungslos die Mannschaft ohne ihren Leader ist. Das Fatale für den HSV ist aber, dass die Truppe von Stevens auf den Punkt genau eingestellt war. Nach einer optimalen Vorbereitung, sahen nicht wenige Experten in den Hanseaten sogar einen potenziellen Bayern-Jäger. Stattdessen müssen nun Wogen geglättet, Risse gekittet und vielleicht der Spieler, der das Gesicht dieses visionären HSV war, ersetzt werden. Das Ganze mitten in der so wichtigen Startphase der Saison.

Viele sportliche Träume versanken in der Elbe

Bliebe van der Vaart, würde der Klub ein Exempel statuieren. Es wäre ein Präzedenzfall für den HSV, denn viele sportliche Träume sind schon in der Elbe versunken, weil die Leistungsträger des Traditionsklubs von potenteren Vereinen weggekauft wurden. Zur Erinnerung: 2005/2006 setzte der HSV zu einem fulminanten Ritt nach Europa an. Dann schnappten kontinentale Spitzenvereine dem Verein die Erfolgsgaranten Khalid Boulahrouz (FC Chelsea) und Daniel van Buyten (FC Bayern) zwar für viel Geld weg, aber der Liga-Dritte stürzte in der Folgesaison sportlich ab.

Um Führungsspieler wie van der Vaart sollte nun eine goldene Zukunft kreiert werden. Teure Spielerverpflichtungen, eine emotional bis in die Haarspitzen aufgeladene Fanschar, sowie moderne Vereinstrukturen deuten den Trend an. Hier kommt die Liebe und die Enttäuschung ins Spiel, die tatsächlich in Hass umschlagen könnte, wie in jedem sich in die Länge ziehenden amourösen Drama. Schließlich bündelten sich in keinem Spieler so sehr die Träume der zigtausend HSV-Fans, wie in van der Vaart, endlich einmal wieder Titel an die Elbe zu holen.

Immerhin muss van der Vaart attestiert werden, dass er seine Sehnsüchte, einmal im Land seiner Vorfahren spielen zu können, schon lange publik gemacht hatte. Auch Beiersdorfer ist abgezockt genug, um zu wissen, dass der HSV für Spieler dieses Kalibers nur Durchgangsstation sein kann. Ein Schaufenster, riesengroß zwar, aber stets transparent für noch wildere Akteure auf dem millionenträchtigen Spielermarkt. Valencia ist nun einmal, rein objektiv betrachtet, eine bessere Adresse. Der spanische Vorzeigeklub wird ziemlich sicher in der Champions League spielen, liegt im sonnigen Südeuropa und schmeißt mit Geld nur so um sich. Der Fall van der Vaart drückt also auch die Nachrangigkeit der Bundesliga gegenüber der Primera Division aus.

HSV in instabiler Lage

HSV-Aufsichtsratsvorsitzender Horst Becker erläutert dabei ein generelles Problem aufstrebender Bundesligaklubs à la HSV: "Wir sind immer der Versuchung ausgesetzt, Leistungsträger abzugeben." Ein Teufelskreis, der nur zu durchbrechen wäre, "wenn wir international spielen, mehr Geld einnehmen und somit die Spieler halten können", sagt Becker. Im anderen Fall droht ein Lauf im Hamsterrad. Auf Dauer verschleißt man sich zwischen Platz vier und sieben. Für ein Unternehmen vom Range des HSV, mit über 100 Millionen Euro Umsatz, eine instabile Lage.

Ein anders Szenario wäre freilich, dass die Topspieler gehalten werden und der Knoten platzt. Am Fall van der Vaart könnte sich also ein Exempel statuieren. Lieber das, als ein Schmierenstück.


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