HOME

Real Madrid gegen Borussia Dortmund: Klopp vor Krönung, Mourinho vor Absprung

Real gegen den BVB, das ist auch das Duell zweier charismatischer Trainer: Während sich José Mourinho auf Abwegen befindet, steigt Jürgen Klopp gerade zu einem der gefragtesten Coaches der Welt auf.

Von Frank Hellmann, Madrid

Jürgen Klopp erschien am Montagabend in schwarz-gelber Trainingsjacke, aber nur weil unmittelbar nach der Pressekonferenz noch das Abschlusstraining im ruhmreichen Estadio Santiago Bernabeu anstand. Gewöhnlich kleidet sich der Coach von Borussia Dortmund zu Spielen der Königsklasse immer elegant. Anzug, Schlips, Krawatte - auch das steht ihm ja gut. Und der 45-Jährige weiß auch, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, bereits zum zweiten Male in einer Saison diesen holzvertäfelten Saal mit den grauen Polsterstühlen und dem dunklen Parkettfußboden betreten zu dürfen.

Bereits vor und nach dem Gruppenspiel der Champions League bei Real Madrid Anfang November hatte Klopp hier Rede und Antwort gestanden, nun rief er vor dem heutigen Halbfinale (20.45 Uhr) aus: "Wir wollen unseren eigenen Traum ausleben und für unsere Fans sogar noch verlängern." Das verschmitzte Grinsen unter dem Dreitagebart begleitete Klopp fortwährend; er kehrte jene innere Selbstüberzeugung nach außen, die auch auf seine Spieler zutrifft.

"Unsere Ausgangsposition ist viel besser als erträumt. Wir sind ja kein normaler Halbfinalist", konstatierte Klopp. Sondern trotz Wachstums auf allen Ebenen stellt das Gebilde Borussia Dortmund im deutsch-spanischen Kräftemessen immer noch das wirtschaftlich schwächste von allen, weshalb nach der Saison auch Edelstein Mario Götze und vermutlich auch Torgarant Robert Lewandowski zum FC Bayern wechseln.

Große Mannschaft, großer Trainer

Dass der BVB dennoch ein Topklub darstellt, vor dem sich fast ganz Europa verneigt, hat viel mit dem Überzeugungstäter und Menschenfänger auf seiner Trainerbank zu tun. Pressekonferenzen wie die in Madrid tragen, wenn Klopp gut aufgelegt ist, Züge von Kabarettveranstaltungen. Vieles kommt spontan und wirkt vor allem authentisch. Am Ende fasste der Verbalakrobat das Gesagte so zusammen: "Es wird auf jeden Fall etwas Historisches passieren: Entweder wir kommen weiter, dann wäre das historisch. Oder wir fliegen raus, das wäre dann auch historisch." Die Rolle als Entertainer spielte der gebürtige Schwabe perfekt, der auch unfallfrei auf Englisch antwortete und sich dann darüber lustig machte, dass Ilkay Gündogan links neben ihm den Kopfhörer aufsetzte ("Du hast doch Abitur gemacht").

Sein Gegenüber José Mourinho hatte zur Mittagszeit die Meinung geäußert, der BVB habe neben einer großen Mannschaft auch einen großen Trainer, was Klopp fast auf Knopfdruck beweisen kann. Auf dem Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Anspannung wandelt er traumwandlerisch sicher. Wird seine Mannschaft abwarten oder angreifen? "Weder noch! Wir spannen gewiss keine Menschenkette vors eigene Tor. Wir haben Real dreimal große Probleme bereit, weil wir Potenzial im Umschaltspiel besitzen." Über ein Scheitern sprach Klopp nur im Nebensatz: "Wenn wir ein gutes Spiel machen, sind wir schwer zu schlagen. Wenn es nicht reicht, dann haben wir diese Saison trotzdem viel richtig gemacht."

Mourinho nicht mehr der passende Trainer

Dortmund ist beim 4:1 im Hinspiel auch deshalb so großartig aufgetrumpft, weil diese Mannschaft ihrem Trainer bedingungslos folgt; die schwarz-gelbe Belegschaft blendete alle Störgeräusche wegen des bekannt gewordenen Götze-Deals einfach aus und folgte kühl der altbekannten Strategie. Wie diese auf dem Weg nach Wembley aussieht, hat der Fußballlehrer vor der internationalen Pressemeute gerne dargelegt: "Erstens: Wir verteidigen mit maximaler Disziplin das eigene Tor. Zweitens: Wir greifen mutig und frech das andere Tor an. Und dritten haben wir glücklicherweise die richtigen Spieler, um diese Idee umzusetzen."

Sportdirektor Michael Zorc betont: "Jürgen Klopp hat sich in den letzten Jahren zu einem der besten Trainer Europas entwickelt, was die Ergebnisse, Titel und die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, gezeigt hat. Für Borussia Dortmund ist er einfach der perfekte Trainer!" Es ist nicht lange her, da war auch Real Madrid der Meinung, mit José Mourinho endlich den passenden Coach zu besitzen.

Extrem erfolgreich und immens selbstbewusst, bisweilen großspurig, dann wieder einfühlsam - dieser Ruf eilt ihm voraus. Auch für ihn würden die Spieler symbolhaft durchs Feuer gehen, hieß es allerorten, solche Wirkung würde "The Special One" mit Worten entfachen. Doch die Pressekonferenz, die der 50-Jährige auf dem Ciudad Real Madrid abhielt, ging als Kontrastprogramm zur Klopp-Show durch.

Züge einer Anklage

Merkwürdig matt, sogar ein bisschen blass wirkte der George-Clooney-Verschnitt, der ansonsten Wirbel und Gerade auf solche Veranstaltungen zum natürlichen Habitat gemacht hat. Aber der aus dem portugiesischen Städtchen Setúbal stammende Trainer scheint trotz des bis 2016 laufenden Vertrags nach drei Jahren in Madrid auf Abwegen. Und vor der Rückkehr zum FC Chelsea. "Meine Zukunft wird nicht von diesem einen Spiel abhängen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es mein letztes ist", meinte Mourinho zwar, doch die Distanz zwischen ihm und dem Verein ist nicht mehr nur imaginär.

In dem vereinseigenen Video, mit dem die Sehnsucht nach einer "Remontada", einer Aufholjagd, befeuert wird, taucht der müde wirkende Trainer gar nicht auf. "Nuestra fuerza eres tú!" heißt es da. "Unsere Kraft bist du!" In dem Clip sprechen Stilikone Cristiano Ronaldo oder Vereinslegende Emilio Butragueno; Mourinho wollte gar nicht mitmachen. Seine Begründung: "Die beste Motivation wäre gewesen, in Dortmund besser zu spielen."

Es trug schon Züge einer Anklage, wie Mourinho die Mannschaft für ihr Fehlverhalten vor sechs Tagen rüffelte. Es sei eben ein Irrglaube, nur mit schönem Fußball und legalen Mitteln ein Finale zu erreichen. "Wir waren so naiv, so lieb, dass Lewandowski vier Tore schießen durften. Wir haben ihn nicht einmal gefoult." Und dann erinnerte er ungefragt daran, dass er einst viel Schelte einstecken durfte, als er mit Inter Mailand die gegensätzliche Methodik benutzte. Kratzen, kämpfen, beißen. 2010 gewann Inter damit im Finale gegen den FC Bayern den Henkelpott, und Mourinho zum zweiten Male die Champions League.

Anfang vom Ende

Über ein Scheitern sprach Mourinho ausführlich. "Erfolg ist immer das Produkt von allen. Das Scheitern ist das Produkt des Trainers. Also: Wenn wir nicht ins Finale einziehen, wird das mein Scheitern sein." Da ahnt einer, dass ihm der dritte Champions-League-Triumph – mit dem dritten Verein – vermutlich vorerst verwehrt bleibt. "Aber ich habe noch zehn Jahre vor mir", erklärte Mourinho trotzig, der in der spanischen Hauptstadt keine Zukunft mehr hat. Wenn ein mit Egoisten gespicktes Starensemble nicht mehr vorbehaltlos hinter seinem egomanisch veranlagten Startrainer steht, ist das nämlich gewöhnlich der Anfang vom Ende.

Wissenscommunity