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St. Pauli-Präsident Corny Littmann: "Mich kann nichts mehr erschüttern"

Der Kiezklub FC St. Pauli befindet sich in einer tiefen Führungskrise. Starker Mann bleibt vorerst der schillernde Theatermacher Corny Littmann. Im stern.de-Interview spricht der Präsident des Kultvereins über einen skurrilen Machtkampf mit offenem Ende.

Herr Littmann, wann hat Ihrer Meinung nach das für viele Beobachter unsägliche Possenspiel zwischen Vorstand und Aufsichtsrat beim FC St. Pauli begonnen?

Es gab in den letzten Jahren immer wieder Irritationen. Trotzdem ist der Vorstand auf den Mitgliederversammlungen, auf Vorschlag vom Aufsichtsrat, immer wieder entlastet worden. Eskaliert ist es seit der letzten Jahreshauptversammlung am 13. Oktober, - wo ich von der Versammlung für meine ehrenamtliche Tätigkeit einstimmig Beifall erhalten habe - durch die Tatsache, dass der Aufsichtsrat danach keinen Präsidentschaftskandidaten nominiert hat. Weder mich, noch einen anderen. Schlussendlich habe ich dann gesagt, ohne ein Mandat bin ich nicht bereit, weiter dieses Amt auszuführen.

Hat Sie diese Entwicklung überrascht?

Es gab ja immer wieder geäußerte Kritik an der Informations- und Kommunikationspraxis des Präsidiums. Die Kritik hat aber nie substanzielle Vorwürfe enthalten, die die Geschäftsführung des Präsidiums betrafen. Es ging bei den Vorwürfen um zustimmungspflichtige Verträge, in der Regel Spielerverträge, die der Aufsichtsrat moniert hat. Da wurde in den letzten vier Jahren das Haar in der Suppe gesucht, um den Vorstand abwählen zu können.

Sollten nicht beide am Streit beteiligten Parteien versuchen, einen alle zufrieden stellenden Kompromiss herzustellen? Es geht immerhin um das Wohl des Vereins.

Ich habe mehrere Anläufe genommen, um Kompromisse herzustellen. Der letzte war am vergangenen Montag im Landgerichtsverfahren, wo das Präsidium drei Vergleichsvorschlägen der Richterin zugestimmt hat. Der Aufsichtsrat hat sie dagegen unisono abgelehnt.

Ist die eigentliche Crux der Auseinandersetzung nun der Stadionneubau?

Definitiv nein. Der Stadionbau ist Teil des operativen Geschäftes. Außerdem war dieser ja in der Form im Oktober noch gar nicht im Gespräch. Der Aufsichtsrat hätte schon im Dezember, vor Beginn der Baumaßnahmen, nominieren können. Der Zusammenhang scheint mir also sehr konstruiert.

Inwieweit konnten beim Landgericht die gegen Sie erhobenen Vorwürfe entkräftet werden?

Die Richterin hat die Vorwürfe deutlich qualifiziert und gesagt, es sei im Wesentlichen Schnee von gestern. Sie hat außerdem angeordnet, dass der Aufsichtsrat nicht mehr behaupten darf, das Präsidium sei geschäftsunfähig.

Wie stark haben die zum Teil massiven Vorwürfe, auch gegen Ihre Person, Sie persönlich belastet?

Es ist eine Auseinandersetzung, die ich nicht dauerhaft fortsetzen will.

Sie wirken dennoch die ganze Zeit über ruhig und gelassen. Langjährig antrainierte Nervenstärke als etablierter Geschäftsmann?

Ich habe einen niedrigen Blutdruck, bin von Haus aus eher ruhig, zumindest außerhalb der Bühne. Natürlich berührt mich das Ganze persönlich, auch wenn ich immer noch ruhig schlafen kann. Es gab in den gut vier Jahren meiner Amtszeit viele Momente, die mich, positiv wie negativ, persönlich berührt haben. Auch wenn es heftige Vorkommnisse gab, die man sich als Präsident nicht unbedingt wünscht.

Haben sie zu Beginn Ihrer Amtszeit eine Vorahnung gehabt, was da auf Sie zukommt?

Wenn ich all das gewusst hätte, hätte ich das Amt dankend einem anderen überlassen.

Wenn man die Zwischentöne hört, bleibt dennoch der Eindruck, dass vor allem Ihre Art zu kommunizieren, moniert wurde, die Art und Weise, wie Sie wichtige Sachfragen vermittelt haben. Sind Sie selbstkritisch?

Zum einen bin ich selbstkritisch, zum anderen bin ich ehrenamtlicher Präsident, mit einem kaum noch zu vertretenen Aufwand für meinen Hauptberuf. Alle Vereinsgremien haben das Interesse, mit dem Präsidenten möglichst ständig und jederzeit zu kommunizieren. Ob sich daraus immer der Anspruch ableiten lässt, dass ich dies auch zu tun habe, steht auf einem anderen Blatt.

Die Vereinssatzung sieht aber eindeutig vor, dass sie verpflichtet sind, dem Aufsichtsrat - übrigens ja auch Kontrollgremium genannt - jederzeit transparente Informationen zu gewährleisten.

Beispiel Spielervertrag. Der Aufsichtsrat sagt: Legt uns gefälligst den Vertrag vor. Ich antworte: Der liegt in der Geschäftsstelle aus und ist jederzeit einzusehen. Daraus lässt sich die Qualität des Konflikts ermessen. Der Aufsichtsrat reklamiert für sich eine umfassende Bringschuld des Präsidiums, die ich allerdings ehrenamtlich nicht gewährleisten kann. Es geht also in der Essenz um Bring- und Holschuld, auf der Ebene spielt sich der Konflikt ab. Es ist von unserer Seite aus alles offen, der Aufsichtsrat kann überall hinkommen und Einsicht haben.

Stichwort Großprojekt Stadion. Da geht es um Millionenverträge, wo der Aufsichtsrat meinte, sie wurden präsentiert, ohne dass er informiert worden sei.

Eine komplexe Materie. Nicht alle Kontrakte sind zustimmungspflichtig. Die, die es sind, setzen voraus, dass der Aufsichtsrat sich damit befasst. Dieser hat bei einem wichtigen Vertrag hingegen vier Wochen verstreichen lassen, das kann nicht im Sinne des Vereins sein. Ein Spielervertrag wird in der Regel innerhalb weniger Tage finalisiert. Auch da muss der Rat zustimmen, auch diese Verträge können nicht wochenlang liegen bleiben. Es muss pflichtgerecht zeitnah entschieden werden.

Ist das Verhältnis zwischen ihnen und Aufsichtsrat nun also nachhaltig beschädigt oder können Sie sich eine weitere Zusammenarbeit vorstellen?

Nach der Gerichtsverhandlung am Montag, bei der der Aufsichtsrat keinen Hehl aus seinen Animositäten gegen mich gemacht hat, hege ich da wenig Hoffnung.

Was erwarten Sie nun von der Mitgliederversammlung am kommenden Sonntag?

Vor allem eine gute Entscheidung für den Verein.

Sie sagen aber - mit Ausrufezeichen versehen - ich mache über den 26. März als Präsident des FC St. Pauli weiter?

Nicht mit Ausrufezeichen, mit Komma: Wenn die Mitglieder es wünschen.

Ist Fußball eigentlich ein härteres Business als es die Geschäfte in der Theaterwelt sind?

Wenn Sie wüssten, wie hart es ist, 20 Jahre ein nicht subventioniertes Theater zu betreiben, dann wissen Sie auch, warum mich ein Fußballverein nicht so schnell erschüttern kann.

Interview: Martin Sonnleitner

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