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Stefan Effenberg exklusiv: "Das ist nicht mehr der FC Bayern"

Nach der 1:2-Niederlage der Bayern in der Champions League gegen Bordeaux rechnet stern.de-Experte Stefan Effenberg mit der Mannschaft ab. Hauptvorwurf von Effe: Das, was früher diesen Verein ausgezeichnet hat, ist nicht mehr vorhanden.

Stefan Effenberg

Erfolgreiche Reizfigur und ein prägendes Gesicht der Bundesliga-Geschichte: Stefan Effenberg

Ich bin immer noch geschockt vom Auftritt meines Ex-Clubs bei Girondins Bordeaux. Dabei hatte alles so gut angefangen. Man führt 1:0, alles läuft perfekt. Früher haben wir so einen Vorsprung praktisch nie aus der Hand gegeben. Unsere Brust wurde immer breiter. Solche Spiele haben wir dreckig mit 1:0 gewonnen, haben uns hinterher den Mund abgewischt und sind mit drei Punkten im Gepäck wieder nach Hause geflogen. 'Ugly winning' nannten wir das damals. Damals zählt aber heute nicht mehr. Heute sehe ich eine Mannschaft, die kein Selbstvertrauen hat und die keine Arroganz in ihrem Spiel mit sich trägt. Aber genau das braucht man, um in der Champions League zu bestehen. Das viel beschriebene Bayern-Gefühl geht diesem Team total ab. Das, was früher diesen Verein ausgezeichnet hat, ist nicht mehr vorhanden.

Lahm ist zu lieb und nett

Wie wenig die Jungs an sich glauben, konnte man nach der 1:2-Pleite in Bordeaux beobachten. Da stellt sich ein Philipp Lahm vor die Kamera und fängt drei Spieltage vor Schluss der Gruppenphase bereits mit dem Rechnen an. Der direkte Vergleich gegen Bordeaux müsse unbedingt gewonnen werden, dann würde es vielleicht noch mit dem Weiterkommen klappen. Meine Fresse, wenn ich das schon höre. Das ist das völlig falsche Signal an die Mitspieler. Ich hätte folgendes gesagt: "Drei Spiele, drei Siege, neun Punkte, Achtelfinale. Fertig."

Apropos Philipp Lahm: Der Führungsspieler ist mir viel zu lieb und nett. Er glaubt ja, dass es heutzutage keine lauten, impulsiven Typen mehr auf dem Fußballplatz braucht. Das hat er neulich in einem Playboy-Interview verlauten lassen. Kompletter Unsinn! In so einer Phase, in der die Bayern jetzt stecken, braucht man gerade Spieler, die aufrütteln. Echte Typen wie Mark van Bommel sind gefragt. Männer, die die Ärmel hochkrempeln und vorneweg marschieren. Mit nett und lieb kommt man nicht weit. Das ist auch nicht der FC Bayern München. Diesbezüglich aber auch leistungsmäßig könnte durchaus mehr vom kleinen Mann auf der linken Seite kommen...

Kein Vorwurf an van Gaal

Kapitän Mark van Bommel ist so ein Leader, aber braucht nach seiner langen Verletzung noch Zeit. Mir war klar, dass er in Bordeaux noch nicht die Zeichen setzen würde. Van Bommel braucht schnell Spiele, um seinen Rhythmus zu finden und um dann wieder die Richtung vorzugeben. Ich sehe sonst niemanden im Kader, der diese Rolle ausführen kann. Übrigens: Die Worte von Kalle Rummenigge auf dem Bankett waren absolut angebracht. Alle im Team müssen jetzt eine Reaktion zeigen, sonst fährt der Zug nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in der Champions League ohne die Bayern ab. Trainer Louis van Gaal mache ich keinen Vorwurf. Er stellt die besten Spieler auf, die er zur Verfügung hat. Mehr geht nicht. Ohne Ribéry und Robben ist der FC Bayern einfach keine internationale Topmannschaft. Das hat man in Bordeaux deutlich gesehen. Sich nur eine echte Torchance in 90 Minuten durch Luca Toni herauszuarbeiten, ist in der Königsklasse einfach zu wenig. Das ist ein Armutszeugnis. Ich habe gehört, dass das Verhältnis von den Spielern zu ihrem Trainer intakt sein soll. Das ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Aber das allein reicht nicht. Jetzt sind die Spieler gefordert. Sie müssen endlich Charakter zeigen.

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