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Thomas Tuchel und Mainz 05: Mehr Barca als Bayern

Mainz 05 hat sich eher still auf einen Europapokalplatz geschoben. Jetzt geht es gegen die Bayern. Denen haben sie in Mainz etwas voraus. Das hat vor allem etwas mit dem Trainer zu tun.

Von Klaus Bellstedt

Es ist etwas länger als zwei Jahre her, als Mainz 05 die Bundesliga rockte. Rekordverdächtige sieben Siege in den ersten sieben Spielen der Saison feierte die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel. Der Hype war groß. Das Team war ja erst ein Jahr zuvor aufgestiegen. Am Ende wurde es dann Platz fünf. In Mainz wurde der wie eine Meisterschaft gefeiert. Jetzt steht der Club in der Tabelle erneut auf diesem Rang. Wenn jetzt Schluss wäre, hieße das Europa. Ja und? Mainz 05 hat sich etabliert. Die Aufregung ist vorbei. Dieses manchmal leicht anstrengende Karnevalsvereinsgehabe haben sie nicht mehr nötig. Der Club und seine Fans sind immer noch cool, aber das ganze Gebilde ist kein One-Hit-Wonder. Schon lange nicht mehr. Stattdessen herrscht eine ausgeruhte Entspanntheit - und viel Anerkennung. Bei den Kennern.

"Eigentlich könnte man das ja als Kompliment auffassen, denn Platz fünf wird anscheinend als nichts mehr Besonderes angesehen", sagt Christian Heidel zu stern.de. Der Manager der Mainzer hat seine ganz eigene Rechnung aufgemacht: "Nimmt man die Amtszeit von Thomas Tuchel seit 2009, stehen wir saisonübergreifend mit nur einem Punkt Rückstand auf den VfB Suttgart auf Rang sechs einer fiktiven Bundesligatabelle. So ganz überraschend ist unsere Position dann vielleicht doch nicht." Heidel sagt auch, dass sie in Mainz "ohne den Hype ganz gut leben können". Trotzdem wundert sich der 49-Jährige manchmal. Dabei geht es ihm mehr um das große Ganze - und gar nicht so sehr um seine Mainzer: "Ich glaube, dass sich die Presselandschaft insgesamt verändert hat. Themen wie Pep Guardiola oder die Ehe der van der Vaarts bestimmen wochenlang alle Überschriften. Warum aber zum Beispiel der SC Freiburg in 2012 17 Punkte mehr geholt hat Werder Bremen wird selten hinterfragt und ist nur Thema bei Insidern."

Tuchels Handschrift ist immer erkennbar

Freiburg ist ein gutes Stichwort. Dort heißt der Trainer Christian Streich. Tuchel und er sind gute Freunde. Dieses von Anfang an deplatzierte Motzki-Image, das der Boulevard einst Tuchel verpasst hatte, haftet jetzt an Streich. Auch weil der Mainzer Coach sich - zumindest aus der Ferne betrachtet - ein bisschen zurückgenommen hat. Tuchel, 39 Jahre alt, wirkt nicht mehr so sperrig und aufbrausend wie früher. Heidel bestätigt diesen Eindruck: "Natürlich hat der Trainer gemerkt, dass die small talks mit den Schiedsrichtern nicht von Erfolg gekrönt sind und hat sie etwas zurückgefahren." Aber der Manager sagt auch: "Thomas Tuchel ist emotional und authentisch. Das soll er bitte, bitte auch bleiben." Eine der großen Stärken des Mainzer Trainers ist dessen Authentizität. Tuchel verabscheut Oberflächlichkeit, Populismus und Plattitüden - und er lässt einen wunderbaren Fußball spielen. Einen, der sich an der Barca-Schule anlehnt, der Spielphilosophie des großen FC Barcelona.

Schnell, variabel, offensiv, attraktiv: So tritt Mainz 05 auch in dieser Saison wieder auf. Tuchel baut viel auf den eigenen Nachwuchs, auf taktische Variabilität und ein schön anzuschauendes Kurzpassspiel. Diesbezüglich begegnet Tuchels Mannschaft dem Gegner vom Samstag, Bayern München, mindestens auf Augenhöhe. Aber anders als Heynckes' Team kommt Mainz dabei ohne echte Stars aus. "Wir leben von unserer mannschaftlichen Geschlossenheit und einem klaren taktischen Plan, den jeder Spieler verstanden hat. Gepaart mit viel Wille und Leidenschaft kann man auch ohne Superstars in der Bundesliga Spiele gewinnen", sagt Heidel. Das Mainzer Erfolgsrezept ist eng mit dem Namen Thomas Tuchel verbunden. Seine Handschrift ist auf dem Platz immer erkennbar. Tuchel gelingt es, die Gegner zu überraschen. Durch taktische Umstellungen, Rotation und spielentscheidende Einwechslungen. Heynckes coacht lange nicht so modern. Aber er hat Ribéry, Robben und Mandzukic. Deshalb stehen die Bayern auf Platz eins. Und Mainz ist "nur" Fünfter.

Die Signale kamen nicht

Tuchel bewundert an Barcelona vor allem "die Demut, mit der die Spieler ihren Sport ausüben". Auch der 39-Jährige hat diesen begehrten Typ Fußballer in seiner Gruppe. Gleich mehrfach. Die beiden Abwehrspieler Pospech und Noveski zum Beispiel. Etwas weiter vorne im System dann Baumgartlinger, Müller oder auch Soto. Sie alle sind laufstark, bissig und aggressiv. Aber sie können eben auch kicken. Und: Sie würden sich selbst nie so wichtig nehmen und über die Mannschaft stellen. Selbst Adam Szalai, Mainz' Toptorschütze, hat seinen festen Platz in diesem Kollektiv. Sonderrollen duldet Tuchel nicht.

Gegen die Bayern ist Szalai gesperrt. Das ist eine Schwächung. Der Ungar hat bereits elf Saisontore erzielt. Aber darüber stöhnen sie nicht. Genau so wenig verfallen die Mainzer in Panik, wenn sie vom angeblichen Interesse der Dortmunder und von Arsenal London an Szalai hören. Der Luxus, begehrte Spieler im Kader zu haben, ist nicht neu für die Rheinhessen. Dass hingegen keine Not mehr besteht, diese sofort zu verkaufen, schon. Selbst bei Jan Kirchhoff hätten die Bayern wohl gerne schon im Winter zugeschlagen, aber "die Signale", auf die Sportvorstand Matthias Sammer aus Mainz wartete, sie kamen einfach nicht.

Erst Guardiola, dann Tuchel?

Jetzt wechselt Kirchhoff also doch erst im Sommer nach München. Dort tritt er dann zeitgleich mit Pep Guardiola seinen Dienst an. Die Personalie Guardiola haben die Mainzer genau registriert: "Der FC Bayern hat den begehrtesten Trainer der Welt verpflichtet und somit mit selbst verdientem Geld den arabischen und russischen Fußballinvestoren ein Schnippchen geschlagen. Das ist außergewöhnlich und verdient allerhöchsten Respekt. Aber der FC Bayern ist nicht der FC Barcelona und man wird sehen ob es passt", sagt Manager Heidel. Und wenn es wider Erwarten nicht passen sollte? Dann gehen bei Mainz 05 automatisch die roten Lichter an. Zumal Tuchel in einem Interview mit der "Welt" vor anderthalb Jahren schon mal angedeutet hat, dass er manchmal an München und andere große Fußballstädte denkt. "Ich traue es mir absolut zu, auch Bayern München oder andere große Vereine zu trainieren. Aber das Wann ist entscheidend. In welcher Lebenssituation ich bin, und in welchen Situationen sind der aufnehmende und der abgebende Klub? Es muss stimmen." Noch stimmt es nicht - gut für Mainz 05.

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