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Tod eines Linienrichters: Coolness-Tage gegen Gewalt

Nach dem tödlichen Angriff auf einen Linienrichter in den Niederlanden rückt der deutsche Amateurfußball in den Fokus. Auch hier werden Unparteiische angegriffen. Doch die Verbände steuern dagegen.

Von Joel Stubert

Ein falscher Pfiff und es kann gefährlich werden. Für Schiedsrichter und Linienrichter kann die Situation auf dem Fußballfeld schnell bedrohlich sein. So wie in den Niederlanden, wo ein Linienrichter nach einem Amateurspiel von jugendlichen Spielern angegriffen und zu Tode geprügelt wurde. Auslöser soll ein falscher Abseitspfiff gewesen sein.

Auch in den Niederungen des deutschen Fußballs kam es in der Vergangenheit zu tätlichen Übergriffen auf Unparteiische. Aktuellster Fall im Oktober dieses Jahres in Rosenheim: Beim Derby zwischen dem FC Iliria und dem ESV Rosenheim wurden ein Trainer und der Schiedsrichter von Spielern verletzt und kamen ins Krankenhaus.

Übergriffe auf Schiedsrichter - eine Entwicklung, die den Bayrischen Fußballverband auch vorher schon beunruhigte. Die Gewalt gegen Schiedsrichter betrachte man mit "besonderer Sorge". "Das Tabu des Körperkontakts zum Schiedsrichter wird gebrochen und es kommt zu körperlichen Angriffen", hieß es in einer Stellungnahme auf der Homepage des Verbandes bereits Anfang des Jahres.

Meistens geht es gesittet zu

304 tätliche Übergriffe auf Schiedsrichter wurden im Zeitraum zwischen Juli 2010 und Januar 2012 im Freistaat gemeldet, 0,081 Prozent aller Spiele waren damit betroffen. Zu viel, das ist klar. Aber wenig genug, um zu sagen, dass es auf den meisten Fußballplätzen immer noch gesittet zugeht.

Noch weniger Zwischenfälle gibt es in Hamburg. "Hier sind die Probleme Gott sei Dank nicht ganz so groß", sagt Carsten Byernetzki vom Hamburger Fußball-Verband (HVV) stern.de. "Bei uns gibt es nicht annähernd solche Ausfälle, wie kürzlich in den Niederlanden."

60.000 Spiele wurden in diesem Jahr in der Hansestadt angesetzt, "nur" 20 mussten abgebrochen werden. "Davon nur zwei oder drei wegen Ausfälligkeiten gegenüber den Schiedsrichtern, zumeist Beleidigungen", schildert der Mann vom HVV. "Derartige körperliche Angriffe habe ich noch nicht erlebt, maximal eine Ohrfeige für den Schiri."

Coolnesstage in Hamburg

Um derartige Vorkommnisse zu verhindern, betreibt der HVV - wie andere Verbände auch - seit Jahren ein Präventionsprogramm. "Coolness-Tage" heißt es und lädt Jugendteams ein, einen Gewaltpräventionstag zu absolvieren. "Wir versuchen den Teilnehmern den Umgang mit Gewalt und ihre Auswirkungen näherzubringen", sagt Byernetzki.

Das wirke bisher sehr gut, wie man an den Statistiken ablesen könne. "Wir nutzen die 'Coolness-Tage' auch, um auffällig gewordene Spieler noch einmal unter die Lupe zu nehmen", erklärt Byernetzki. Längere Sperren könnten durch eine erfolgreiche Teilnahme zur Bewährung ausgesetzt werden. Eine wirksame Methode, denn: "Die Rückfallquote liegt bei null." Fußball sei eben, wie andere Gesellschaftsteile auch, von einer Verrohung der Sitten betroffen, sieht Byernetzki eine Ursache der Gewalt gegen Schiedsrichter.

In das gleiche Horn bläst Fifa-Präsident Sepp Blatter: "Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft und leider zeigen sich die gleichen Missstände, unter denen die Gesellschaft leidet - in diesem Fall die Gewalt - auch in unserem Spiel", erklärte der Präsident des Fußball-Weltverbandes am Dienstag. Er forderte zudem den niederländischen Fußballverband auf, mit der positiven Kraft des Fußballs gegen die Gewalt vorzugehen.

Wie die schreckliche Attacke in Almere bei Amsterdam zeigt, reicht die pure Kraft des Fußballs jedoch nicht aus. In Deutschland man das bereits begriffen zu haben.

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