HOME

Torlinientechnik-Premiere beim Confed Cup: Tor oder nicht Tor, das entscheidet die Uhr

Ein Blick auf die Uhr - und Tor. Schiedsrichtern werden Treffer künftig auf ihrer Armbanduhr angezeigt. Die deutsche Firma GoalControl überwacht beim Confed Cup mit High-Tech-Kameras die Torlinie.

Von Joel Stubert

Er war dabei. Ganz nah. Als der Ball an jenem 30. Juli 1966 im Londoner Wembley-Stadion von der Unterkante der Torlatte auf die Linie prallte, stand Horst-Dieter Höttges rund sechs Meter entfernt. Sein englischer Gegenspieler Geoffrey Hurst hatte nach 100 Minuten des WM-Finals den Ball geschossen – und das legendäre "Wembley-Tor" erzielt. "Ich konnte trotzdem nicht genau sehen ob es ein Tor war, weil unser Torwart in meinem Sichtfeld war", schildert der 68-fache Nationalspieler stern.de.

Heute ist sich der 69-Jährige dennoch sicher: "Das war eine Fehlentscheidung, wie man auch im Fernsehen erkennen kann. Meine Mitspieler Weber und Haller haben es mir auch gleich gesagt." Dass Deutschland das Spiel ohne diesen Schiedsrichter-Fehler gewonnen hätte, so weit will Höttges nicht gehen. "Aber es hätte uns helfen können. Hoffen wir, dass sich eine solche Situation nie wiederholt."

3D-Simulation des Balles im Raum

Dafür soll künftig Torlinientechnologie sorgen. Die Fifa entschloss sich am 19. Februar dieses Jahres endgültig, den Schiedsrichtern eine technische Hilfe an die Seite zu stellen. Tor oder nicht Tor, das entscheiden beim Confederations Cup 14 extra installierte High-Tech-Kameras. Sie erzeugen eine 3D-Simulation des Balles im Raum. Dass die Kameras den Ball auch als solchen identifizieren und nicht etwa mit einem Kopf verwechseln, das ist eine der Schwierigkeiten. Hat der Ball die Linie vollständig überquert, wird der Schiedsrichter informiert - auf seiner Armbanduhr. Anfang April fiel die Wahl auf das kamerabasierte System der Firma GoalControl aus Würselen, in der Nähe von Aachen.

"Wir freuen uns, denn der Wettbewerb war nicht einfach, da es um zwei ganz unterschiedliche Technologien ging und beide ihre Vorteile haben", sagt Björn Lindner von GoalControl im Gespräch mit stern.de. Neben zwei kamerabasierten Systemen standen auch zwei magnetfeldbasierte Technologien zur Wahl. Diese funktionieren mittels eines Chips im Ball (Cairos) oder dreier magnetischer Spulen unter dessen Außenhaut ("GoalRef" vom Fraunhofer Institut). Dabei verändert das vollständige Überschreiten des Balles ein Magnetfeld, das im Tor aufgebaut wird.

Doch die Fifa entschied sich gegen eine Veränderung des Spielgeräts. "Wir wollten ein System anbieten, das mit den vorhandenen Gegebenheiten wie Ball, Torrahmen und Tornetz funktioniert", erklärt Lindner. Das war am Ende entscheidend. "Insbesondere die Fähigkeit des Unternehmens, sich den lokalen Gegebenheiten anzupassen, und die Kompatibilität jedes Systems mit dem Fifa-Spielbetrieb" habe den Ausschlag gegeben, hieß es in der Begründung der Fifa vom 2. April 2013.

DFL und DFB halten sich noch bedeckt

Vor drei Jahren war eine solche Entwicklung noch undenkbar. Zu konservativ zeigte sich die Fifa Regeländerungen gegenüber. Doch dann kam das WM-Achtelfinale 2010 zwischen Deutschland und England. Frank Lampard hämmerte den Ball an die Latte, von dort sprang er klar hinter die Torlinie. Doch Schiedsrichter Larrionda ließ weiterspielen, England schied aus. "Nach dieser Erfahrung nahmen wir die Diskussion über ein System, das wir zur Unterstützung des Schiedsrichters einsetzen könnten, wieder auf", sagte Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke am Rande der Klub-WM 2012 in Japan, bei der schon einmal zwei Torlinientechnologien getestet wurden.

Für Höttges ist das die logische Konsequenz der Entwicklung des Fußballs. "Um bei Entscheidungen sicherzugehen, sollte man die Mittel nutzen, die zur Verfügung stehen", sagt der Ehrenspielführer von Werder Bremen. In der Bundesliga muss Höttges allerdings noch eine Weile auf technische Hilfsmittel warten. DFL und DFB halten sich derzeit bedeckt, vor der Saison 2014/15 wird es keine Änderungen geben.

Ist die Torlinientechnik nur der Anfang?

Höttges kann das nicht verstehen: "Für die Schiedsrichter ist es einfach besser." Sicher ist, dass die Anforderungen für die Unparteiischen proportional zur Geschwindigkeit des Spiels ansteigen. Und Lindner hat recht, wenn er sagt: "Die Frage, ob man einen Schiedsrichter bevorzugt, der nur zu 80 Prozent richtig entscheidet oder einen anderen, der zu 95 Prozent korrekt ist, wird eigentlich auch von Technologiekritikern immer zu Gunsten des Letzteren beantwortet. Und Torlinientechnologie liegt nahezu bei 100 Prozent." Eine Hilfe für die Referees, die Fifa-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer gern annimmt: "Es ist die einzig richtige Entscheidung. Es gibt keinen einzigen Bundesliga-Schiedsrichter, der sich nicht über diese Entscheidung freut." Auch der Sprecher von GoalControl sieht das ähnlich: "Die Emotionen im Sport sollten nicht Fehlentscheidungen des Schiedsrichters entstehen." Am Beispiel des Selbstmordversuchs von Bundesligaschiedsrichter Babak Rafati kann man erahnen, welch großer Druck auf die Unparteiischen einwirken kann.

Höttges sieht die Evolution noch nicht als beendet. "Ich denke, dass die Entwicklung weitergeht. Ich würde alles ausreizen was geht. Auch Elfmeter oder andere Entscheidungen sollten überprüft werden." In anderen Sportarten wie Hockey oder Rugby ist der Videobeweis schon längst Teil des Spiels. "Der Videobeweis wäre auch im Fußball eine zeitgemäße Entwicklung", sagt der aktuelle Trainer von Werders U-15. "Das Spiel wird heutzutage sowieso laufend unterbrochen. Etwa durch Diskussionen oder Verletzungspausen - das würde sich einspielen."

Ganz so weit in die Zukunft will Lindner noch nicht schauen - die Fifa hat den Auftrag erst einmal nur für den Confederations Cup 2013 vergeben. "Ich denke, wenn die Systeme da gut funktionieren, stehen unsere Chancen für die WM 2014 nicht schlecht", ist er optimistisch. Sechs Stadien sind gerade so fertig geworden für das Turnier, alle versehen mit 14 High-Tech-Kameras aus Würselen bei Aachen. Und sollte in einem ein Ball von der Unterkante der Latte auf, hinter oder vor die Linie prallen - die Diskussionen dauerten deutlich kürzer als die 47 Jahre, die seit dem "Wembley-Tor" nun schon vergangen sind.

Wissenscommunity