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Fußball-WM: Die DFB-Elf vor Schweden: Neues Lager, neues Spiel, neues Glück?

Ungewohnt offen bezichtigt sich die Elf der Sorglosigkeit. Aber wie viel Veränderung verträgt sie überhaupt?

Von Mathias Schneider

Joshua Kimmich, Thomas Müller und Toni Kroos stehen im grünen Trainingstrikot auf einem sonnigen Trainingsplatz

Schaffen Joshua Kimmich, Thomas Müller und Toni Kroos (v.l.n.r.) gegen Schweden eine bessere Leistung als im Mexiko-Spiel?

DPA

Endlich daheim. Endlich an jenem Ort, der ihm im Vorjahr so sehr ans Herz gewachsen ist. Hier residierte er  mit seiner Crew beim Confederations-Cup. Also lässt Joachim Löw den Ball auf seinem Fuß tänzeln, bevor das Vormittagstraining richtig beginnt. Das Schwarze Meer ruht kaum mehr als einen Steinwurf entfernt friedlich in der Sonne. Urlaub verheißt die Szenerie. 

Löw hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er an die Kraft einer schönen Umgebung glaubt. Er ist in solchen Fragen durchaus esoterisch veranlagt. Sotschi, dieses aus dem Boden gestampfte Urlaubsparadies, mag nicht immer durch Geschmack betören – Schlösschen und Riesenräder lassen den Küstenstreifen ein bisschen an Las Vegas erinnern – doch niemand wird bestreiten, dass bei 30 Grad und gleisendem Sonnenlicht das Nationalspieler-Leben schon wieder ganz anders aussieht. Und auch ein Bundestrainer braucht seine Ruhepausen, um den Kopf wieder klar zu bekommen. Der Teammanager Oliver Bierhoff spricht denn auch folgerichtig von einem "guten Break von der Moskau-Zeit".

Viele Gewissheiten der Ära Jogi Löw sind gebrochen

Drei Tage ist Mexiko-Gate nun also her, jene 0:1-Niederlage zum Auftakt dieser WM, die vor allem in ihrem Zustandekommen verstörte. Saftlos und taktisch desorientiert hatten sich die Deutschen präsentiert und waren offenbar selbst am meisten über sich erschrocken. 90 Minuten im Luschniki-Stadion von Moskau hatten gereicht, um mit vielen Gewissheiten der Ära Löw zu brechen. Weder taktisch geordnet hatten die Elf agiert, noch schien sie wirklich bereit für einen großen Kampf. Beides hatte es unter dem Tüftler Löw nie zuvor gegeben. 

Hart wie ein Dropkick in den Unterleib muss dieses Spiel getroffen haben, auch deshalb dauern die Aufräumarbeiten noch an. Nach dem Kapitän Manuel Neuer ("Die Hauptursache liegt bei uns Führungsspielern, dass wir auf dem Platz nicht bereit waren, das zu regeln.") war es nun an Teammanager Oliver Bierhoff und Thomas Müller, über den aktuellen Stand der Reparaturen zu unterrichten.

Teaminterne und öffentlich Meinung identisch

Und es sind ungewohnte Töne, die da dieser Tage aus dem Camp nach außen dringen. Wo schon einmal zarter Trotz sonst die Antworten auf bohrende Fragen begleitet – eine Niederlage und alles wird schlecht geredet – scheint es fast, als seien öffentliche und teaminterne Meinung in Sachen Analyse dieses Spiels weitgehend identisch. "Der große Teil der Kritik ist auch gerechtfertigt", erklärte Teammanager Oliver Bierhoff, sonst nicht im Verdacht, allzu schnell gegen die eigene Überzeugungen umzuschwenken. "Tiefer" sei die Mannschaft gegangen in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst. 

Und doch offenbart sein Nachsatz, wie schwer sich das Team auch unter Sonne und Palmen tut, die richtigen Schlüsse aus einem Spiel zu ziehen, in dem Männer wie Mesut Özil, Timo Werner, Sami Khedira oder auch Thomas Müller weit unter Form blieben. "Wir haben irgendetwas vermissen lassen", erklärte Bierhoff ratlos, "wir haben in den letzten Jahren bestimmte Prinzipien eingeführt, die haben wir nicht eingehalten". Es werde schon "irgendeinen Impuls" durch Löws Trainerstab geben.

Geht es mit der DFB-Elf abwärts oder aufwärts?

Es ist etwas ins Rutschen geraten in dieser Nationalmannschaft, und noch steht nicht fest, ob abwärts oder aufwärts geht. Reibung hat dieses 0:1 erzeugt, wo offenbar all die Siege der letzten Jahre eine gewisse Routine im Kader haben entstehen lassen: Meine Position, mein Weltmeistertitel, meine Meisterschaft. Es ist die Routine des Gewinnens, die sie alle hat unvorsichtig werden lassen. Den Hebel umlegen, das würden sie können, wenn es losgeht, da waren sie sich sicher. Das Gegurke in der Vorbereitung? War doch schon immer so. "Wir haben die Situation falsch eingeschätzt. Wir haben gedacht, dass wir mit einer gewissen Frische auf dem Platz stehen, wenn das Turnier losgeht. Wir konnten unsere Leistung nicht steigern", erklärte Thomas Müller.

Der Ortsname des Hauptquartiers der Deutschen Nationalmannschaft sorgt allgemein für Verwirrung – und Wortwitz. Unsere russisch-sprachige Kollegin löst auf.

Nun stehen plötzlich große Fragen im Raum, die Löw in den folgenden Tagen zu beantworten hat: Kann er diese Elf vitalisieren? Vor allem: Nimmt er fundamentale Veränderungen vor? Auf die Gefahr hin, auf der Grundlage eines einzigen Spiels ein Gerüst einzureißen, das so lange trug. Die  Aufkündigung der eigenen Prinzipien bedeutete dies. Den viel zu offensiven Khedira nach einer einzigen Partie auf die Bank zu verbannen, hieße, einen Mann, der seit acht Jahren Weltklasse verkörpert, zum Bauernopfer zu erklären.

Bekommt Sami Khedira Strafraum-Verbot?

Wie Khedira dieser Elf helfen könnte, das demonstrierte einst der Trainer Jose Mourinho. Statt ihm weiter seine Tempoläufe in des Gegners Strafraum zu gestatten, erteilte der Portugiese damals bei Real Madrid dem jungen Khedira Hausverbot in des Gegners Strafraum. Keinesfalls sollte Khedira seine angestammte Position im defensiven Mittelfeld verlassen. Die Offensive, das war das Metier der Benzemas und Ronaldos. 

Gegen Mexiko schien es bisweilen, als wollte Khedira diesem Spiel alleine seinen Stempel aufdrücken. Statt das Leder um den Strafraum zirkulieren zu lassen, wie sonst vor der Tempoverschärfung in die Tiefe üblich, lief er sich immer wieder fest. Es sind wohl solche Szenen, die Bierhoff meinte, als er von  der Abkehr der eigenen Philosophie sprach. Es sind solche Szenen, von denen Thomas Müller sprach, als er erklärte: "Ballverluste passieren ja auch, weil man überehrgeizig ist. Weil man es zu gut meint und unbedingt auf einer Seite durchbrechen will."

Kommt der Ruck zu spät?

Der alte Khedira Mourinho'scher Prägung könnte allerdings durchaus jenen Wellenbrecher darstellen, der verhindert, dass abermals des Gegners Offensive völlig unbedrängt dem deutschen Tor zustrebt, ein Unding im internationalen Fußball. Selbst im eigenen Camp waren sie ob dieser Fehlleistung schockiert.

Es ist heiß geworden rund um diese Nationalmannschaft, in jeder Hinsicht. Beinahe scheint es, als sei diese Elf ruckartig aus ihrer Lethargie erwacht. In drei Tagen wird man erfahren, ob es zu spät war.

tkr

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