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TV-Rechte: Das Aus für die "Sportschau"?

Beim Workshop zur Medienzukunft in Fußball-Deutschland liefert Christian Seifert, der Visionär der Deutschen Fußball-Liga, erste sachdienliche Hinweise, warum die ARD-Sendung nicht mehr zu halten sein könnte.

Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main

Keine Frage, Christian Seifert gefiel es nicht, in dem engen Geviert zwischen Fahrstuhl und Toiletteneingang zu plaudern. Erstens gehört dies sich nicht für den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), zweitens waren dem 38-Jährigen die bohrenden Fragen auch zu brisant. Also hielt Seifert eine ganze Weile die Klinke in der Hand zum Treppenhaus, ehe er entschwand. Aber blieb den Teilnehmern am Medienworkshop der DFL in der Guiollettstraße im Frankfurter Westend etwas anderes übrig, als Seifert bis hierher nachzustellen? Der Mann selbst gefiel sich in seinem spannenden Vortrag "Bundesliga fit für die mediale Zukunft" in der Rolle des Visionärs. Wortgewandt und gewitzt, aber auch beinahe gefährlich geschäftsmäßig zeichnete er konkreter als zuvor die Zukunft auf dem TV-Markt für das Fußball-Land Deutschland. Vorweg die schlechte Nachricht für manch Bundesliga-Romantiker: Die ach so beliebte ARD-Sportschau ist akut gefährdet.

"Über die ein oder andere unpopuläre Maßnahme diskutieren"

Von 2009 an will die DFL jährlich 575 Millionen Euro für die Liga aus den TV-Rechten erwirtschaften, drei Milliarden Euro für sechs Jahre garantiert die von der DFL mit der Inlandsvermarktung beauftragte Agentur Sirius, ein Tochter-Unternehmen der zu Kirch gehörenden KF 15 GmbH. Seifert hält das für ein schlaues Modell, "sonst wären wir weiter in der Einbahnstraße gefahren". Eines ist klar: Der 38-Jährige, vor zwölf Jahren noch Student an der Uni Essen, verteidigt den Kirch-Deal mit Händen und Füßen. Schließlich hat Seifert das Comeback des 80-jährigen Medienmoguls ja selbst monatelang vorbereitet. Dazu sollte man wissen: Vor dem Zusammenbruch dessen Imperiums drehte Seifert als Leiter der Abteilung Produktmanagement der Firma MGM Media Gruppe München selbst am Rad im großen Kirch-Getriebe. Skrupel eingedenk der Kirch-Krise plagen ihn keine: "Die Kirch-Gruppe ist nicht das, was sie damals war - die DFL aber auch nicht." Logisch daher nur, dass sich die DFL-Geschäftsführung vor den konkreten Verwertungsszenarien nicht positionieren will. "Letztes Mal haben wir den Spagat in alle Richtungen geschafft; waren fanfreundlich, haben das Free-TV, die Sponsoren befriedigt und hohe Umsätze erzielt", sagte Seifert, nun aber müsse man gewiss über "die eine oder andere unpopuläre Maßnahme diskutieren." Nämlich eine Abschaffung oder Verschiebung der Sportschau auf 22 Uhr. Seifert beeilte sich, in diesem Zusammenhang festzuhalten: "Das wird keine Entscheidung der DFL, sondern der Bundesliga." Fest steht, "dass es ein Verwertungsszenario mit der Sportschau und eines ohne" geben werden. Die Liga-Vertreter erhielten überdies im nächsten Jahr "endverhandelte Ergebnisse" präsentiert, über die abzustimmen sei. Die Ausschreibung erfolgt konkret im April nächsten Jahres.

Die derzeitigen Erlöse aus den TV-Rechten - 440 Millionen Euro im Jahr - begleichen zu 76 Prozent Premiere und ARD. Beiden Partner waren über das neue, von 2009 bis 2015 greifende Vermarktungsmodell nicht gerade erfreut: Der Pay-TV-Anbieter mäkelte, dass er plötzlich ein sendefertiges Produkt (Bundesliga-TV) übernehmen soll, welches Sirius und DFL gemeinsam erstellen lassen. Die Öffentlich-Rechtlichen mokierten sich darüber, dass ihre überragende Bedeutung für die Sponsoren nicht genug gewürdigt wird. Seifert setzt beide Partner unter Druck. "Wir werden ein Szenario entwerfen, mit dem sich eine blühende Pay-TV-Landschaft entwerfen lässt", erklärte er in Richtung Premiere. "Die Sportschau ist die Sendung mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis", entgegnete er in Richtung ARD, was sogar wie eine Drohung klang. Ob die neuen Optionen für beide jeweils noch bezahlbar sind, sagte Seifert nicht.

"Abhängig von einem Pay-TV-Anbieter"

Die DFL und die Beteiligungsgesellschaft KF 15 (gleichbedeutend mit der Kardinal-Faulhaber-Straße 15 in München, wo Kirch sein Büro hat) mit dessen Geschäftsführer Dieter Hahn setzen ganz darauf, dass sich der eigenwillige, weil bislang nicht ausreichend vom Pay-TV getriebene deutsche Konsument noch erziehen lässt. Und Plattformen und Programme nutzt, IPTV oder Handy-TV kauft, nur weil dort die Fußball-Bundesliga läuft. Der Ligaverband in Person von Seifert glaubt an das "weltweit einzigartige Vermarktungskonzept", das Planbarkeit und Wachstumschancen liefere. "Mit einer Umstellung von dem Rechte- auf den Produktionsbetrieb schaffen wir mehr Wettbewerb." Der frühere Medien und Marketing Vorstand der KarstadtQuelle New Media AG hat da immer die Premier League als leuchtendes Beispiel vor Augen, während in Deutschland die Spieleinnahmen und das Merchandising begrenzt, die Werbeeinnahmen ausgereizt, die Transfereinnahmen zufallsgetrieben seien. In England, so Seifert, würde statt wie in der Bundesliga 18 Euro pro Eintrittskarte 45 Euro verlangt, dort steuere allein die Auslandsvermarktung fast ein Drittel der Fernseheinnahmen bei, seien 45 Prozent der Haushalte ans Pay-TV angeschlossen, bleche das Bezahlfernsehen 33mal so viel wie das Free-TV für die Fußballrechte und sei Sky so mächtig wie kaum ein anderer Pay-TV-Sender der Welt. Seifert klang fast wehmütig, als er ausführte: "In der internationalen Entwicklung sind wir weit abgeschlagen: Das Pay-TV in England werden wir nicht einholen. Wir müssen den deutschen Markt so akzeptieren wie er ist." Wagemutig prescht er trotzdem vor. Denn: "Wir sind sonst auf Gedeih und Verderb von einem Pay-TV-Anbieter abhängig." Da träumt selbst der Visionär nicht mehr: "Es ist kein zweiter Ritter in Sicht, so sehr wir ihn uns wünschen."

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