HOME

Uefa-Pokal: Werder hofft auf das Wunder von Mailand

Weil die Milan-Stars sich an der Weser nicht verausgabt haben, darf Werder auf das Wunder im Uefa-Cup hoffen. Gegen den AC Mailand haben die Bremer nach dem 1:1 im Hinspiel dennoch am nächsten Donnerstag im San Siro die schlechteren Chancen. Das sieht selbst Bremens Bester, Torschütze Diego, so.

Von Frank Hellmann, Bremen

Auf diesen einen Moment um kurz vor Mitternacht im Bremer Weserstadion hatten die Handvoll Sympathisanten der Rossoneri nur gewartet. Die schwere Eisentür an der zugigen Ecke der Ostkurve ging auf und heraus trat mit einem breiten Lächeln die neue Stil-Ikone des AC Mailand. Da war er, der Langersehnte. David Beckham. Sofort stimmten die Tifosi wilde "David, David"-Sprechchöre an, was der 33-jährige Protagonist mit einem breiten Grinsen quittierte. Aber einen Gang vor die Mikrofone und Kameras mied der Engländer manisch. Wie Ronaldinho telefonierend zum Bus gehetzt war, schlenderte Beckham grinsend, aber ebenfalls gleichwohl ohne jede Auskunft vorbei. Aus gutem Grund: "David hat nur zwei Minuten mitgespielt. Im Rückspiel wird er 90 Minuten mitmachen, und dann wird er auch wieder Interviews geben", gab Trainer Carlo Ancelotti später zu Protokoll.

Der sparsame Auftritt des leicht am Oberschenkel blessierten und deshalb für 89 Minuten auf die beheizte Ersatzbank verbannten Beckham passte gut zum Gesamteindruck, den der italienische Renommierverein an der Weser hinterlassen hatte. Mit minimalem Aufwand das Maximale erreichen. Das 1:1 (0:1) - am Ende mehr als leistungsgerecht - lässt in erster Linie die alternden Milan-Recken im Rückspiel am nächsten Donnerstag im ruhmreichen San Siro auf den Einzug ins Achtelfinale des Uefa-Cups hoffen. Zumal dann neben Beckham auch wieder Kaka und Supertalent Pato mitspielen, zwei Brasilianer, die für den AC Mailand in der aktuellen Verfassung noch wichtiger sind als Diego für Werder Bremen.

Das weiß auch der 23-jährige Genius im grün-weißen Trikot. "Vor diesem Spiel waren die Chancen 50:50, jetzt sind sie 40:60", gestand Diego ein, "aber wir fahren nach Mailand, um dort zu gewinnen." Sein Arbeitgeber hätte sich ohne ihn vermutlich die Dienstreise ganz sparen können, denn erst ein Geistesblitz der Bremer Nummer zehn rettete den Hanseaten das Remis und damit die Hoffnung. Perfekt, wie Diego den vom glücklosen Hugo Almeida per Kopf vorgelegten Ball mit der Brust annahm und aus der Drehung mit links am starken Torwart Dida vorbei ins Netz jagte (84.) - spät, aber nicht zu spät wurde Werder für seinen Aufwand, sein Anrennen belohnt.

"Ich habe mich gut gefühlt, aber die lange Pause noch gemerkt. Wir können nicht zufrieden sein, so wie es gelaufen ist. Das Tor am Ende war unglaublich wichtig", teilte Diego mit. Im Gegensatz zu Beckham oder Ronaldinho war der Bremer Star nach dem Duschen auch auskunftsbereit - genau wie er machte auch sein dreijähriger Neffe Kauhe ein ziemlich verstörtes Gesicht. Der Knirps trug einen putzigen Werder-Schal, auf dem orangefarben die 10 und die Aufschrift Diego prangte und grün-weiße Schminke zierte sein Gesicht, doch der Rummel um seinen Verwandten irritierte ihn sichtlich.

Aber auch er merkt vielleicht: So lange Diego in Bremen zaubert, ist er natürlicher Mittelpunkt des Werder-Spiels. Lange rieb sich der Genussfußballer (und neuerdings auch Lebemann) als Ballschlepper und Ballverteiler auf, doch es sprach für Diego, über Kampf und Einsatz auch zum Taktgeber und Torschützen zu avancieren. Lob gab es deshalb für den zuletzt in der Liga noch gesperrten Regisseur von allen Seiten. "Das war von Diego ein gutes Zeichen, ein gutes Signal", sagte Trainer Thomas Schaaf später "Wir haben in der zweiten Halbzeit mehr oder weniger auf ein Tor gespielt, und das gegen den AC Mailand. Das macht Hoffnung. Ein 1:1 gegen Milan ist nicht schlecht, aber nicht gut genug für den Aufwand, den wir betrieben haben. Es wäre noch mehr drin gewesen."

"Wir machen Fehler, die nicht zu erklären sind"

Damit dürfte die turbulente Szene der 90. Minute gemeint gewesen war, als die italienische Passivität der zweiten Halbzeit sich beinahe als Rohrkrepierer entpuppt hatte. Daniele Bonera lenkte den Ball mit dem Kopf an den eigenen Pfosten, doch Claudio Pizarro, im Abschluss ähnlich glücklos wie Kollege Almeida, brachte das Kunststück fertig, den Ball von der Torraumlinie ins Nirwana der Hintertortribüne zu dreschen.

Es waren Szenen wie diese, weshalb Sportchef Klaus Allofs hinterher trotz eines ansehnlichen Europapokalspiels ein recht trübes Fazit zog. "Wir haben ganz gut gespielt, aber wenn man eine Runde weiterkommen will, muss man noch mehr tun." Die erste Halbzeit hätten ihm Mut und Mumm gefehlt, "da muss man mehr wagen." Und: "Die letzten Wochen haben am Selbstbewusstsein genagt. Wir machen Fehler, die nicht zu erklären sind."

Damit war der Aussetzer seines, von Bundestrainer Joachim Löw mittlerweile ausgebooteten, Nationalverteidigers Clemens Fritz gemeint. In der 36. Minute spielte der 28-Jährige dem Gegner den Ball vor dem eigenen Strafraum fast fahrlässig in die Beine ( Allofs: "Jeder weiß, dass man so einen Ball nicht quer spielt - eine Todsünde"), natürlich war es Schreckgespenst Filippo Inzaghi, der 35-jährige, aber irgendwie alterslose Milan-Torjäger, der diesen Fauxpas im Nachsetzen bestrafte. Gut, dass der seit Monaten formschwache Fritz erst gar nichts beschönigte. "Ein katastrophaler Fehler von mir. Ich will den Ball wegschlagen und treffe ihn nicht richtig."

"Die haben eine Menge Luft nach oben"

Unter dem Strich wiegt der Blackout schwer. "Wir fahren nicht ohne Hoffnung nach Italien", analysierte Allofs, "aber wir müssen uns erheblich steigern." Weil der mit nationalen und internationalen Titeln dekorierte Widerpart eben eine Menge individuelle Klasse besitzt, die an diesem kalten Februar-Abend nur in wenigen Phasen aufblitzte. Clarence Seedorf etwa deutete in einzelnen Szenen an, welche einzigartigen Pässe er auch mit 32 Jahren noch spielen kann, Ronaldinho dokumentierte nicht minder eindrucksvoll, dass er mit 28 Jahren sich schon auf das Laufpensum eines 38-Jährigen beschränkt und sich allein nur noch über seine Ballfertigkeiten definiert. Aber auch das kann im zweiten Vergleich im Westen der Modemetropole der Lombardei ja schon ausreichen. "Wenn man sie spielen lässt", ahnt Werders Abwehrchef Per Mertesacker, "dann haben die eine Menge Luft nach oben."

Aber der lange Lulatsch der Bremer Verteidigung schöpft aus dem 1:1 bei Inter Mailand, das seine Mannschaft an selber Stelle in der Champions-League-Gruppenphase erreicht hat, Hoffnung, "Inter spielt den athletischeren Fußball als Milan. Wir müssen im Rückspiel einiges zeigen, dann wird es richtig spannend."

Schließlich ist es für Werders weiteren Weg ein Fingerzeig. Ein Weiterkommen gegen den erklärten Favoriten des Wettbewerbs könnte den in der Liga ins Mittelmaß abgesackten Bremern einen Schub geben. Ein Ausscheiden wäre ein Stimmungsdämpfer - auch für das schwierige DFB-Pokalviertelfinale eine Woche später beim VfL Wolfsburg (4. März.). Und im Grunde sind die Cup-Wettbewerbe für Werder Bremen ja die letzte Hoffnung, eine ziemlich verkorkste Saison irgendwie noch zu retten.

Wissenscommunity