VfB Stuttgart Der Meister in der Falle


Wie im Rausch gewann der VfB Stuttgart im Mai den Titel, nun der verblüffende Absturz. Manager Horst Heldt vertraut in der Krise auf die Kraft der ruhigen Hand - Kritiker halten es für Angststarre.
Von Mathias Schneider

Nach dem Tor, das alle erlöste, hat der Manager nicht gelächelt. Er ballte nur die Faust, Freude konnte Horst Heldt nicht empfinden, am Samstag, beim 1 : 0 gegen Bayer Leverkusen. Es war nur ein erster kleiner Schritt aus dieser monströsen Krise. Der deutsche Meister VfB Stuttgart, wenigstens macht er sich nicht mehr lächerlich. Zwei Tage zuvor, Donnerstagabend, saß Heldt am Esszimmertisch in seinem renovierten Loft im Stuttgarter Süden, er hatte eine ungewöhnliche Miene aufgesetzt: gelassen, aber ernsthaft. Vor fünf Monaten, kurz vor dem Titelrausch, hatte er genauso ausgesehen. Nicht nach Triumph oder Tragik, sondern nach Horst Heldt. Er scheint sich nicht verändert zu haben in dieser Zeit, um ihn herum jedenfalls hat er nichts verändert. Menschen, die schwere Phasen durchleben, neigen ja dazu, alles in ihrem Leben auf den Kopf zu stellen. Möbel werden verschoben, der Kleidungsstil ändert sich. Eine neue Identität als Ausweg, wenn die alte versagt. Horst Heldt glaubt an die Kraft der Kontinuität. In der Wohnung mit den dunkel gebeizten Holzdielen steht vom Sofa bis zum Fernseher noch immer alles an seinem alten Platz.

Auch die Marke des Wassers, das Heldt serviert, ist geblieben. Wenn man zuhört, ohne auf den Inhalt zu achten, wie er sanft formuliert, könnte man glatt meinen, es sei noch alles wie damals, im wunderbaren Mai. Und doch ist alles anders. Denn Heldt muss nun den Absturz erklären. Null Punkte in der Champions League, in der Bundesliga die Abstiegsränge im Blick, der Trainer des Jahres, Armin Veh, plötzlich angezählt - es hätte nicht viel übler kommen können. "Das nagt schon an der Substanz“, sagt Heldt, er nippt an seinem Spezi. „Aber soll ich jetzt hier rumheulen und sagen, dass ich nur noch mit Baldrian schlafen kann?" Mehr mag er zu seiner Gefühlslage nicht verraten. Heldt ist 37 Jahre jung, er kann Gegenwind gut aushalten, man darf sich da nicht täuschen. Den Trainer Giovanni Trapattoni entließ er im Februar 2006, eine seiner ersten Maßnahmen, um auf den damals arbeitslosen Armin Veh zu setzen. Der Widerstand aus dem eigenen Aufsichtsrat war ihm gewiss. Als Veh und Heldt ein Jahr später zusammen Meister geworden waren, ließ sich der Aufsichtsrat feiern. Nun, in der Krise, stellt sich der Manager in den Sturm. Da hat Horst Heldt was von Uli Hoeneß. Bei diesem, dem Bayern- Regenten, hat er sich einiges abgeguckt, zum Beispiel, in einer Krise der Krise ein Gesicht zu geben: seines.

"In Frankfurt wollten sie mich einmal lynchen"

Um jenen, die wirklich angeschlagen sind, einen Moment Pause zu gönnen. "Jetzt gilt es in vorderster Front, jetzt bin ich es, der Rede und Antwort stehen muss", sagt Heldt. "Die Kunst ist, das nicht an sich ranzulassen. So wie man sich im Erfolg nicht blenden lassen darf, darf man sich im Misserfolg nicht von der Untergangsstimmung mitreißen lassen." Ob er im schlimmsten Fall genug Distanz hätte, um seinen Freund Veh zu entlassen? Heldt blickt einem in die Augen, zögert nicht: "Ja. Wir sagen uns ehrlich, ob es noch Sinn hat oder nicht. Und es hat noch Sinn." Heldt hat in seinen 16 Profijahren 359 Bundesligaspiele gemacht. Er weiß, wie es sich für Spieler anfühlt, wenn sich die Welt um einen herum abwendet. "In Frankfurt wollten sie mich einmal lynchen, weil ich im Abstiegskampf einen Elfmeter verschossen habe. Da hing mein Kopf auf Plakaten am Galgen, und die Polizei musste mich nach Hause bringen." Schon deshalb treibt er keinen Star durchs Dorf, an dem sich der Frust der Fans entladen könnte. "Ich könnte es mir leichter machen und einen Spieler an den Pranger stellen und sagen: Stirb! Aber das wird es nicht geben, nur weil es ein paar im Umfeld erwarten."

Die Verantwortlichen litten wochenlang still und freuten sich am Samstag still, wie um das große Ganze nicht zu gefährden. Sie ertragen unwidersprochen die hämischen E-Mails, die sie auch vom eigenen Anhang empfangen. Sie nehmen in Kauf, dass auf viele ihre Methode der ruhigen Hand wirkt wie Angststarre. Dass sich bislang kein Riss zeigte in der ganzen Gemeinschaft, und das in Stuttgart, wo man die Trainer in der Vergangenheit verschliss wie Kickstiefel, ist eine Sensation. Selbst Aufsichtsratschef Dieter Hundt kündigte an: "Ich werde mich massiv dagegen einsetzen, eine Trainerdiskussion zu führen." Doch es ist ja noch lange nicht überstanden. Im Pokal geht es diesen Mittwoch gegen den Zweitligisten Paderborn, das sollte zu schaffen sein, aber verliert der VfB Samstag in Nürnberg, geht das Gebibber wieder los. Man fühle sich "wie unter einer Käseglocke", sagt der Finanzmanager Jochen Schneider, der Heldt im Büro gegenübersitzt und zu einem Freund geworden ist. Man könne einfach auch im Alltag kein Glück mehr empfinden. "Neulich bin ich am Sonntag aufgewacht, die Sonne schien, ich habe mich richtig super gefühlt. Doch dann meldete sich gleich diese innere Stimme, die mir gesagt hat, dass eben nicht alles okay ist." Es erinnert an eine chronische Krankheit, Horst Heldt spricht von der "Seuche", die man sich gefangen habe. Man fragt sich nur, wie sie ausbrechen konnte.

Sie fanden keine Antwort, als sich das Glück zu wenden begann

Sie wussten ja, dass viele Überraschungsklubs in der Folgesaison einbrechen. Also waren sie in Stuttgart das Problem angegangen, wie Schwaben so etwas angehen: mit großer Gewissenhaftigkeit. Frühzeitig verlängerte Heldt die Verträge mit seinen Talenten, die über Nacht zu Stars geworden waren: Serdar Tasci, Mario Gomez, Sami Khedira, Roberto Hilbert, allesamt Kandidaten für die EM 2008 - ein grandioser Jahrgang war ihnen da zugefallen. Ihn wollten sie pflegen wie einen kostbaren Setzling. Also blieben sie standhaft, als die Konkurrenz die Jungen umschmeichelte. "Wenn ich im Sommer jedem Angebot nachgegangen wäre, hätten wir 80 Millionen Euro einnehmen können", sagt Heldt. Stattdessen investierten sie. Über 40 Millionen Euro pumpen sie allein in dieser Saison in den Spielerkader, damit gehören sie in der Gehaltstabelle zur Spitze der Bundesliga. Nein, man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie das Risiko gescheut hätten. Aber sie fanden keine Antwort, als sich das Glück zu wenden begann. Alles, was noch vor Monaten richtig war, schien plötzlich falsch zu sein. Verletzungen warfen die Elf aus der Bahn, die gestiegenen Erwartungen lähmten sie. Hilbert, Gomez, Khedira und Tasci gehören noch zur Fraktion der Lernenden, keiner älter als 23 Jahre, aber welcher Spieler will so etwas hören, wenn er schon im ersten Jahr an die Spitze gestürmt ist?

In die Meistersaison waren sie als ein Haufen Außenseiter gestartet, am Ende mündete alles in einen Rausch, eine Art Orgie der positiven Energie. Nach dem letzten Spieltag säumten Hunderttausende Stuttgarter die Straßen der Stadt. Sie zerrten an den Kleidern der jungen Männer, schrien hysterisch ihre Namen, wie man es früher bei den Beatles hörte. Manager Heldt musste im Autokonvoi mit Trainer Veh den Platz tauschen, die vor Jahren operierte linke Hand begann wieder zu schmerzen, weil ein jeder daran zog. Die Menschenmassen, die Gesänge, die herausbrechenden Gefühle, es waren surreale Bilder, die auch Beobachter über Wochen nicht mehr losließen. Man kann nur erahnen, wie tief sie sich in die Erinnerung der Burschen gegraben haben müssen, wenn selbst Veh und Heldt die Wucht der Emotionen kaum ertragen konnten. In den hintersten Teil der Bühne hatten sie sich verkrochen, damals, 19. Mai, nachts um halb zwölf auf dem vor Glück berstenden Schlossplatz. Sie hätten in der Zuneigung der Anhänger baden können und haben es doch nicht getan. Schon deshalb verdienen beide keine Häme. Alle Beteiligten hatten für diesen Erfolg über ihre Verhältnisse gelebt. Die kurze Sommerpause reichte nicht, sich zu erholen, körperlich wie geistig. Als die neue Saison begann, wirkte die Mannschaft wie ein Kollektiv Zeitreisender, das sich weigert, in der Gegenwart anzukommen.

"Ich bleibe mir treu, mein Verhalten zur Mannschaft wird sich nicht ändern"

Schön haben sie kombiniert, doch den Kampf nahmen sie nicht an, und so verloren sie und verloren. Von der Meisterelf blieb bald nur noch eine Ruine. Die Neuzugänge entpuppten sich als Mitläufer. Das Selbstvertrauen verflüchtigte sich. Der VfB zeigte plötzlich die klassischen Symptome einer Mannschaft, die nur noch weiß, wie es sich anfühlt, zu verlieren. Der HSV, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen haben ähnlich zweifelhafte Karrieren in der jüngeren Vergangenheit hinter sich, in die Tiefe gerissen von einer unerklärlichen, scheinbar unaufhaltsamen Eigendynamik. "Wir kennen das Phänomen", sagt Armin Veh, "nur Siege können es vertreiben. Vor der Partie gegen Leverkusen wurde sein Krisenmanagement heftig kritisiert, er lasse zu viel laufen, sei kein Kämpfer. Veh antwortete, es hätten Heldts Worte sein können: "Ich bleibe mir treu, mein Verhalten zur Mannschaft wird sich nicht ändern." Sie hätten sehr viele Spieler mit einer hohen Sensibilität, "da helfen nur Gespräche und Zuversicht". Veh selbst gilt als der Sensibelste von allen, doch über sich mochte er nicht sprechen. Es hätte als Schwäche ausgelegt werden können. Man erkennt auch so, wie sehr die Probleme an ihm nagen, wie 46 sieht er nicht aus, einige Falten sind dazugekommen. Er ist in die Defensive geraten, eine Rolle, die ihm gar nicht liegt, weil sie auch am Selbstverständnis kratzt.

"Ich sehe ja die Probleme, aber kann sie nicht ändern", sagte er. Die Verletzungen. Immer wieder die verdammten Verletzungen. Gegen Leverkusen schickt Veh in der Not eine krude Mischung aus Amateuren, Rekonvaleszenten wie Nationalspieler Thomas Hitzlsperger und traumatisierten Profis aufs Feld. Es entwickelt sich ein grausames Spiel, ein Gehacke und Gestocher. In der 72. Minute stolpert der linke Verteidiger Andreas Beck aus heiterem Himmel den Ball über die Linie. Beck hatte bislang in dieser Saison allerdings nur drei Minuten spielen dürfen, nun zählt er zu den Besten, wie der Amateur Julian Schuster, wie all jene, die zuvor nicht die Pleiten schlucken mussten, fünfmal in Folge hatte man verloren. Von Aufbruch ist nach dem Sieg dennoch nicht die Rede. Zu schwach war die Leistung, zu prekär bleibt die Situation, es gab für Horst Heldt wirklich keinen Grund zu lächeln. Immerhin, das Glück ist zurück. Sie sind aufgestanden. Vor allem sein Gefährte Veh. Nach dem 0 : 2 gegen Lyon hatte der minutenlang allein auf seinem Platz verharrt - ausgerechnet der Trainer trug das Bild eines verzweifelten Vereins in die Welt. Gegen Leverkusen stand er prompt 90 Minuten neben der Bank. Wenn nur alle Probleme so leicht zu lösen wären.

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