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Werder-Gegner AC Mailand: Gnadenhof für die Stars von gestern

Der Plan des ruhmreichen AC Mailand: Lieber ein paar alternde Heroen kaufen als unbezahlbare Jungstars. Das ging bislang schief. Ausgerechnet Glamour-Kicker David Beckham, 33, sorgt nun für Hoffnung. Am Abend (ab 20.35 Uhr im stern.de-Live-Ticker) tritt "Becks" mit Milan im Uefa-Cup bei Werder Bremen an.

Von Mathias Schneider

Eigentlich sollte das alles nur ein kleiner Scherz sein, eine Art Marketing-Gag. Konnte ja keiner wissen, dass die Geschichte ein solches Ende nehmen würde. Okay, dass er im Klubanzug von Dolce & Gabbana eine gute Figur abgibt, das war klar. Aber Beckham, ein König auf dem Fußballplatz? Torschütze, Vorbereiter, Inspiration eines ganzen Vereins? Herrje, so viel Glück wie der AC Mailand muss man erst mal haben mit einem Leihgeschäft.

Für seinen ersten großen Auftritt als alleiniger Hauptdarsteller wählt Beckham einen kalten Mittwoch Ende Januar. Wie ein riesiges Ufo, das auf überdimensionalen Stoßdämpfern ruht, liegt das Stadion San Siro im Abendnebel. Ein milchiges Licht verleiht der Szenerie etwas Unwirkliches. Der FC Genua ist zu Gast, Tabellen-Vierter der Serie A. Doch von Vorfreude keine Spur, erst spät trudeln die Tifosi ein. David Beckham, 33, läuft sich warm, man muss ihn regelrecht suchen unter seinen Kollegen, so auffällig unauffällig kommt er daher. Aber fit wirkt er, erstaunlich fit.

Das Spiel beginnt. Genua entpuppt sich als kantiger Gegner. Kein Raum für die Zauberfüßchen Seedorfs und Kakás, Fehlpass folgt auf Fehlpass. Nur Beckham sticht heraus mit seinem Kampfgeist und den akkuraten Pässen. Er spielt gut, die Tifosi brüllen seinen Namen. Dann kommt die 32. Minute. Er legt sich den Ball zurecht in halblinker Position. Ein Schuss, kurze Stille, dann explodiert das Stadion. 1 : 0. Aus allen Winkeln des Feldes kommen sie herbeigeeilt, Spieler, Reservisten und Betreuer, alle wollen sie ihn drücken. Als habe er sie alle mit einem einzigen Kick erlöst aus ihrem Blues.

Erbrecht auf die Champions League

Der Winter war ja bislang zum Vergessen. Der Stadtrivale Inter in der Meisterschaft schon wieder vornweg. Und dann noch dieser Uefa-Cup! Der AC Mailand - im Uefa-Cup! Wo sie doch schon kraft ihrer Geschichte einen Platz in der Champions League für sich reklamieren. Erbrecht sozusagen. Dreimal haben sie das Ding gewonnen. Soll ihnen erst einmal einer nachmachen.

Nun leiden sie still, nichts trifft sie tiefer als die internationale Missachtung. Man muss sich nur die Namen durchlesen, um zu begreifen, wie schwer sie an Auftritten in der Provinz zu tragen haben müssen: Kaká, Ronaldinho, Maldini, Seedorf, Schewtschenko. Weltmeister, Champions-League-Sieger, Fußballer des Jahres in Europa, Weltfußballer des Jahres - zählte man die gewonnenen Titel und Pokale zusammen, ließe sich damit die Mailänder Scala füllen.

Dass die meisten von ihnen ihre beste Zeit hinter sich haben - geschenkt. Hauptsache, die Show geht weiter. Bisher verstanden sie sich doch immer meisterhaft darauf, in der Stadt der Mode die eigenen Siege noch mit einer Prise Glamour zu überzuckern - eine unwiderstehliche Mischung für jeden Fan. "Wir haben eine Mannschaft voller Stars, und es ist wie im Kino: Den Leuten gefällt es, einen Film mit vielen großen Schauspielern zu sehen", sagt der Vizepräsident Adriano Galliani, der mit dem Klubchef Silvio Berlusconi seit 1986 symbiotisch verwoben ist, bislang jeden der zahlreichen Skandale überlebt hat und so ziemlich alles im Verein bestimmt.

Berlusconi stützt Ancelotti

Nur gut, dass unten einer auf der Bank sitzt, der nicht aufbegehrt. Trainer Carlo Ancelotti gilt als Mann des Ausgleichs, der nach Lösungen sucht und mit dem Diktat der Bosse zu leben gelernt hat. Wahrscheinlich passt er deshalb so perfekt zum allmächtigen Premierminister und Medienmagnaten Berlusconi. Als Ancelotti in der vergangenen Saison in Champions League wie Liga Schiffbruch erlitt, stützte ihn Berlusconi. Wo findet sich schon ein Fachmann wie Ancelotti, der auch noch still die eigene Einflusslosigkeit erträgt?

Die Liste der vergifteten Präsente des Präsidenten ist lang. Die Rückkehr des schwächelnden Ukrainers Andrej Schewtschenko, 32, musste Ancelotti schlucken. Nach sieben Jahren voller Titel war Schewtschenko 2006 für 46 Millionen von Milan zu Chelsea gezogen. Viel Geld für einen alternden Stürmer. Dumm nur, dass der Volkstribun Berlusconi dem Volk regelmäßig in großer Pose einen klangvollen Namen zu schenken beliebt. Er holte Schewtschenko zurück. Wie ein Sohn sei der Profi für ihn. Vor drei Jahren übernahm der Patron die Patenschaft für Schewtschenkos Sohn Jordan. Dass der gute Andrej einst Berlusconis Sohn die Frau ausspannte - nicht der Rede wert unter Männern.

Es geht um Namen, nur um Namen. Wer will schon nüchternen Konzept-Kick sehen? Bitte nicht in Mailand, wo Stars sich als Künstler gerieren dürfen, ja sollen. Sonst entweicht womöglich die Magie, und alles sieht am Ende nur noch nach Fußball aus.

Ronaldinho auf der Bank

Schewtschenko blieb nicht das einzige Problem Ancelottis, er hat ein noch größeres - Ronaldinho. 2004 und 2005 war der Weltfußballer des Jahres, doch beim FC Barcelona fiel er zum Schluss nur noch mit Partys, Sinnkrisen und Übergewicht auf. Interessierte Berlusconi nicht, er setzte ihn seinem Coach für 22,5 Millionen Euro ungefragt in die Kabine. Als der pummelige Techniker bei seiner Präsentation den Ball ein paarmal hochhielt, jubelten ihm 40.000 Tifosi zu. Gegen Genua trottet Ronaldinho, 28, so leichtgewichtig wie ein Thekenkicker im zweiten Abschnitt auf dem Feld umher. Für die erste Elf hat es nicht gereicht. Kaká, Brasilianer wie er, soll er nicht bei seinen fulminanten Soli im Wege stehen. Immer deutlicher kristallisiert sich sein Stammplatz heraus. Neben Schewtschenko. Auf der Bank.

Und doch wird niemand behaupten können, sie hätten bei Milan keinen Plan. Der geht so: Lieber ein paar alternde Heroen kaufen, als für die Superstars der Gegenwart 100 Millionen Euro zu investieren, wie zum Beispiel für Cristiano Ronaldo von Manchester United. Die Senioren werden dann in einer Art Wiederaufbereitungsanlage im eigenen Trainingszentrum, Milan Lab genannt, ein bisschen aufgehübscht und anschließend der Welt als runderneuert vorgestellt.

Ist billiger - die wahre Last des Spiels tragen seit Jahren vereinstreue Profis wie Gattuso, Pirlo, Maldini, Nesta und vor allem der Wunderspieler Kaká. Sie haben mit ihrer fußballerischen Klasse bislang immer dafür gesorgt, dass Milan nie wirklich tief fiel.

Schönes Zusatzgeschäft durch Beckham

Doch im Fall David Beckham ist plötzlich alles anders. Bislang zumindest. Alter und ein großer Name müssen nicht zwangsläufig vor Leistung schützen. Er ist noch immer das bekannteste Gesicht des Weltfußballs. Im Januar lief er ihnen regelrecht zu. Spielpraxis auf höchstem Niveau solle er für die englische Nationalmannschaft sammeln, so hatte es sein Nationaltrainer befohlen und ihn jetzt prompt berufen. Es rechnet sich. Beckham kriegt seine Spiele, und Milan macht ein schönes Zusatzgeschäft. 40 Millionen Euro erwartet Vizepräsident Galliani durch den Verkauf von Beckham-Trikots und ein paar Freundschaftsspiele.

Ums Geschäft geht es auch in Mailand, nur eben auf Berlusconi-Art. Als Manchester City neulich ein unmoralisches Angebot über 120 Millionen Euro an Kaká richtete, habe der Boss hinter verschlossenen Türen seinen Segen gegeben, heißt es. Als Kaká schließlich blieb, ließ sich Berlusconi als Vater feiern, der einen schon verloren geglaubten Sohn zurück in den Armen der Familie begrüßt. Die große Pose, kein Verein versteht sich auf sie wie diese Mailänder. Nicht verwunderlich, dass der weltgewandte Beckham sich so wunderbar einfach zurechtfindet, wie auch seine Frau Victoria, die als Stilikone die Stadt beehrt.

Sie haben Beckham mit offenen Armen empfangen, mancher wohl auch in dem Glauben, dass der Gast nach drei Monaten wieder weg sein würde, er hat ja einen Vertrag in seinem Rentnerparadies Los Angeles, bei LA Galaxy. Sie haben ihn unterschätzt. Wer nimmt schon einen Spieler ernst, der nebenberuflich wie seine Frau Unterwäsche vorführt, und sei es auch für den Mailänder Sohn Giorgio Armani? Doch selbst Victoria Beckham findet bei den Frauen der Reservisten bei Milan Anklang. Kein schlechtes Wort könne man über sie berichten, sagen sie. Null arrogant, diese Frau Beckham.

Fußballer gegen Werbefigur

Ihr Mann gilt ja sowieso als allürenfreier Fußballer, wenn man seinen alten Weggefährten glauben kann. Es gibt niemanden, der schlecht über Beckham spricht, auch nicht bei seinen alten Klubs Manchester United und Real Madrid. Tatsächlich hat der Fußballer David Beckham immer unter der Werbefigur David Beckham gelitten, die er selbst geschaffen hat. Die ihm ungeheuer viel Geld brachte, aber auch das Image, es nicht ernst zu meinen mit seinem Sport. Er spielt bis heute dagegen an.

Genua drückt in der Endphase. Beckham hat das Spielfeld mittlerweile verlassen. Der Oberschenkel. Am Ende fällt noch das 1:1, da steht er bereits unter der Dusche. Als einer der Letzten tritt er aus der Kabine. Er hat sich nicht verändert in den vergangenen Jahren. Noch immer umgibt ihn eine Aura der Wärme, die jede Distanz überwindet. Ist sie echt? Oder doch Teil einer Inszenierung? Sanft spricht er. Journalisten wollen Fotos mit ihm schießen, eine Kollegin blickt ihn mit glasigen Augen an, als er kurz mit ihr spricht. Beckham lächelt, er kann sehr verbindlich sein im Gespräch, seinem Gegenüber das Gefühl geben, als sei er in diesem Moment ganz für ihn da. Wohl sein größtes Talent. Vier Tage später bereitet er bei Lazio Rom zwei Treffer zum 3 : 0 mit wunderbaren Vorlagen vor. Selbst Ancelotti schwärmt jetzt: "Zurzeit ist Beckham unersetzbar." Sein Boss Galliani will "alles versuchen, um ihn hier zu halten. Er übertrifft auch die höchsten Erwartungen". Beckham selbst scheint nicht abgeneigt: "Die Möglichkeit, für Milan zu spielen, ist etwas Besonderes", sagt er. Er wird wohl länger bleiben. Alles nur eine Frage des Geldes.

Für die zwei Uefa-Cup-Partien gegen Bremen am 18. und 26. Februar haben sie ihn schon gemeldet. Immerhin Bremen, das riecht zumindest ein bisschen nach Champions League, Champions League light sozusagen. Da muss man nun durch. Im Sommer dann werden sie schon wieder einen finden, der Berlusconis und ganz Milans Fantasien von einer Weltauswahl weiter beflügelt. Kleiner Tipp: Der Vertrag von Fabio Cannavaro läuft aus. Der Mann spielt bei Real Madrid, ist 2006 Weltfußballer des Jahres geworden und mit Italien Weltmeister. Und das Beste ist: Cannavaro wird im September erst 36. Kaufen!

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