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Trindad und Tobago: Inspiration für ein ganzes Land

Der karibische Inselstaat Trindad und Tobago ist nicht nur das kleinste Land, das an der WM teilnimmt. Das Team um den alternden Star Dwight Yorke wird voraussichtlich auch ziemlich chancenlos sein.

Der WM-Zwerg hat riesige Ambitionen. „Wir beben vor Ehrgeiz wie ein Vulkan kurz vor Ausbruch“, versichert der 25-jährige Mittelfeldmann Silvio Spann. Gemeint sind seine Mitspieler im Nationalteam von Trinidad&Tobago. Der kleine Karibik-Inselstaat ist sowohl von der Fläche (5000 Quadratkilometer) als auch von der Einwohnerzahl (1,3 Millionen) her das kleinste Land, das sich jemals für eine WM qualifizierte. Man sei dennoch zuversichtlich, dass sich das Team gegen die Gruppengegner England, Schweden und Paraguay durchsetzen und in die zweite Runde einziehen werde, sagt Sportminister Roger Boynes. Die dafür versprochene Prämie von 2,5 Millionen Dollar hat er fest eingeplant.

Die beiden Inseln Trinidad und Tobago, die erst 1962 von Großbritannien unabhängig wurden, waren bislang selbst bei den Nachbarn in der Karibik und in Lateinamerika allenfalls wegen des Karnevals bekannt. Er lockt jedes Jahr um die 40 000 Touristen in die Hauptstadt Port of Spain und gilt als „größte Party der Karibik“. Sowohl beim Karneval als auch im Fußball-Stadion spielt die Metalltrommel Steel Pan eine Hauptrolle. Einheimische, die vor allem von Indern und Afrikanern abstammen, und Touristen tanzen bis zur Erschöpfung zu den Rhythmen der Calypso- und Soca-Musik. Die Nationalspieler wurden auch prompt „The Soca Warriors“ („Soca- Krieger“) getauft.

Helden des Mini-Erdöl-Landes

Die Spieler um den früheren Manchester-United-Stürmer Dwight Yorke (35) sind durch ihre WM-Qualifikation zu Helden des Mini-Erdöl-Landes aufgestiegen. Sie wurden unter anderem beim letzten Karneval geehrt und werden nun auch zu Comic-Figuren. Die „Helden-Stiftung“ Trinidads, die die Comicbücher herausbringen wird, fordert die Jugend des Landes auf, sie solle sich die Fußballer als Vorbilder nehmen. „Ihr seid Inspiration für ein ganzes Land“, sagt auch Minister Boynes.

Stars auf dem Feld sind der heute beim FC Sydney in Australien spielende Kapitän Yorke, der mit Manchester United die Champions League 1999 gewann und in Deutschland auf seinen früheren Clubkollegen David Beckham treffen wird. Yorkes Sturmpartner ist Stern John (30), der beim englischen Derby County unter Vertrag steht. Marvin Andrews (31), der erfahrene Abwehrmann der Glasgow Rangers, soll die Defensive organisieren. Auf der Trainerbank sitzt kein Geringerer als Niederlands Altmeister Leo Beenhakker.

Die Triebfeder für die Erfolge Trinidads ist aber ein anderer. Dem 61-jährigen Jack Warner ist es vor allem zu verdanken, dass ein Land, in dem Fußball im Schatten von Cricket steht, in Deutschland dabei sein wird: „Ich habe drei Jahrzehnte darum gekämpft. Dieser Erfolg zeigt, dass wir in Trinidad zu allem fähig sind.“ Der frühere Zuckerrohrschneider wuchs als Protegé des langjährigen Präsidenten des Weltverbandes FIFA, Joao Havelange, zum Chef des Verbandes von Nord- und Mittelamerika und der Karibik (Concacaf). In bisher 16 Amtsjahren trug er entscheidend zur Erhöhung der Zahl der Concacaf- Mitgliedsländer von 16 auf 35 bei.

„Als ich die Concacaf übernahm, hatten wir nur ein Büro in Guatemala mit Tisch und acht Stühlen. Heute haben wir Sitze in New York, Guatemala und bei uns in Trinidad“, rühmt sich der FIFA-Vizepräsident. 1990 habe man auf der Bank nur ein Guthaben von 45 000 Dollar gehabt. Heute belaufe sich der Verbands-Jahreshaushalt auf 5,4 Millionen Dollar.

Viel Geld investiert

Besonders viel Arbeit und Geld (eigenes und das der FIFA) investierte Warner aber in den Fußball seines Landes. So wurden vier neue Stadien gebaut, die allerdings einen Mangel haben: Sie stehen zumeist leer. Spieler werden vom Verband und von Warner in großzügiger Form finanziell unterstützt. Einem früheren Spieler des U-20-Auswahl, der bei einem Unfall gelähmt wurde, will Warner bis zum Lebensende unter die Arme greifen. Warner ist eines der reichsten und beliebtesten Männer in der Karibik.

International ist er jedoch äußerst umstritten. Kritiker werfen dem engen Mitarbeiter von FIFA-Boss Joseph Blatter Vetternwirtschaft und Profitgier vor. Aus der U-17-WM 2001 in Trinidad hätten vor allem seine Söhne Profit gezogen, heißt es. Zudem habe Warner ein lukratives Geschäft mit den zum Nulltarif von der FIFA bezogenen TV- Rechten für die WM und dem Verkauf der Tickets für die WM 2006 gemacht. Eine Rüge der Ethikkommission der FIFA blieb bisher folgenlos.

Der Einzug in die WM-Endrunde ist für Trinidad auch so etwas wie eine große Revanche. 1989 verpasste das Land die Qualifikation für die WM 1990 in Italien durch ein Tor des Gegners USA in letzter Minute. Der Veteran im aktuellen Trinidad-Kader, Russell Latapy, war schon damals dabei. „Je älter du wirst, desto besser solltest du die Dinge verstehen. Aber unsere Qualifikation verstehe ich auch mit 37 Jahren nicht. Es ist wie ein Traum“, sagt der Mann, der seine Karriere vor allem in Portugal und Schottland absolvierte.

Emilio Rappold, DPA / DPA

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