Oranje-Invasion Der holländische Alb-Traum


Im Dörfchen Sonnenbühl-Erpfingen in der Schwäbischen Alb herrscht der Ausnahmezustand: Die Oranje-Fans sind da - und mit ihnen die Kameras des niederländischen Fernsehens.
Von Jörg Isert

Wir befinden uns im Jahre 2006 nach Christus. Ganz Germanien wird von Germanen bevölkert. Ganz Germanien? Nein. Ein von unbeugsamen Allemannen bevölkertes Dorf wird ab heute von eineinhalbtausend Niederländern übernommen - auf friedlichem Wege. Die 1.200 Einwohner von Sonnenbühl-Erpfingen sind vorläufig in der Minderheit.

"In den letzten Tagen waren wir täglich am Rasenmähen, nun freuen wir uns auf die Gäste." Horst Niedel, der 55jährige Betreiber des "Azur"-Rosencampingplatzes, ist die Ruhe selbst - noch. Ihm und seinen Mitarbeitern steht heute und morgen eine unheimliche Begegnung der orangenen Art ins Haus: Fast 1.500 holländische Fußballfans nehmen den Zeltplatz komplett in Beschlag. Willkommen in Sonnenbühl-Erpfingen, willkommen in der Welt des WM-Wahnsinns.

Wenn am 16. Juni in Stuttgart das Spiel Niederlande gegen Elfenbeinküste stattfindet, dürfen Oranje-Fans nicht fehlen. Ein großer Teil von ihnen hat sich das achthundert Meter hoch gelegene Erpfingen als Bleibe ausgesucht. Der Medienrummel ist garantiert: Sowohl Presse als auch Fernsehsender haben sich zuhauf angekündigt. Neben den üblichen Verdächtigen, "taff" und "sam" von Pro Sieben, kommen auch Teams vom ZDF und SWR. Die niederländischen TV-Kanäle RTL 4 und SBS 6 aber werden das alles toppen: Sie senden eine tägliche Zusammenfassung vom "Azur", mit den wichtigsten Ereignissen des Tages. Es ist das erste TV-Camp, das tatsächlich auf einem Campingplatz stattfindet: "Big Soccer" quasi.

"We just want to have fun"

Ein Niederländer steckt hinter der Idee: Der 28jährige Jokko de Wit. De Wit ist eine Art holländischer Sonderbeauftragter in Sachen Fan-Reisen. 2004 entdeckte der Touristiker eine viel versprechende Marktlücke: Die Rund-um-die-Uhr-Betreuung von reisenden Oranje-Fans. Die erste Tour zur Europameisterschaft nach Portugal erwies sich als durchschlagender Erfolg, und so macht De Wit erneut den fahrenden Holländer für seine Landsleute.

Mit Dutzenden Bussen und Lastwägen sind die ausgewählten und als friedlich befundenen Holländer auf eine Tour de Fans durch die deutsche Republik: Von Leipzig nach Sonnenbühl nach Wertheim. Eben immer in der Nähe, wo die Vorrundenspiele der heimischen Elf stattfinden. "We just want to have fun", frohlockt de Wit.

Der Höhepunkt der Reise im Rudel steigt in Sonnenbühl-Erpfingen: Dort sind die Fans aus dem tollen Norden gleich sechs Tage zu Gast. Nicht nur der Campingplatz, auch die Hotels und Pensionen in der Umgebung sind ausgebucht - insgesamt könnten es sogar bis zu 2.000 Holländer sein, die zu Besuch kommen. Die Menschen in der Tourismus-Region jauchzen vor Glück ob des bevorstehenden Oranje-Auftriebs. Auch weil die holländische Mannschaft ihr Quartier gar nicht auf der Alb, sondern im Schwarzwald hat. Dort wurden die Erwartungen auf den großen Bohei jüngst heruntergeschraubt - die meisten Oranje-Fans bevorzugen die Schwäbische Alb.

Partys zwischen den Spielen

Mit seinen sechzig Mitarbeitern hat de Wit ein Rahmenprogramm auf die Beine gestellt, das die Herzen der Fans auch dann höher schlagen lassen soll, wenn nicht Fußball gespielt wird. "Wenn die Spielübertragungen vorbei sind, geht es in einem 3.000 Personen fassenden Festzelt mit Partys weiter - bis zwei, drei Uhr nachts ", weiß "Azur"-Betreiber Niedel. "Da treten dann die Stars auf."

Die Stars - es sind Johan Vlemmix, die Lawine Boys, die De Coronas, die Dikdakkers und: Eric Dikeb. In Deutschland mögen sie No-Names sein, in ihrer Heimat sind die diversen Künstler, nun, zumindest bekannt. Eric Dikeb, eine Art DJ Ötzi der Ebene, hat sich seinen Namen als Après-Ski-Entertainer und Teilnehmer bei der Endemol-Show "Big Diet" gemacht. Johan Vlemmix, immerhin Doktor der Physik, profiliert inzwischen sich lieber als Prinzessin Maximas Groupie Nummer Eins. Es ist eine Parade der Proll-Promis - und damit in höchstem Maße kompatibel für die feierfreudigen Fußballfans. In den Niederlanden wird die Liste der grölenden Gaststars noch wie ein Staatsgeheimnis gehütet.

Ein niederländischer Durchschnitts-Gast war in den vergangenen Wochen schon vor Ort: Der 19-jährige Praktikant half fleißig mit beim Mähen des "Azur"-Rasens und freut sich nun genauso wie die Einheimischen: Auf den 20 Meter langen Laster mit Swimming Pool auf dem Dach. Auf einen weiteren Riesentruck, der randvoll mit holländischem Bier ist. Auf verschiedene holländische TV-Soap-Stars. Eben auf die verrückteste Holländer-Karawane, die Germanien je gesehen hat.


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