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Nationalstürmer Miroslav Klose: Auf dem Weg zur WM-Legende

Immer wenn Miroslav Klose das Nationalmannschaftstrikot überstreift, erfindet sich der Stürmer neu. Gegen Argentinien im WM-Viertelfinale traf Klose sogar im Doppelpack - und jagt jetzt einen Rekord.

Von Klaus Bellstedt, Kapstadt

Zum Schluss wurde er mutig: Als Miroslav Klose in der 89. Minute nach einem feinen Zuspiel von Mesut Özil per Direktabnahme mit der Innenseite seines rechtes Fußes das 4:0 markierte, drehte er ab und präsentierte den Zuschauern im ausverkaufen "Green Point Stadium" von Kapstadt seinen Tor-Salto. Er stand seinen Stunt zwar nicht wirklich, aber das war nicht weiter schlimm. Klose ist immer noch Fußballer und kein Turner. Sein wackliger Überschlag war vielmehr Ausdruck des Vertrauens in die eigene Stärke. Nach dem Motto: Sehr her, ich bin immer noch ein Stürmer von Weltklasse. Wer mich abschreibt, macht einen Fehler.

Vor Beginn der WM in Südafrika gab es gute Gründe, Klose abzuschreiben. Der Angreifer, so die Kritiker, hätte eigentlich gar nicht in das Aufgebot von Joachim Löw berufen werden dürfen. Tatsächlich verkümmerte der Stürmer in der abgelaufenen Bundesliga-Saison zu einem Auswechselspieler. Für den FC Bayern traf Klose jämmerliche drei Mal. Hätte der Bundestrainer bezüglich dieser Personalie bei der Benennung seines Kaders das Leistungsprinzip angewandt, Klose hätte zuhause bleiben müssen. Löw berief ihn trotzdem.

Ein anderer Klose als bei den Bayern

Wann immer Miroslav Klose das Trikot mit dem Bundesadler auf der Brust überstreift, erfindet er sich als Stürmer neu. Ob in Testspielen, bei Europa- oder Weltmeisterschaften, es scheint so, als würde vom Anpfiff weg ein anderer Klose auf dem Platz stehen. Anders als der, den man aus der Bundesliga kennt. Bei den Bayern lief der 32-Jährige ein ums andere Mal nach Spielschluss mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf an Fans und Reportern vorbei. Er schwieg einfach. Zu groß war der Frust. In Südafrika bei der WM hat sich seine Körpersprache vom ersten Tag an schlagartig geändert. Wenn man mit Klose spricht, steht ein gelöster und selbstbewusster Mann vor einem. Die Sätze, die er sagt, sind klug. Es ist der Respekt, den man ihm in der Nationalmannschaft entgegen bringt, der Klose so aufblühen lässt; der Respekt und das besondere Vertrauensverhältnis zu Joachim Löw.

"Miroslav Klose hat überragende Qualitäten, daran habe ich nie gezweifelt. Er hat bei allen Turnieren - 2002, 2006 und jetzt 2010 - Klasseleistungen abgerufen. Er hat jetzt 14 WM-Tore, das geht in die Geschichte ein", erklärte Joachim Löw nach dem 4:0 gegen Argentinien, in dem Klose das zehnte Tore-Doppelpack im 100. Länderspiel schnürte. Zu Beginn der Vorbereitung wies der Bundestrainer alle Kritiken an Klose energisch zurück - und behielt wieder recht.

Löw vertraut Klose. Er weiß um seine Stärken. Fünf WM-Tore schoss Klose in Japan und Südkorea 2002, fünf weitere reichten 2006 in Deutschland zur Torschützen-Krone. Jetzt in Südafrika hat er auch schon wieder vier Treffer auf seinem Konto - nur der spanische Halbfinal-Widersacher David Villa (5) liegt vor ihm. Klose ist drauf und dran, Ronaldo als besten Torjäger bei Fußball-Weltmeisterschaften abzulösen. Noch liegt der Brasilianer mit 15 Treffern in der ewigen Bestenliste hauchdünn vorn.

Seine Tore sehen so einfach aus

Klose ist der älteste Spieler im WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Vor Beginn des Turniers hat er im Training viele Extraschichten gefahren. Er hat zwei-, dreimal täglich Zusatzlaufeinheiten eingeschoben. Jetzt wirkt er extrem fit. Auch das ist Kloses Stärke: Seinen Körper punktgenau auf ein hohes sportliches Ziel einstellen zu können. Schon das wuchtige Kopfballtor im ersten WM-Spiel gegen Australien zeigte, dass mit Klose wieder zu rechnen ist.

Der Stürmer passt ideal in dieses deutsche Spielsystem, das er als "viel schneller, viel dynamischer als früher" bezeichnet. In der Nationalmannschaft hat Klose Mesut Özil, Thomas Müller und Lukas Podolski, die ihn unablässig mit Vorlagen füttern. Und Klose liefert einfach nur. Seine Tore sehen so einfach aus - weil er sie so einfach erzielt. 52 Länderspieltore in 100 Spielen, Kloses Bilanz im Trikot der Nationalmannschaft ist sagenhaft. Niemand - und nicht mal er selbst - hätte sich diesen persönlichen Erfolg vor dem WM-Turnier vorstellen können. "Wenn ich ehrlich bin, an so etwas habe ich nicht geglaubt", gab er am frühen Samstagabend in Kapstadt nach dem Spiel gegen Argentinien zu. Auch mit den vielen Glückshormonen in sich blieb Klose einfach Klose. Ein bescheidener Stürmer von Weltklasse.

P.S.: Kann die deutsche Nationalelf jetzt den WM-Titel gewinnen? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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