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WM 2010 - Deutsche Elf: Zehn Fragen, die die Fans bewegen

Ein Sieg und eine Niederlage stehen für die deutsche Elf bei der WM zu Buche. Wo steht das Team von Trainer Löw wirklich? Antworten auf die zehn wichtigsten Fragen zum Nationalteam.

Von Klaus Bellstedt, Centurion

Trotz der Niederlage gegen die Serben demonstrieren Bundestrainer Jogi Löw, Mannschaftskapitän Philip Lahm und die übrigen deutschen Spieler eiserne Zuversicht, dass das Gruppen-"Endspiel" gegen Ghana gewonnen wird. Zweifel sind anscheinend nicht zugelassen. Dabei wirft der Zustand der Mannschaft einige Fragen auf.

Wer hat bis jetzt positiv überrascht?

Ganz klar: Sami Khedira. Der defensive Mittelfeldspieler ist bereits nach zwei Partien nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken. Sowohl gegen Australien, als auch bei der Niederlage gegen Serbien war der Stuttgarter mit den tunesischen Wurzeln überall auf dem Platz zu finden. Khedira ist viel mehr als nur ein Feuerwehrmann, der wie Frings früher vor allem für die Spielzerstörung zuständig ist. Auch im Spiel nach vorne setzt er immer wieder Akzente und strahlt viel Torgefahr aus. Beim 0:1 gegen Serbien traf der U21-Europameister beispielweise mit einem fulminanten Schuss die Latte. Khedira gehört wegen seiner variabeln Spielweise zu den Lieblingen von Bundestrainer Löw.

Wer hat enttäuscht?

Jeder wusste vor Beginn der WM, dass die linke Seite mit Holger Badstuber wegen seiner Defizite im läuferischen Bereich nicht optimal besetzt sein würde. Deshalb kann man ihn auch nicht zum bisherigen Verlierer stempeln. Eher schon Marko Marin. Der Bremer wurde von Joachim Löw in beiden Spielen zwar nur eingewechselt, konnte aber jeweils nicht überzeugen. Marin ist, neben Özil, der einzige Spieler in der Nationalmannschaft, der mit seiner Technik auf engstem Raum Gegenspieler ausdribbeln kann. Deshalb hat ihn Löw ja mit zur WM genommen. Von Marins Qualitäten war bisher aber nichts zu sehen, weshalb der Trainer nach der Pleite mit Marin auch hart ins Gericht ging und ihn - entgegen seiner Gepflogenheit - öffentlich kritisierte.

Hat Joachim Löw einen Plan B?

Gegen Australien wechselte Löw bei einer komfortablen Führung in der zweiten Hälfte Cacau, Marin und Gomez ein. Gegen Serbien brachte er in der zweiten Hälfte wieder Cacau, Marin und Gomez - nur lief die Mannschaft zu dem Zeitpunkt einem 0:1-Rückstand hinterher. Es gibt Trainer, die zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Stellschrauben drehen und damit das Spiel der eigenen Mannschaft nachhaltig beeinflussen und verändern. Gegen Serbien hatte Joachim Löw keinen Plan B. Zu seiner Verteidigung sei aber angemerkt, dass das Unterzahlspiel der Deutschen vom Bundestrainer natürlich nicht vorhersehbar war.

Ist Manuel Neuer der richtige Torwart?

Das kann man so sehen. Neuer hatte bis jetzt wenig Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Aber das ist ja nicht seine Schuld. Beim Gegentor gegen Serbien gaben ihm einige Kritiker eine Mitschuld, aber objektiv betrachtet, war da für den Schalker nichts zu machen. Neuer stand beim 0:1 allein am Ende einer Fehlerkette. Einzig sein manchmal etwas übertriebener Aktionismus bei Abschlägen und seine Hibbeligkeit nerven.

Wird Philipp Lahm seiner Rolle als Kapitän gerecht?

Absolut. Lahm gibt die Richtung vor und lässt keine Kritik an der Mannschaft gelten: "Ich lass mir nicht einreden, dass es gegen Serbien ein schlechtes Spiel von uns war", sagte der erfahrene Bayern-Profi am Tag nach der Partie. Im Hinblick auf das Ghana-Spiel gäbe es keinen Grund, etwas zu ändern. Lahm ist zwar nicht laut, aber dafür klug.

Ist Bastian Schweinsteiger ein guter Ballack-Ersatz?

Ja, Schweinsteiger hält auf dem Platz den Laden gut zusammen und wirkt sehr abgeklärt und konzentriert in seiner Rolle als Chef der Doppelsechs an der Seite von Sami Khedira. Schweinsteiger hat aber auch immer wieder kleinere Phasen, in denen er untertaucht. Das war schon im Champions-League-Finale der Bayern gegen Inter Mailand der Fall. Im K.o.-Spiel gegen Ghana am Mittwoch in Johannesburg darf er sich keine Auszeiten nehmen, er muss zeigen, dass er der Boss ist.

Gibt es ein Sturmproblem?

Das wird sich so richtig erst gegen Ghana zeigen. Klose ist gesperrt, Cacau wird ihn ersetzen. Aber die große Frage lautet: Was kommt dahinter? Weder Gomez noch Kießling passen in das Kombinations-Schema von Joachim Löw, in dem hinter einem spielstarken Dreiermittelfeld nur Platz für einen Stürmer ist. Gomez stand bei seinen Kurzeinsätzen bisher ziemlich neben sich und geisterte wie ein Schreckgespenst durch den Strafraum, von Stefan Kießling spricht in diesen Tagen nicht mal mehr der Bundestrainer, wenn es um die Aufzählung seiner Stürmer geht.

Wird Joachim Löw an Holger Badstuber festhalten?

Ja, damit ist zu rechnen. Aogo und Jansen sind nicht besser als der Außenverteidiger vom FC Bayern München. Und dass Philipp Lahm auf die linke Seite wechseln wird und Boateng für den deutschen Kapitän die rechte Seite beackern wird, ist unrealistisch - weil Lahm links nicht spielen will und ein Treffen der beiden Boateng-Brüder auf dem Platz vermutlich auch nichts Konstruktives bringen würde.

Warum ist die Mannschaft bei Standards so ungefährlich?

Der Spieler, der in der deutschen Mannschaft über den platziertesten Schuss verfügt, sitzt auf der Bank: Piotr Trochowski. Vor allem im Spiel gegen die Serben hätte man sich präzisere Frei- und Eckstöße gewünscht. In der WM-Qualifikation und mit Michael Ballack wurden viele Matches durch Standardsituationen entschieden. Jetzt fehlt Ballack - und dieses Element ist fast völlig aus dem deutschen Spiel verschwunden.

P.S.: Ist die deutsche Mannschaft wirklich so gefestigt, dass sie Ghana auf jeden Fall schlägt und ins Achtelfinale einzieht? Diskutieren Sie mit auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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