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WM 2010 - Gruppe D: Für Pantelic ist das DFB-Spiel wie ein Derby

Er ist in ein alter Bekannter in Deutschland: Marko Pantelic. Bei der WM trifft er am Freitag mit Serbien auf die DFB-Elf. Im Interview verrrät der Ex-Berliner die Stärken der Serben, und warum jede Mannschaft Weltmeister werden kann.

Herr Pantelic, Sie sind seit 14 Jahren Profi. Spüren Sie vor dem Spiel gegen Deutschland dennoch Nervosität?
Ein bisschen. Schließlich ist es ein besonderes Spiel. Ich bin aber perfekt vorbereitet, denn ich habe viel investiert für die WM. Neben den Einheiten mit Ajax Amsterdam habe ich Einzeltraining absolviert.

Was erwarten Sie für ein Spiel?
Es wird ein super Spiel. Ich kenne die deutsche Mentalität aus meiner Zeit bei Hertha BSC. Die Deutschen sind sehr souverän. Ich habe großen Respekt vor Deutschland. Jeder auf der Welt muss Respekt haben vor dem, was die Nationalmannschaft dieses Landes schon geleistet hat. Deutschland ist eine Turniermannschaft. Der Zusammenhalt und ihre Kreativität machen sie stark.

Sie haben vier Jahre lang für Hertha BSC gespielt und weiterhin Kontakt zu vielen Spielern aus der Bundesliga, unter anderem zu Arne Friedrich. Welche Bedeutung hat dieses Spiel für Sie persönlich?
Für mich ist das Spiel wie ein Derby. Ein Spitzenspiel. Es wird sehr interessant. Wir dürfen aber nicht zu sehr auf die Deutschen schauen, sondern nur auf uns. Wir können das Spiel gegen Deutschland gewinnen, wenn wir dran glauben. Und das tun wir. Es wird eine ganz intensive Partie.

Welche deutschen Spieler sind in Serbien besonders angesehen?
Deutschland hat eine gute Verteidigung. Auch die Außenspieler sind gut. Philipp Lahm ist eine Maschine. Bastian Schweinsteiger und Marko Marin sind stark. Miroslav Klose, Mario Gomez und Cacau sind gute Stürmer.

Inwiefern hat sich Ihre Mannschaft seit 2006 verändert?
Wir haben noch mehr Kraft. Und Selbstvertrauen. Die Stimmung ist anders. Früher hatten wir Probleme innerhalb der Mannschaft. Heute besprechen wir alles. Die Hierarchie stimmt. Die Führungsspieler übernehmen Verantwortung, die jüngeren gliedern sich gut ein. Bislang hat Deutschland gegen Jugoslawien bei Weltmeisterschaften gespielt. 2006 war mein Land als Serbien-Montenegro dabei. Jetzt ist es für uns die erste WM als eigenständiges Land. Darauf sind die Menschen in unserem Land sehr stolz. Wir haben eine neue Mannschaft.

Nemanja Vidic von Manchester United gilt als einer der besten Verteidiger der Welt.
Er ist ein guter Freund von mir. Und Dejan Stankovic von Inter Mailand ist mein Trauzeuge. Ich kenne ihn seit 22 Jahren. Er ist ein Held in Serbien.

Viele Serben spielen in der Bundesliga. Ein Vorteil im Hinblick auf das Spiel gegen Deutschland?
Das kann schon sein. Zoran Tosic vom 1. FC Köln ist ein großes Talent. Ich verstehe nicht, warum sein Trainer Zvonimir Soldo ihm in der vergangenen Saison so wenige Chancen geben hat. Denn Tosic kann den Unterschied ausmachen. Manchmal wird er unterschätzt, weil er klein ist. Vielleicht lag es daran. Gojko Kacar von Hertha ist ein starker Charakter, für mich wie ein kleiner Bruder. Neven Subotic spielt bei Borussia Dortmund richtig gut. Aber sein Serbisch ist alles andere als perfekt (lacht). Ihm und Zdravko Kuzmanovic vom VfB Stuttgart musste ich da etwas helfen. Wir lieben uns in der Nationalelf alle wie Brüder.

Sprechen Sie in der Mannschaft nur serbisch?
Ja. Nur aus Spaß spreche ich mit den Jungs aus der Bundesliga hin und wieder deutsch.

Unter Trainer Radomir Antic hat Serbien eine sehr erfolgreiche Qualifikation gespielt. In Gruppe sieben wurden Sie Erster vor Frankreich. Wie hat Antic das geschafft?
Er kümmert sich unglaublich um uns. Vor eineinhalb Jahren waren Gojko Kacar und ich mit Hertha im Trainingslager in Marbella. Antic ist extra unseretwegen dort hingereist. Er hat uns im Hotel besucht, mit uns Kaffee getrunken und sich lange unterhalten. Außerdem war er bei jedem Training. Das ist schon etwas Besonderes. Als ich ihn meinen Mitspielern vorgestellt habe, standen sie mit offenem Mund da. Auch die erfahrenen Profis. Er hat Real Madrid trainiert und mit Atletico Madrid die Meisterschaft und den Pokal in einer Saison gewonnen. Antic weiß einfach, wie man Erfolg hat. Serbien hatte schon immer eine unglaubliche Qualität. Es war aber eben immer schwierig, die Spieler so zusammenzustellen, dass es ein harmonisches Ganzes ergibt. Er hat es geschafft.

Sie kennen Stärken und Schwächen der deutschen Spieler aus Ihrer Zeit in der Bundesliga. Werden Sie dem Trainer vor dem Spiel Tipps geben?
Nein. Er ist clever genug. Er braucht keine Tipps von mir.

Was ist die größte Stärke Serbiens?
Wir sind wie eine Familie. Und wir haben Spieler mit außergewöhnlichen und individuellen Fähigkeiten. Sie spielen alle bei Topklubs und gehören dort auch zu den Leistungsträgern.

Glauben Sie, dass zu denen Spielen nach Südafrika viele Fans aus Serbien kommen werden? Die Anreise ist teuer.
Fußball ist für uns Serben nie zu teuer. Die Leute werden zur Not ihren letzten Cent geben, um in Südafrika dabei sein zu können. Und wenn sie einen Monat nichts zum Essen kaufen können. Es werden viele kommen und uns bei der WM lautstark unterstützen. Dieses Vertrauen wollen wir den Fans zurückgeben. Am besten mit einem Sieg gegen Deutschland.

Werden die serbischen Spieler während des Turniers ihre Familien sehen können?
Sie wohnen nicht bei uns im Hotel. Aber vielleicht besuchen sie uns vor dem Achtelfinale. Mal einen Kaffee trinken mit der Frau, das ist wichtig.

Das klingt gewohnt selbstbewusst. Wer wird außer Serbien noch ins Achtelfinale einziehen?
Deutschland und Serbien sind die Favoriten in der Gruppe. Ich hoffe sehr, dass sich beide qualifizieren. Und dann treffen wir uns wieder. Im Finale (lacht).

Kann Serbien am Ende denn auch Weltmeister werden?
Jede Mannschaft bei der WM kann das werden. Kleinigkeiten werden entscheiden. Zum Beispiel Verletzungen. Wir haben eine gute Mannschaft. Aber wir brauchen auch Glück.

Glauben Sie, dass Serbien vom Gegner unterschätzt wird?
Die anderen Mannschaften wissen, wie stark wir sind. Die Fans hingegen kennen uns noch nicht so gut. Das wird nach der WM anders sein.

Mit freundlicher Genehmigung von WELT ONLINE

Die Fragen stellte Julien Wolff

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