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WM 2010 - Holger Badstuber im Interview: "Ich werde kein Philipp Lahm mehr"

Vier Tage vor dem ersten WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Australien sprach stern.de mit Außenverteidiger Holger Badstuber über Townships, bayerische Playstation-Doppel und Startelf-Gefühle.

Holger Badstuber, drei Tage atmen Sie jetzt afrikanische Luft. Sie werden hoffentlich noch ziemlich lange im Hotel Grande Velmore wohnen. Die Anlage liegt in einer Art Niemandsland ... wie sind denn Ihre ersten Eindrücke?
Klar, es liegt ein bisschen im Niemandsland, aber die Bedingungen sind optimal. Die Ruhe tut uns gut. Die Angestellten im Hotel sind sehr freundlich und dabei niemals aufdringlich. Auch der Trainingsplatz in Atteridgeville lässt nichts zu wünschen übrig. Ich bin glücklich hier im Hotel.

Das Stadion, in dem Sie mit der Nationalmannschaft trainieren, liegt mitten in einem Township. Schildern Sie doch mal Ihre Gedanken, wenn Sie dort mit dem Mannschaftsbus auf dem Stadionvorplatz vorfahren.
Es ist ein eigenartiges und irgendwie auch schönes Gefühl. Die Menschen jubeln uns vom Straßenrand aus zu. Sie sind fröhlich und lieben diesen Sport. Trotz all der Armut präsentiert sich das Land - also das, was ich bis jetzt davon sehen konnte - von seiner positiven Seite. Das imponiert mir. Man merkt jetzt schon: Die WM wird Afrika gut tun.

Würden Sie sich so ein Township wie in Atteridgeville auch mal gerne näher anschauen - und nicht immer nur vom Bus aus?
Daran bin ich sehr interessiert. Wenn sich die Chance ergibt, dann würde ich mir gerne einmal einen Eindruck darüber verschaffen, wie die Menschen dort wirklich leben. Man muss da wirklich mal reingehen. Ich glaube, da hat keiner von uns auch nur annährend eine Vorstellung von, wie es in so einem Township zugeht.

Während eines WM-Turniers gibt es für die Mannschaft immer wieder Phasen, in denen man seine Freizeit frei gestalten kann. Wie werden Sie diese freie Zeit nutzen?
Hier im Hotel gibt es viele Möglichkeiten: Von Tischtennis über Kickern bis zu Snooker, da werde ich mich mit den Kumpels in der Mannschaft auf jeden Fall ordentlich austoben. Und dann wäre da natürlich noch die beliebte Playstation. Wir haben schon ein kleines Turnier organisiert. Zwei gegen zwei, bis zum Ende der WM wollen wir das durchziehen.

Wer spielt da mit wem gegeneinander?
Da sind zwei Bayern-Doppel am Start: Thomas Müller und ich zocken gegen Bastian Schweinsteiger und Mario Gomez.

Man sagt, dass Lionel Messi sich beim Playstation-Spielen auch immer mal wieder selber einzelne Aktion abschaut. Haben Sie daran schon mal gedacht?
Ja, das mit Messi habe ich auch schon gehört. Das ist eigentlich gar keine schlechte Idee. Ich werde mir das überlegen. Die Aktionen auf der Playstation sind ungemein realistisch.

Was ist mit Büchern?
Ja, da habe ich mir auch viel vorgenommen.

Welches Buch lesen Sie denn gerade?
Ich muss zugeben, dass ich noch keines der Bücher ausgepackt habe, die mir vor der Reise geschenkt wurden. Aber das wird noch (lacht).

Zum Sportlichen: Sie haben gegen Bosnien zum ersten Mal mit Lukas Podolski auf der linken Seite vor sich gespielt. Bei den Bayern spielt vor Ihnen Franck Ribéry. Wie fällt der Vergleich aus? Und wie sehr beeinflusst der Stil Ihres Vordermanns Ihr Spiel?
Die beiden kann man nicht miteinander vergleichen. Poldi braucht für sein Spiel viel Raum. Ribéry ist ein Weltklassespieler, der auch auf engstem Raum immer eine Lösung für schwierige Situationen hat. Logischerweise ist das Zusammenspiel mit Podolski noch gewöhnungsbedürftig. Wir haben ja erst einmal zusammen gespielt. Aber ich bin zuversichtlich, dass es auch mit ihm links klappt. Mein Spiel wird sich nicht viel verändern. Ich habe meine Stärken in der Defensive. Ganz klar. Ich werde kein Philipp Lahm mehr. Aber mir bereitet es schon Freude, auch mal einen Spielzug von hinten heraus zu eröffnen.

Mit Australien wartet auf die deutsche Mannschaft im ersten WM-Spiel ein defensiv ausgerichtetes Team. Sind Sie da nicht gefordert, auch in der Offensive mehr Verantwortung zu übernehmen?
Nein, meine Aufgabe besteht darin, hinten den Laden mit dicht zu halten. Und ich warne auch vor den Kontern der Australier. Wir dürfen nicht zu offensiv agieren.

Wie klappt das Zusammenspiel mit Ihrem Nebenmann, Arne Friedrich?
Das klappt immer besser. Das Training ist natürlich hilfreich, um sich mehr und mehr einzuspielen. Aber wir verstehen uns auch gut abseits des Platzes und sprechen viel. Das ist ja auch wichtig. Ich habe ein gutes Gefühl, was die Stabilität der Viererkette betrifft.

Wie sicher sind Sie eigentlich, dass Sie am Sonntag gegen Australien in der Startelf stehen werden?
Ach Gott (lacht), man weiß ja nie. Der Trainer hat das letzte Wort, wie immer. Aber ich gebe im Training alles und habe ehrlich gesagt ein gutes Gefühl, dass ich in der Startelf stehe.

P.S.: Würden Sie Holger Badstuber eine Chance in der Startelf beim ersten Spiel gegen Australien geben? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Klaus Bellstedt

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