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WM-Spiel Deutschland - Serbien So läuft der Kick am Arbeitsplatz

Nur wenn der Chef ein Auge zudrückt, dürfen Sie während der Arbeitszeit Fußball schauen
Nur wenn der Chef ein Auge zudrückt, dürfen Sie während der Arbeitszeit Fußball schauen
© Colourbox
Ausgerechnet mitten in der Arbeitszeit steigt morgen das WM-Spiel der Woche: Deutschland gegen Serbien. Dürfen Angestellte trotzdem mit der DFB-Elf fiebern? Was Fans jetzt wissen müssen.
Von Felix Disselhoff

Wer in einem Fernsehfachgeschäft arbeitet, dürfte zumindest für die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft viele Neider haben. Alle Spiele live und ohne schlechtes Gewissen sehen: Davon können die meisten Angestellten, die sich keinen Urlaub genommen haben, nur träumen.

Ausgerechnet morgen Mittag steigt das Spiel der Woche: Deutschland gegen Serbien, Anpfiff um 13.30 Uhr, mitten in der Arbeitszeit. Millionen Deutsche müssen da im Büro oder am Fließband malochen. Können Sie trotzdem für knapp zwei Stunden mit der deutschen Elf fiebern? Ist Fernsehschauen am Arbeitsplatz erlaubt? Wie halten es deutsche Firmen mit der Fußballbegeisterung ihrer Angestellten?

stern.de hat bei großen Unternehmen nachgefragt und erklärt, was arbeitsrechtlich zulässig und was nicht.

"Der optische Reiz ist zu stark"

Die Zeiten, in denen wir gebannt vor dem Radio gesessen haben, sind spätestens seit dem "Wunder von Bern" vorbei. Auch ein Fernsehgerät ist längst nicht mehr nötig, um live mit dem DFB-Team zu zittern. Mittlerweile sorgen Smartphones, DVB-T-Empfänger, Internet und mobile TV-Geräte dafür, dass wir jederzeit und überall die Spiele sehen können.

Aber ist das überhaupt erlaubt, am Arbeitsplatz quasi nebenher die Weltmeisterschaft zu verfolgen? Die bittere Antwort: grundsätzlich nein. Arbeitnehmer sind dabei vollends auf das Entgegenkommen ihres Arbeitgebers angewiesen, sagt Arbeitsrechtler Klaus-Dieter Franzen. "Wer Fernsehen schaut, wird sich nicht mehr auf die eigentliche Tätigkeit konzentrieren können. Der optische Reiz ist zu stark, um nicht abgelenkt zu werden. Deshalb darf das Gerät ohne Zustimmung des Arbeitgebers nicht eingeschaltet werden", so Franzen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man während der WM zwangsläufig komplett von allen Informationen abgeschnitten bleiben muss. Ein Kommunikationsmittel, das schon vor Jahrzehnten beliebt war, ist zugelassen: das Radio. "Ein generelles Radio-Verbot am Arbeitsplatz ist im Hinblick auf das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers nicht möglich", erklärt Klaus-Dieter Franzen. Will ein Vorgesetzter das Radiohören am Arbeitsplatz verbieten, muss er den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz beachten. "Zulässig ist das Verbot nur dann, wenn andere durch die Übertragung beeinträchtigt werden. Das Spiel darf also niemanden stören. Belasten laute Fangesänge den Kundenverkehr oder die Arbeitsleistung eines Kollegen, muss das Gerät ausbleiben."

Doch so herzlos sind die meisten Arbeitgeber nicht. Im Gegenteil: Viele Chefs sind selbst vom WM-Fieber gepackt, manche machen zumindest aus den Spielen der deutschen Elf eine Art Firmen-Event. Zum Beispiel die Deutsche Post: "Für das Spiel gegen Serbien haben wir ein Get Together mit Leinwand im Foyer der Firmenzentrale aufgebaut. Mit Würstchen und allem drum und dran", teilte ein Firmensprecher auf Anfrage von stern.de mit.

Auch Edeka nutzt das Deutschland-Spiel am Mittag für ein Gemeinschaftsevent: "Dafür haben wir in der Konzernzentrale eine Leinwand aufgebaut", teilte ein Firmensprecher mit. Allerdings gilt bei dem Einzelhändler: Die Zeit muss nachgearbeitet werden.

Besonders glücklich darf sich die Belegschaft von ThyssenKrupp schätzen. "Weil die einzelnen Teile der Verwaltung sich nun in Essen bündeln und der Umzug am Tag des Deutschlandspiels über die Bühne geht, bekommen unsere Mitarbeiter frei", so ein Sprecher des Unternehmens. Aber auch bei den anderen Spielen bleiben die ThyssenKrupp-Angestellten ohne Fernseher auf dem Laufenden: "Für die Dauer der WM haben wir einen Liveticker in unserem firmeninternen Netz eingerichtet."

BMW achtet zwar darauf, dass keine Produktionsbänder stillstehen, aber das Unternehmen zeigt sich flexibel. "Ein Programm extra für die WM gibt es bei uns nicht. Aber dank Gleitzeit und Schichttausch kann jeder, der ein Spiel unbedingt sehen will, seine Lieblingsmannschaft anfeuern", sagt ein Sprecher des bayerischen Autobauers.

Fußball-WM schützt nicht vor Überstunden

Aber wie sieht es mit Überstunden aus? Dürfen die während der WM wie gewöhnlich einfach so angeordnet werden? Tatsächlich werden da einige Angestellte die Zähne zusammenbeißen müssen. "Richtig bitter kann es für den Arbeitnehmer werden, wenn das Spiel erst am Abend nach Feierabend laufen soll und der Vorgesetzte von dem Arbeitnehmer verlangt, Überstunden zu machen", sagt Arbeitsrechtsexperte Franzen. "Ob das zulässig ist, klärt ein Blick in den Arbeitsvertrag. Enthalten diese Verträge eine entsprechende Regelung, ist der Arbeitgeber berechtigt, Überstunden anzuordnen. Dem steht die Fußballbegeisterung des Arbeitnehmers nicht entgegen."

Für viele Fans gehört das Bier zum Spiel einfach dazu. Aber wie sieht es mit alkoholischen Getränken am Arbeitsplatz aus, wenn die Nationalelf kickt? "Sieht der Arbeitsvertrag, das Gesetz oder der Arbeitsschutz kein Verbot vor, darf angestoßen werden, allerdings nur in Maßen", meint Franzen. "Wie beim Radiohören darf die Leistungsfähigkeit und die Sicherheit am Arbeitsplatz nicht eingeschränkt werden. Jedoch kann der Arbeitgeber gegenüber dem Arbeitnehmer nicht einseitig anordnen, sich einer Alkoholkontrolle zu unterziehen."

Auf eines sollten Angestellte während der Arbeitszeit aber besser verzichten: die laut trötenden Vuvuzelas. Gegen sie gibt es zwar kein Gesetz. Aber inzwischen dürfte jedem klar sein, dass man sich mit der Fußballtrompete keine Freunde im Büro macht.

P.S.: Steigt auch bei Ihnen am Arbeitsplatz die große Fußballparty? Oder ist Ihr Chef ein Kick-Muffel? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


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