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Fußball-WM 2014: Der Mann, der gegen die "Fuck Fifa" sprayt

Die Fifa richtet vor der WM einen Kongress aus und spricht nur über Statuten. Nicht über Missstände. Der berühmte Sprayer Mundano geht dagegen vor - und hofft auf ein Pfeifkonzert gegen Sepp Blatter.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Mundano wehrt sich mit tausenden Motiven gegen die Korruption bei der WM in Brasilien

Mundano wehrt sich mit tausenden Motiven gegen die Korruption bei der WM in Brasilien

Es sind jetzt seine besten Tage. Nun sind endlich alle in der Stadt, die Fußball-Funktionäre, die Politiker, die Nationalmannschaften. Der Blick der Welt geht nach São Paulo, und er ist mittendrin, er ist überall zu sehen, Thiago Mundano, gerade mal 25.

Die Polizisten werden ihn nicht finden, er versteckt sich zu gut, aber seine Graffiti-Sprüche werden überall prangen, an den Brücken, an den Häuserwänden, auf den Wägelchen der Straßenhändler: "FIFA GO HOME." "FUCK FIFA." "Die WM der Vertreibungen." Gezeichnet: Mundano.

"So schnell kommen sie nicht hinterher"

Mundano ist sein Künstlername. Seit fast 10 Jahren besprüht er die 18-Millionen-Metropole und gehört zu den Stars der Szene. São Paulo ist die Stadt der Aktivisten, der Sprayer, auch der Polit-Sprayer. Für die WM hat sich Mundano die besten Ecken entlang der Strecken ausgesucht, wo Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff fahren wird, die Nationalmannschaften und natürlich Fifa-Präsident Joseph Blatter, einer der meistgehassten Männer in Brasilien. "Die Ordnungskräfte übermalen meine Wandbilder zwar immer", sagt Mundano, "aber so schnell kommen sie nicht hinterher."

Mundano positioniert sich an der belebten Ecke Avenida Paulista/Rua da Consolação im Zentrum. In rasender Geschwindigkeit sprayt er ein Bild protestierender Ureinwohner an den Eingang einer Metro-Station und daneben das Bild einer Demonstration. Er versieht sie mit Sprüchen wie: "Stadion und Schulen" und "Não vai ter Copa" – es wird keine WM geben. Viele Passanten applaudieren ihm, nicht einer beschwert sich. "Zeig es den Typen", feuert ihn eine Frau an.

Die Fifa ist der Bösewicht

Seit einigen Tagen sind die Kolonialherren im Land. So nennen Mundano und viele Brasilianer die Funktionäre der Fifa. Wenn man die Stimmung im Land derzeit verfolgt, scheint es keine größeren Bösewichte zu geben, selbst die eigenen Politiker nicht. An der Copacabana in Rio de Janeiro kann man gleich neben dem Fifa-Fan-Fest auf Straßenschildern den Schriftzug "Fifa raus" lesen. In Rios Innenstadt haben Demonstranten eine "Fifa-freie Zone" geschaffen, wo sie Sambalieber gegen den Verband singen und die hohen Kosten der WM anprangern sowie die Vertreibung von Bewohnern. Auch auf Zügen im Hauptbahnhof konnte man kürzlich den Schriftzug "Fuck Fifa" lesen.

Die "Kolonialherren" sind in São Paulo, um auf ihrem 64. Kongress im Grand Hyatt Hotel die wichtigen Dinge des Fußballs zu besprechen. Es geht um Finanzberichte, Statuten und Torlinientechnik. Eigentlich müssten sie sich mit ganz anderen Themen auseinander setzen, mit der dubiosen Vergabe der WM 2022 an Katar und ihrem selbstherrlichen Chef Sepp Blatter, mit den Bestechungen ihrer Funktionäre und der Reise Franz Beckenbauers nach Katar. Aber Selbstreflektion gehörte noch nie zum Programm des mächtigen Verbandes.

Blatter nutzt Kongress zum Gegenschlag

Joseph Blatter, 78, nutzte seinen ersten Auftritt in São Paulo wie erwartet zum Gegenschlag. "Wenn wir nun Einigkeit zeigen, ist das der besten Weg, mit denen fertig zu werden, die die Fifa zerstören wollen", agitierte er. Dann warf er seinen Kritikern Rassismus und Diskriminierung vor. Dilma Rousseff hielt sich von dem Geschehen lieber fern. Mit der Fifa will sich im Wahljahr keiner blicken lassen.

Mundano und seine Landsleute interessieren sich weniger für die Bestechungen und die Skandale der Fifa. So etwas kennen sie aus ihrem Land nur zu gut. Sie verspüren diese immense Abneigung, weil die Fifa sich in fast alle Belange ihres Lebens eingemischt hat. Sie hat kurzerhand ein brasilianisches Gesetz gekippt, das den Verkauf von Alkohol in Stadien verbietet. Sie hat stattdessen bestimmt, dass alkoholische Getränke sehr wohl ausgeschenkt werden dürfen, allerdings nur ein bestimmtes, das Bier ihres amerikanischen Getränkesponsors Budweiser.

Die Gesetze diktiert die Fifa

Die Fifa hat weiterhin untersagt, dass im Stadion typisch brasilianische Snacks wie Acarajé und Pão de Queijo verspeist werden dürfen. Sie hat solche absurden Richtlinien durchgesetzt wie die Schaffung von 10.000 Parkplätzen am Stadion Maracaná, so dass langjährige Bewohner aus der Nachbarschaft vertrieben werden mussten. Mundano sieht es so: "Da kam eine Macht in unser Land und hat die Gesetze ändern lassen und Bewohner vertrieben, und dann stellen sie sich hin und sagen: Das waren die Brasilianer selber. Damit haben wir nichts zu tun. Wobei man sagen muss: Brasilien hat bei dieser WM genug eigene Verbrechen begangen."

Tatsächlich macht es sich der WM-Gastgeber gerade etwas leicht. Nicht die Fifa hatte zwölf WM-Stadien vorgeschlagen, davon fünf an völlig unsinnigen Orten, sondern Brasilien. Präsident Lula da Silva wollte sogar 17 Stadien haben, um all seinen Freunden in den Bundesstaaten einen Gefallen zu tun. Auch die Verzögerung bei den Großprojekten hat nichts mit der Fifa zu tun, sondern mit den Schludrigkeiten und der Inkompetenz im eigenen Land. Viele der versprochenen Projekte sind nicht fertig geworden, Flughäfen, Straßen, U-Bahn-Linien.

Brasilien trägt Teilschuld

Die Fifa-Funktionäre haben den Gastgeber in den vergangenen Monaten fortlaufend kritisiert. Es sei die schlechteste WM-Organisation aller Zeiten, hörte man. Die Brasilianer bräuchten einen Tritt in den Hintern. Jetzt treten Blatter und Kumpanen plötzlich ganz freundlich auf. Sie sprechen von ihrer Liebe zum Land. Sie wünschen Brasilien den Titel. Nur off-the-record lästern Funktionäre weiterhin, es sei ein Wunder, dass diese WM überhaupt stattfinden könne.

Brasiliens Superstar Ronaldo, Teil des Organisationskomitees, fasste die Stimmung so zusammen: "Die Fifa wird hier keine WM mehr ausrichten wollen. Sie ist traumatisiert."

Mundano sagt: "Bei der WM der Korruption ist Brasilien schon Champion"

Mundano sagt: "Bei der WM der Korruption ist Brasilien schon Champion"

Gellendes Pfeifkonzert für Blatter?

Mundano wird in diesen Wochen Tag und Nacht unterwegs sein, vor allem in der Nähe des Stadions. Immer wieder wurde er in den vergangenen Jahren festgenommen, und er weiß, dass die Polizisten ihn wieder auf dem Kieker haben. Kaum etwas ist derzeit so schädlich für den Ruf Brasiliens wie die vielen Protestsprüche in der Stadt. Mundanos letzter lautet: "Bei der WM der Korruption ist Brasilien schon Champion."

Nur eines könnte schädlicher sein, glaubt er. Wenn Sepp Blatter bei der Eröffnungszeremonie auf der Großbildleinwand eingeblendet wird und ein gellendes Pfeifkonzert der Zuschauer über sich ergehen lassen muss. Aber soweit, glaubt er, wird es die Fifa nicht kommen lassen.

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