HOME

Stern Logo WM 2018

Kommentar zum Nationalelf-Rücktritt: Ganz oder gar nicht, da ist Lahm konsequent

Halbe Sachen sind nicht Philipp Lahms Ding. Es entspricht nicht seiner Natur. Daher ist der Rücktritt logisch. Lahm treibt auch die Angst um, seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr zu genügen.

Von Mathias Schneider

Als man ihn am vergangenen Sonntag in der Mixed Zone des Maracana sprach, da wirkte er euphorisch, aber auch irgendwie aufgeräumt. Man hatte sich nicht viel dabei gedacht, auch nicht, als man ihn am nächsten Morgen noch einmal am Telefon hatte. Philipp Lahm ist immer ein kontrollierter Mensch geblieben, in all den Jahren, ein WM-Titel mit 30 wirft da nicht noch einmal die ganze Persönlichkeit um.

Es steckte doch mehr dahinter, wie man seit heute weiß.

Offenbar hat auch die Gewissheit, dass ein großes Kapitel seines Lebens mit dem größten Preis, den ein Sportler erringen kann, zu Ende gegangen war, Lahm jenen inneren Frieden verschafft, den er schon unmittelbar nach dem Finale verströmte. Denn er wird seine Karriere als Kapitän dieser Nationalmannschaft nicht fortsetzen. Es ist ein großer Schritt, man kann es nicht anders sagen. Und einer, der ihn noch einmal in der Rückschau in ein anderes Licht setzen wird.

Kürzer treten ist nicht sein Ding

Als Kapitän dieser Weltmeistermannschaft hätte Lahm in den nächsten Jahren durchs Land reisen können. Er ist ja erst 30 Jahre alt und eben erst wieder in die Mannschaft des Turniers gewählt worden. Es wären triumphale Monate geworden. Ein jedes Länderspiel auf einer Woge der Dankbarkeit durch all die Menschen, denen er und die Kollegen so viel Freude bereitet haben. Und an der Spitze, der Kapitän – er. Den eigenen Werbeverträgen tut ein solches Amt ja keinen Abbruch und auch die Kanzlerin wird in Zukunft gern in der Kabine vorbeischauen.

Philipp Lahm wäre im Zenit der eigenen Bedeutung angelangt, und weil es nicht wenige gibt, die ihn für chronisch ehrgeizig halten, hat sich niemand vorstellen können, dass ausgerechnet dieser Lahm auch nur einen Tag früher von jenem Amt lassen würde, nach dem etwa Michael Ballack bis zum letzten Atemzug seiner Karriere strebte.

Lahm geht dennoch. Nicht weil ihn Verletzungen peinigen. Nicht weil Zerwürfnisse mit der sportlichen Leitung das morgen zur Qual hätten werden lassen. Am Ende ist es auch der eigene Anspruch gewesen, den er glaubt, nicht mehr erfüllen zu können. Sich wieder durch die EM-Qualifikation zu quälen schien ihm mehr Last als Lust. Und kürzer zu treten, gar eine Lex Lahm, die es ihm erlaubt hätte, öfter mal zu pausieren - das ist nicht sein Ding. Es ist nicht sein Verständnis von Führung, sich über die Gruppe zu stellen. Da ist er knochenkonsequent.

Zenit der Schaffenskraft

Er will im Zenit seiner Schaffenskraft gehen, als Kapitän, aber auch als Spieler. So soll man ihn in Erinnerung behalten. Er ist dieser Elf immer ein leiser Kapitän gewesen, man hat ihm das lange vorgehalten. Mit Männern wie ihm, da gewinne man das ganz große Ding nicht. Nun ist das ganz große Ding da. Und wo die harten Männer früher an ihren Posten klammerten, da sagt der Lahm Ciao. Einfach so. Man kann das als wahre innere Härte sehen, wenn mal will.

Es ist ein großer Schritt, der eine große Lücke reißen wird in diese Elf. Lahms stille verbissene Beharrlichkeit ist ihr das perfekte Vorbild gewesen. Doch mehr als das wird seine sportliche Qualität fehlen. Seit dem Jahr 2006 wurde er bei jedem Turnier in die Allstar-Elf berufen. Dass er als Außenverteidiger geht, macht es da nicht einfacher für Joachim Löw. Es ist jene Position, auf der die Deutschen bei aller Nachwuchsförderung bis heute jenseits von Lahm keine Weltklasse zu entwickeln vermögen.

Comeback zur EM 2018?

Also das große Comeback, in zwei Jahren, kurz vor der EM? Man soll es ja nie ausschließen, Lahm wäre nicht der Erste, den es dann noch einmal juckt, er ist ja noch im besten Fußballer-Alter, Kapitän des FC Bayern. Darauf setzen sollte man besser nicht, denn dieser Rücktritt ist kein Rücktritt, der aus dem Bauch heraus erfolgt ist. Einer wie Lahm plant derlei, über Wochen.

Das Maracana sollte der Schlusspunkt sein. So oder so. Dass er die eigene Karriere dort krönen würde, war nicht abzusehen. Er geht mit einem großen Spiel. Er ist wieder einer der Besten gewesen, und das war ja immer sein Anspruch, sich nicht irgendwie zu halten. Sondern herauszuragen. Durch Leistung.

Zeit, zu gehen

Nun ist er auf den letzten Metern doch noch an allen vorbeigezogen. Effenberg, Sammer, Scholl, Kahn, auch Rummenigge. Weltmeister in Brasilien, das verortet ihn unter den Größten, die dieser Sport in diesem Land hervorgebracht hat. Es mag ungewohnt klingen, er ist ja noch so jung und dieser Titel noch so frisch, aber es geht da einer der Großen des deutschen Fußballs. Dessen Wert man wohl erst wirklich ermessen wird, wenn er einmal weg ist.

Kann die goldene Generation nur gut spielen? Oder kann sie auch siegen?

Die Frage ist jetzt beantwortet.

Zeit, zu gehen.

Respekt.

Mathias Schneider
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity