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WM 2014: Brasilien vor dem Halbfinale: Kämpfen und siegen für das Volk

Vor dem WM-Halbfinale ist in Brasilien viel von Kampf, Schlacht und Leidenschaft die Rede. Und immer wieder vom Volk. Trainer Luiz Scolari will damit den letzten Rest Kampfgeist in seinem Team wecken.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Belo Horizonte

Es geht jetzt viel ums Leiden. Ums Aufopfern. Um den Kampf, um die Schlacht, um Leidenschaft. Das sind die Wörter, die jetzt so fallen, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Sie haben so gar nichts mit Brasilien zu tun, aber ob nun Trainer Felipe Scolari spricht oder Kapitän Thiago Silva oder der Taxifahrer oder der Fußballexperte im Fernsehen - ihre Sprache ähnelt sich. So weit ist Brasilien nun.

Die brasilianische Nationalmannschaft ist im Halbfinale. Sie ist nicht durch Schönspielen dort hingekommen, durch Kreativität oder das, was Europäer sich unter brasilianischem Fußball so vorstellen. Sondern durch, fast könnte man sagen, deutsche Tugenden, englische Tugenden. Und das war noch mit ihrem besten Mann, dem Ballkünstler Neymar. Und dem technisch starken Kapitän Thiago Silva. Wie soll es jetzt erst werden?

Silva sitzt auf dem Podium der Pressekonferenz. Neben ihm sitzt Scolari. Sie werden als erstes nach Neymar gefragt. Sie sagen, er habe seinen Beitrag geleistet. Jetzt würden die anderen ihren Beitrag leisten, "vor allem für Neymar", sagt Thiago Silva. Scolari sagt etwas wie: Euch geht es um Neymar, wir sind da schon weiter.

Voller Einsatz, volle Leidenschaft

Scolari offenbart nicht viel, er sagt nichts über seine Taktik oder seine Aufstellung, aber er lässt keine Zweifel an der Einstellung: Brasilien wird hart spielen, mit vollem Einsatz, voller Leidenschaft, mit all dem, was diese WM und vor allem die Lateinamerikaner ausgezeichnet hat. Es geht bei ihnen immer auch um das Volk. Um den Sieg für das Volk. Scolari und Thiago Silva sprechen beide vom Volk. Auch Neymar sprach immer vom Volk.

Joachim Löw würde nie vom Volk sprechen. Er würde nicht mal sagen, dass sie hier in erster Linie für die Deutschen spielen. Sie vertreten Deutschland, aber sie spielen für sich, sie wollen Weltmeister sein. Sie würden gern auch die Deutschen zu Hause glücklich machen, aber für das Volk sind sie nicht hier.

Felipe Scolari baut immer alles etwas zu groß auf. Das ist seine Art. Er hat es immer so gemacht. Er hat die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter angeprangert, die keine waren. Er hat die brasilianischen Journalisten kritisiert, er hat die ausländischen Journalisten kritisiert. Er verfährt nach dem Motto: Alle sind gegen uns. Es gibt Leute, die unseren sechsten Titelgewinn mit allen Mitteln verhindern wollen.

Scolari wirkt siegesgewiss

Es ist eine durchsichtige Strategie, er versucht damit die Spieler zu motivieren, den letzten Rest Kampfgeist zu wecken, Racheinstinkte, auch Wut. Im Spiel gegen Kolumbien konnte man sehen, wozu das führt, zu einem intensiven, teils brutalem Spiel, wie die eigenen Medien feststellten. Das deutsche Team wird ähnliches zu erwarten haben. Scolari wirkt sehr siegesgewiss, auch wenn Brasilien nicht als Favorit ins Spiel geht. Er mag die Außenseiterrolle. Er hat sie immer wieder herbeigeredet. Er nennt seine Aufstellung nicht, er nennt auch seine taktische Formation nicht, wie er es sonst oft schon am Tag vor dem Spiel getan hat. Aber er wirkt sich seiner sehr sicher. Er vertraut seinem Stab, der die Deutschen ausführlich beobachtet hat. Und seinen Spionen im Team, Luiz Gustavo und Dante, die die Spieler der Bayern so gut kennen. Sie hätten ihm eine Menge erzählt, deutet Scolari an.

Es ist eine Kampftruppe

Die Medien hier sind sich einig. Brasilien hat kein gutes Team. Es hat kein Mittelfeld. Es fehlt Inspiration. Es ist anfällig über die Flügel. Aber es ist eine verschworene Einheit. Es ist eine Kampftruppe.

So hat Brasilien schon mal gewonnen, 1994. Und in Ansätzen auch 2002. Die richtig guten Teams waren in Brasilien oft nicht die erfolgreichsten. Vor allem die Auswahl 1982 um Zico, Falcao und Socrates galt als die vielleicht beste aller Zeiten. Gewonnen hat sie nichts.

Dem Team geht es ein bisschen wie Brasilien selber. Es ist nicht in bester Form. Aber die Leidenschaft ist da, sie ist von Spiel zu Spiel größer geworden. Nachdem am Anfang der Weltmeisterschaft laut Umfragen 50 Prozent der Brasilianer gegen diese WM waren, haben sie jetzt ihren Glauben wiedergefunden, ihre Lust an dem Ereignis, ihre Liebe zum Team. Heute um 17 Uhr Ortszeit wird keiner mehr an Proteste oder überteuerte Stadien denken. Heute um 17 Uhr sind die Häuser geschmückt, die Kneipen voll, die Straßen leer. Heute um 17 Uhr hat das Fußballland Brasilien zu sich selbst gefunden.

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