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Wiechmanns WM-Kolumne: Brasilien am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ob Neymar, Thiago Silva oder Julio Cesar: Viele Tränen vergießt Brasiliens Nationalmannschaft derzeit. Der Druck auf die Spieler ist enorm - und die ganze Nation fiebert mit.

Von Jan Christoph Wiechmann, Rio

Es begann mit dem Kapitän, Thiago Silva. Der Kapitän weinte schon auf der Pressekonferenz. Als nächstes weinte der Torwart, Julio Cesar. Er weinte vor dem Elfmeterschießen gegen Chile. Nach dem Elfmeterschießen weinten zunächst Brasiliens Superstar Neymar und dann wieder Thiago Silva und Julio Cesar und einige andere mehr.

Da hatte Brasilien eine Diskussion. Über Männer und Tränen. Dürfen Fußballspieler weinen? Wenn ja, wie viel. Und ist es irgendwann auch mal gut mit Heulen.

Diskussion um weinenden Kapitän

Die einen - darunter namhafte Ex-Spieler und Kolumnisten - sagten, es reicht nun mit all den Tränen. Thiago Silva als Kapitän weine ohnehin zu viel. Er müsse als Kämpfer vorangehen. Vor allem hätte er zum Elfmeterschießen antreten sollen statt hilflos zitternd am Rand zu sitzen.

Die anderen begrüßten die Tränen. Selbst an der Supermarktkasse konnte man in Brasilien Verkäuferinnen dabei zuhören, dass sie weinende Jungs den Macho-Jungs vorziehen. Die Sportzeitung Lance schrieb unter der Überschrift „Wein um mich Brasilien“: „Lasst sie weinen. Sie weinen um uns. Und spielt so, dass ihr uns zum Weinen bringt.“

Therapie für Neymar

Die Diskussion beherrschte drei Tage lang das Land und brachte einen neuen Star hervor, die Mannschaftspsychologin Regina Brandão. Frau Brandão betreute schon 2002 die Seleção. Nach den kollektiven Gefühlsausbrüchen am Samstag hatte sie einen Großeinsatz. Sie redete mit jedem Spieler. Man bekam das Gefühl, sie müsse es jetzt richten. Sie wurde so etwas wie die Schlüsselfigur der Mannschaft.

Danach sagte Neymar über die Therapie: "Ich habe so etwas noch nie gemacht, aber jetzt glaube ich sogar, dass ich es mag. Es ist nicht nur für uns gut, die wir täglich diese Arbeit machen und mit diesen Emotionen umgehen müssen, sondern es ist gut für jeden Menschen."

"Hexa" macht Druck

Neymar sagte auch: "Wir dürfen nicht mehr an den Druck denken." In Wahrheit geht es nur um Druck. Das ganze Land sprach ein Jahr lang nur vom Hexa, dem sechsten Titelgewinn, als sei das schon eine ausgemachte Sache, eine Art Naturgesetz. Hexa stand auf Plakaten. Hexa stand auf Hauswänden. Hexa stand über Werbeanzeigen. Die Kinder in der Werbung sagten: "Macht Geschichte für mich. Ich will beim Hexa dabei sein."

Trainer Scolari sprach offen vom Hexa. Die Welt machte Brasilien zum Favoriten. Und dann mussten 200 Millionen Brasilianer mitansehen, dass Frankreich besser spielt und Belgien und Kolumbien und dass es ein Wunder ist, dass die eigene Mannschaft überhaupt noch im Turnier ist.

Viel Kritik der brasilianischen Medien

Die Kritiken sind niederschmetternd. Man kann den brasilianischen Medien einiges vorwerfen, aber schonend gehen sie mit ihrem Team nicht um. Vom "schlechten Fußball" über "mittelmäßig" bis "dilettantisch" ist alles dabei. Scolari versucht den Spielern den Druck zu nehmen, indem er erst die FIFA kritisiert und dann die Schiedsrichter und die heimischen Medien und die ausländischen Journalisten - und jetzt ist keiner mehr da, den er kritisieren könnte.

Gestern wurde Neymar vorgeschickt. Alles hängt von Neymar ab, auch die Besänftigung der Kritiker. Er ist die Spaßkanone im Team und das beste Gegenmittel zu einer Diskussion über weinende Spieler. Neymar trug eine coole Mütze und einen Verband ums lädierte Knie und grinste sein Dauergrinsen. Neymar sagte: "Wir müssen glücklich sein. Wir dürfen nicht weiter denken: Wenn wir verlieren, sind wir tot." Er fügte hinzu: "Keiner hat emotionale Probleme." Die Nation atmete auf.

Jetzt geht es gegen Kolumbien, und Felipe Scolari, dem eigentlichen Star Brasiliens, fällt wohl wieder nichts anderes ein, als fast die gleiche Mannschaft aufs Feld zu schicken, die bisher nicht überzeugte. Zwei wackelige Außenverteidiger. Ein unbeweglicher Mittelstürmer. Ein uninspiriertes Mittelfeld.

Wenn Brasilien verliert, wird das Urteil vernichtend sein - und diese insgesamt so großartige WM eine sportliche Katastrophe. Gewinnt Brasilien, darf man noch ein paar Tage länger eine Nation am Rand des Nervenzusammenbruchs erleben.

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