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Wiechmanns WM-Kolumne: Die WM hat Brasilien emotional überfordert

Das 1:7 der Brasilianer gegen die DFB-Elf war die schlimmste Niederlage in der WM-Geschichte des Gastgeberlandes. Spieler und Zuschauer befanden sich in Schockstarre. Der Druck war zu hoch.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Belo Horizonte

Schon nach 28 Minuten machten große Worte die Runde. "Massaker", schrieben da die ersten ernst zu nehmenden brasilianischen Tageszeitungen. Es gab die ersten Verweise auf 1950, auf das Maracanaço, die Niederlage im eigenen Land gegen Uruguay, die das Land in eine tiefe Depression stürzte. Wird es wieder so kommen nach der Demütigung im Mineirão? Ein Mineiraço?

Nach 45 Minuten blickten die brasilianischen Kollegen in die Geschichtsbücher. Gab es das jemals? Man fand ein 0-6 gegen Uruguay bei der Copa America 1920, aber niemals bei einer WM. 0-3 war das Schlimmste, was Brasilien je erlebt hatte, die Niederlage gegen Frankreich im Finale 1998. Doch schon zur Halbzeit hatte man das Gefühl, es hätten auch sechs, sieben Tore sein können.

Es wurden sieben.

Nach dem 0-5 sah man die ersten weinenden Fans im Stadion, einige wenige gingen nach Hause, man musste Angst um Brasilien haben. Wie würden die Favelas reagieren? Von der Copacabana hörte man von ersten Ausschreitungen. In Sao Paulo brannten Busse. Die Zuschauer im Stadion reagierten auf ihre Weise, in dem sie die Enttäuschung gegen Staatspräsidentin Dilma Rousseff und Mittelstürmer Fred richteten. Sie riefen Dinge, die nicht unbedingt druckreif sind.

Die Brasilianer spielten nicht gut bei dieser WM, aber eine solche Demütigung hatten sie nicht verdient. Sie hatten alles probiert. David Luiz trug Neymars Trikot während der Nationalhymne in seinen Händen. Zum Mittagessen hatten sie noch ein Gruppenfoto für ihn gemacht. Neymar schickte per Instagram seine Grüße und kündigte an, beim Finale dabei sein zu wollen. Die Zuschauer im Stadion sangen so laut, dass sie den Lärm eines Düsenjets beim Start übertrafen. Auf der Tribüne drückten Mick Jagger und Gilberto Gil die Daumen. Es war alles angerichtet für ein großes Fest.

Es wurde ein großes Fest. Ein deutsches Fest.

Aber so war Brasilien bei der WM. Man setzte auf Gefühle, man setzte auf Kampf und Leidenschaft. Das reichte gegen Kolumbien und Chile, obwohl man da schon das Gefühl hatte: Wenn eine clevere Mannschaft kommt, ist Brasilien schnell ausgeschieden. Ihnen fehlten die spielerischen Mittel, sie suchten immer nur Neymar, und als Neymar fehlte, wurde Brasilien auf das reduziert, was es von Anfang war: ein höchst durchschnittliches Team ohne Ordnung.

Jogi Löw sagte nach dem Spiel, Brasilien habe eine "sehr sehr gute WM" gespielt. Es waren Worte des Trostes, aber er wusste selber, dass sie nicht stimmten. Brasilien hatte kein gutes Team.

Löw sagte auch, dass Brasilien eine fantastische WM auf die Beine gestellt hat.

Damit hatte er Recht.

Im Stadion Mineirao reagierten die Zuschauer so wie im ganzen Land - und so wie die Spieler auf dem Rasen: Sie befanden sich in einer Art Schockstarre. Sie wussten lange nicht, ob sie pfeifen oder das Team weiter anfeuern sollten. Irgendwann beim 0-7 applaudierten sie den Deutschen. Irgendwann sangen sie "Ole" bei jeder deutschen Ballberührung. Das tat weh.

Trainer Felipe Scolari versammelte nach der Partie alle Spieler auf dem Rasen, er sprach zu ihnen, sie winkten ins Publikum und wollten sich bedanken, aber die Zuschauer nahmen es nicht an. Sie pfiffen die Spieler gnadenlos aus, vor allem die während der ganzen WM enttäuschenden Stürmer Fred und Oscar. Thiago Silva tröstete den weinenden Luiz. Schweinsteiger tröstete den weinenden Oscar. Tränen, immer wieder Tränen bei den Brasilianern. Diese WM hat sie auch emotional überfordert. Der Druck war eben doch zu hoch.

Scolari wollte das auf der Pressekonferenz nicht so recht zugeben. Er wollte von Druck nichts wissen, auch vom fehlenden Neymar nichts. Er schob alles auf die fabelhaften Deutschen und die zehn Minuten im Spiel, als sich sein Team in dieser Schockstarre befand und auseinander genommen wurde. Er sprach von Panik. Zweimal sprach er von Panik.

Die schlimmste Niederlage? Ja, sagte er, wahrscheinlich der schlimmste Tag in seiner Karriere als Spieler und Trainer.

Was für eine Niederlage? "Hässlich" war sie, sagte er, "furchtbar", "grausam". Er fand eine Menge Begriffe für das, was da mitansehen musste. Und natürlich wird bereits über seine Nachfolge diskutiert. Tite, der Coach von Corinthians, ist der meist genannte Name.

"Ich bin verantwortlich"

Scolari bat um Entschuldigung beim brasilianischen Volk, und es wirkte so, als würde er den Job gleich hinschmeißen, aber er hat noch ein Spiel um Platz 3 und das will er zu Ende führen.

Rücktritt? Darüber spricht er nicht. Nicht jetzt. Aber er übernahm die Verantwortung: "Ich bin verantwortlich für das katastrophale Resultat. Die Taktik wähle ich, die Aufstellung wähle ich. Ich bin der Verantwortliche", wiederholte er mehrmals.

Wenn es etwas Versöhnliches gab an diesem historischen Abend, dann waren es einige hundert Zuschauer, die den deutschen Fans gratulierten und lang nach Spielschluss noch voller Inbrunst das Lied sangen: "Ich bin Brasilianer. Mit viel Stolz. Mit viel Liebe." Man kann nur hoffen, dass sie diese großartige WM weiter so großartig begleiten, wie sie es bisher getan haben.

Fans in Diskussionen statt in Schlägerei

Nach dem Spiel zogen einige brasilianische Fans in Belo Horizontes Stadtteil Savassi, wo sie sonst immer die Siege feiern. Sie versuchten ihren Kummer loszuwerden, aber auf den Bildschirmen wurden sie immer wieder mit der Realität konfrontiert: Sieben Tore für die Ewigkeit. Die Abendnachrichten zeigten kleinere Ausschreitungen auf dem Fan Fest in Sao Paulo. In Belo Horizonte blieb es eher ruhig. Hier und da wurde eine Fahne verbrannt, gab es eine Schlägerei. Man sah Deutsche und Brasilianer zusammen, nicht Arm in Arm, wie noch vor dem Spiel, aber immerhin in harmonischen Diskussionen. Sie waren sich einig: Sie hatten hier Geschichte erlebt.

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