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WM 2014 in Brasilien Sechs Geschichten, die jeden zum WM-Fan machen


Um die Fußball-WM zu lieben, muss man nicht unbedingt ein Fußball-Fan sein. Weltmeisterschaften schreiben ihre eigenen Geschichten. Manchmal sind sie sogar größer als der Sport.
Von Felix Haas

Okay, Sie interessieren sich nur am Rande für Fußball? Nur wenn halt mal 'ne WM ist, schalten Sie den Fernseher ein? Sie wissen zwar schon, wer Lionel Messi ist, aber welcher sein starker Fuß ist, das können Sie nicht sagen?

Das macht alles gar nichts. Es gibt dennoch gute Gründe, die WM zu verfolgen. Denn hinter einem großen Sportereignis verbergen sich auch immer zahlreiche große und kleine Geschichten. Sechs davon stellen wir vor.

Ecuador spielt für einen toten Kollegen

Nicht viele deutsche Fußballfans werden sich an Christian Benitez erinnern. Dabei hat ihn nahezu jeder schon einmal gesehen. Benitez wird eingewechselt, als Ecuador bei Deutschlands Heim-WM 2006 im letzten Gruppenspiel zur Pause 0:2 zurückliegt. Benitez ist erst 21, er steht am Anfang seiner Karriere.

Heute lebt Christian Benitez nicht mehr. Dabei gilt er noch im vergangenen Sommer als großer Hoffnungsträger in seinem Land. Er ist neben Manchesters Antonio Valencia der große Star Ecuadors. 58 Spiele bestreitet er für sein Land, dabei erzielt er 24 Tore. Zur erfolgreichen WM-Qualifikation steuert Benitez vier Tore bei. Er ist auf dem Höhepunkt seines Könnens als er 2013 für 12 Millionen Euro aus seiner Heimat zum katarischen Erstligisten al-Jaish wechselt. Doch dort macht er kein einziges Spiel.

Am 29. Juli 2013 stirbt Benitez. Es ist wohl eine stark fortgeschrittene Blinddarm- und Bauchfellentzündung, die dazu führt, dass er letztlich einem Herzstillstand erliegt. "Ein Spieler mit Christians Charakter, sowohl menschlich als auch fußballerisch, ist praktisch unersetzbar", sagt Ecuadors Trainer Reinaldo Rueda Anfang dieses Jahres.

Während dieser WM wird Ecuador also auch für seinen toten Star spielen. Man würde es dem Team gönnen, dass es wie 2006 (mindestens) ins Achtelfinale einzieht. Und so für den toten Kollegen Christian Benitez einen Platz in der WM-Geschichte erobert.

Joachim Löw - der Schönspieler, der nie Titel gewinnt?

Hundertfach ist Joachim Löw für den schönen Fußball, den seine deutsche Nationalmannschaft spielt, gehypt worden. Ebenso häufig wurde er aber kritisiert, in den wichtigen Momenten falsch zu handeln und dann letztlich eben doch keinen Titel zu gewinnen. Die Wahrnehmungen wechseln sich ständig ab. Löws Team liefert ein Wechselbad der Gefühle.

Viele Experten glauben: Es ist Löws letzte WM. Damit wartet Fußball-Deutschland auf das Ende der Geschichte Löw. Wird er derjenige sein, mit dem man schöne Halberfolge verbindet? Oder wird er sich auf eine Stufe mit Franz Beckenbauer, Helmut Schön und Sepp Herberger stellen - Weltmeister werden und zeigen: Auch mit schönem Spiel kann Deutschland erfolgreich sein? In Löws Schicksal steckt so oder so eine der großen Geschichten dieser Weltmeisterschaft.

Bosnien-Herzegowina: Sportliche Vereinigung

Vor 20 Jahren steckte das kleine Bosnien-Herzegowina mitten im Krieg. An dessen Ende stand die Unabhängigkeit vom ehemaligen Jugoslawien. Viele Spieler der Nationalmannschaft haben den Konflikt als Kinder miterlebt. Sie wissen also, was es für das Unabhängigkeitsgefühl des kleinen, fußballverrückten Landes bedeutet, dass ihr Land in Brasilien erstmals an einer Fußball-WM teilnimmt.

Doch im Land freut sich noch nicht jeder auf die WM-Teilnahme. Die Republik ist immer noch tief gespalten. In der Republika Srpska, die 49 Prozent der Fläche des Landes ausmacht, unterstützen nur wenige das Team. Dort fordern sie eine eigene Nationalmannschaft. "Nicht mal der geliebte Fußball kann die Gräben zuschütten, die verbitterten Menschen für einen Augenblick versöhnen", schreibt schreiben die Westfälischen Nachrichten über die Situation im Land.

Als sich Bosnien und Herzegowina im Oktober 2013 für die WM qualifizierte, war das Kapitän Emir Spahic aber egal. Er sagte: "Danke an alle in Bosnien-Herzegowina, und auch danke an all jene, die gegen uns waren."

Es wäre eine große Geschichte des Sports, wenn das Team in der GANZEN Bevölkerung für Begeisterung sorgen könnte - indem es weit kommt, schönen Fußball spielt und ALLE Einwohner begeistert. Sportlich ist es dem Team um Superstar Edin Dzeko zuzutrauen.

Die Todesgruppen

Drei ehemalige Weltmeister in einer Gruppe: Uruguay, Italien und England (Gruppe D). Dazu der Außenseiter Costa Rica. Drei weitere Topteams in einer anderen Gruppe: Spanien, Niederlande, Chile. Dazu Außenseiter Australien (Gruppe B).

Die sportliche Fallhöhe für die großen Mannschaften ist enorm hoch. Aus jeder Gruppe können eben nur zwei weiterkommen. Die genannten Favoriten sind stolze Fußballnationen. Nirgendwo würde ein frühes Ausscheiden akzeptiert. Doch irgendwer wird den bitteren frühen Heimweg antreten müssen. Dann wird es Tränen und Fan-Gejammer geben, es wird Trainer-Entlassungen und Spieler-Rücktritte geben. Es gehört zu den spannenden Geschichten dieser WM, welche Länder die Todesgruppen überstehen - und in welchen anschließend das sportliche Chaos ausbricht.

Messi - Held oder Heimatloser

Lionel Messi ist der beste Fußballspieler der Welt. Nahezu jeder Mensch auf diesem Planeten hat seinen Namen schon einmal gehört. Tausende Kinder tragen Trikots mit seinem Namen. Und dennoch bekommt er in seiner Heimat Argentinien nicht die ganz große Anerkennung. Weil er dort sein Land noch nicht ins Finale geführt hat. Weltmeister war Argentinien zuletzt 1986. Zu den besten Spielern aller Zeiten kann Messi nur gehören, wenn er mit der Albiceleste den Titel gewinnt. Und sein Land versöhnt.

Auf dem kleinen, schüchternen Spieler lastet also jede Menge Druck. Es wird spannend zu sehen sein, ob er die Erwartungen und die Sehnsüchte seiner Landsleute erfüllen kann. Die Geschichte ist in der Mache - nur ob es eine Tragödie oder eine Komödie wird, das steht noch nicht fest.

Brasilien - DIE Geschichte dieser WM

Über Brasilien redet derzeit jeder. Allerdings weniger über das Fußball-Team. Vielmehr sind Streiks, Anti-WM-Demos, unfertige Stadien und Militäraufmärsche in den Favelas das Thema.

Über Fußball redet wahrscheinlich auch deswegen keiner, weil für die Selecao ohnehin nur der sechste WM-Titel zählt. Etwas anderes erwarten die Brasilianer von ihrem Team nicht.

Die größte Geschichte dieser WM wird also so oder so von Brasilien handeln. Gelingt es dem Land, Missstände anzusprechen und (langfristig) zu beheben - ohne, dass gewaltsame Proteste ausbrechen? Und gelingt es der Selecao die Sehnsucht der Menschen nach dem Titel zu befriedigen?

Ob Sie Fußball-Fan sind oder nicht - Sie sollten die Geschichte verfolgen!


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