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Fußball-WM Bröckelt die Festung oder herrscht Burgfrieden? Die Nationalelf bezieht ihr Trainingsquartier

DFB-Präsident Bernd Neuendorf auf dem Trainingsgeländer der deutschen Elf in Katar
DFB-Präsident Bernd Neuendorf auf dem Trainingsgeländer der deutschen Elf in Katar
© Getty Images
Während die Nationalelf ihr Quartier bezieht, kritisiert DFB-Präsident Bernd Neuendorf den Weltverband Fifa in Katar – und kündigt die Unterstützung eines Hilfsprojekts für Arbeitsmigranten an.

Der Weg zur deutschen Nationalmannschaft führt weit hinaus aus Doha, in den Norden Katars. Nach 50 Kilometern Fahrt durch die Wüste taucht plötzlich – wie eine Fata Morgana – eine Burg auf. Roter Stein, vier gezackte Türme als Aussichtsposten, die Mauern unüberwindbar hoch – das ist die Trainingsstätte des DFB-Teams während der Fußball-Weltmeisterschaft, die am Sonntag beginnt.

Schon jetzt steht fest: Die Burg wird arg strapaziert werden in den nächsten Wochen. Und zwar als Metapher. Gewinnt die Mannschaft von Bundestrainer Hansi Flick gleich ihr erstes Vorrundenspiel gegen Japan am Mittwoch, ist sicherlich der Burgfrieden zu loben. Kommt sie eher schleppend ins Turnier, wird es heißen, dass die Festung bedrohlich bröckelt.

Frage nach Positionierung von DFB zu Katar blieb offen

Unweit des hermetisch abgeschirmten Trainingsplatzes in Al Ruwais liegt das Medienzentrum des Deutschen Fußball-Bundes. Dort hatte Präsident Bernd Neuendorf am Freitag seinen ersten Auftritt in Katar. Über die Verfassung der Mannschaft ("gute, gesunde Lockerheit") verlor Neuendorf nur wenige Worte. Ernste Themen waren zu verhandeln – so zum Beispiel die Haltung des DFB zum Gastgeberland Katar, wo Menschenrechte nur wenig geachtet werden. Ein Kritikpunkt an der WM ist die Situation der sogenannten Arbeitsmigranten, die aus armen Drittländern stammen und beim Bau der WM-Stadien eingesetzt wurden. Es kam zu zahlreichen Todesfällen; oftmals waren die Arbeiter, die in glühender Hitze ihren Jobs nachgingen, nicht ausreichend geschützt. 

DFB-Präsident Bernd Neuendorf vor der Presse in Katar
DFB-Präsident Bernd Neuendorf vor der Presse in Katar
© AFP

Neuendorf kündigte nun an, dass die deutsche Nationalmannschaft sich in Nepal engagieren werde und ein SOS-Kinderdorf mit einer Million Euro unterstützen werde. Etwa 400.000 Wanderarbeiter aus dem südasiatischen Land sind in Katar tätig. Durch die Spende wolle man helfen, den "Migrationsdruck zu verringern", sagte Neuendorf.

Mit dieser Ankündigung war allerdings nicht die Frage beantwortet, wie sich der DFB, mit sieben Millionen Mitgliedern der größte Sportfachverband der Welt, vor Ort beim Turnier positionieren wird.

Fifa-Präsident Gianni Infantino will nur noch über Fußball sprechen

Neuendorf sagte, er führe "viele Gespräche" mit katarischen Politikern und Funktionären. Bloß genügt das? Bedarf es nicht größeren Drucks von einem solch mächtigen und hoch reputierten Verband wie dem DFB?

Neuendorf will es weiterhin mit Diplomatie versuchen, das wurde am Freitag deutlich, und die Mannschaft setzt auf die Kraft von Symbolen. Torwart Manuel Neuer wird bei den WM-Spielen eine Kapitänsbinde mit der Aufschrift "One Love" tragen und damit für die Vielfalt von Lebensformen eintreten. Auch andere Nationen werden in Katar mit der bunten Binde auflaufen – obwohl dies von dem Weltfußballverband Fifa untersagt wurde. Es handele sich hierbei um ein politisches Statement, teilte die Fifa mit. Neuendorf wies dies zurück. "Menschenrechte gelten überall auf der Welt. Das hat mit Politik nichts zu tun." Eine Geldstrafe, verhängt der Fifa, würde der DFB "in Kauf nehmen", sagt Neuendorf. Ähnlich hatte sich zuvor der englische Fußballverband geäußert.

Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte in einem Brief an die Mitgliedsverbände gefordert, mit WM-Beginn nur noch über Fußball zu sprechen. Das Thema Menschenrechte betrachtet er offenbar als überholt; kein Misston soll das vierwöchige Sportfest stören. Neuendorf zeigte sich über dieses Ansinnen "verstört" und "irritiert". Wohl auch deshalb verweigert der DFB Infantino seine Unterstützung bei dessen Versuch, sich ein drittes Mal zum Fifa-Chef wählen zu lassen. Infantinos Amtszeit endet im März 2023; dann wird bei einem Kongress in Kigali (Ruanda) gewählt. Infantino scheint schon jetzt als Sieger festzustehen. Er ist der einzige Kandidat. Zudem sagten dem Schweizer wichtige Kontinentalverbände ihren Rückhalt zu. Allein der europäische Verband Uefa mit dem DFB an der Spitze wünscht sich einen Machtwechsel.

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