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Lance Armstrong nach dem UCI-Urteil: Die Höllenfahrt geht weiter

Lance Armstrong werden wegen Dopings seine sieben Tour-Siege aberkannt. Das bedeutet eine Zäsur für den Radsport, nicht aber eine Wende.

Ein Kommentar von Christian Ewers

Lance Armstrong hat verloren, was ihm am wichtigsten war: Seine sieben Tour-de-France-Siege werden gestrichen. Sein Rekord ist dahin, auch seine Lieblingsgeschichte, die er so gern und öffentlichkeitswirksam erzählte, funktioniert nicht mehr: Die des Krebspatienten Armstrong, der erst seine schwere Krankheit besiegte und dann nur von purer Willenskraft beflügelt das gesamte Peloton der Frankreich-Rundfahrt abhängte.

Der Radsport-Weltverband UCI ist der Empfehlung der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada gefolgt und hat an diesem Montag die Triumphe des Texaners annulliert sowie eine lebenslange Sperre gegen ihn ausgesprochen. Dieses Urteil war zu erwarten; der Verband besaß keinen Handlungsspielraum - zu erdrückend sind die Ermittlungsergebnisse der Usada, die auf systematisches Doping in Armstrongs Mannschaften schließen lassen.

Sein Leben könnte zur Hölle werden

Schon vor der Urteilsverkündung war Armstrong ein König ohne Kleider. In den Ermittlungsakten, die im Internet einzusehen sind, wird das Bild eines skrupellosen Betrügers gezeichnet. Es sind die Details, die Armstrong jede Strahlkraft nehmen und ihn als miesen kleinen Gauner erscheinen lassen: Wie er, der einstmals große Lance, sich auf Autobahnraststätten und Parkplätzen hat Dopingmittel verabreichen lassen. Wie er seiner Frau Kristin befahl, Kortisonportionen in Alufolie zu rollen. Wie er im Hotel vor Dopingfahndern flüchtete. Wie gewaltig die Angst des furchtlosen Lance gewesen sein musste - denn jeden, der ihn der Manipulation verdächtigte, überzog Armstrong mit Klagen. Einem ehemaligen Teamkollegen, der gegen ihn aussagen wollte, drohte er, das Leben zur Hölle zu machen.

Jetzt könnte Armstrongs Leben zur Hölle werden. Denn mit der Aberkennung seiner sportlichen Erfolge ist der Fall nicht abgeschlossen. Schadensersatzforderungen stehen im Raum; eine amerikanische Versicherung stellt Regressforderungen in Millionenhöhe. Zudem soll ein Verfahren gegen Johan Bruyneel angestrengt werden, Armstrongs langjährigen Teamchef bei US Postal und Astana. In einem solchen Prozess würde Armstrong als Zeuge vernommen werden, nicht als Beschuldigter, und das bedeutet: Er darf nicht lügen.

Kein Anwalt wird Armstrong helfen

Sollte er dennoch auf seinem Standpunkt beharren und Doping weiterhin abstreiten, droht ihm eine Haftstrafe. Es gibt einen prominenten Fall, der ähnlich gelagert ist: Die Leichtathletin Marion Jones, mehrfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Sprint, musste 2008 ins Gefängnis, weil sie unter Eid wahrheitswidrig ausgesagt hatte, niemals mit dem Steroid THG in Berührung gekommen zu sein.

Der Sturz des Lance Armstrong, der immer mehr sein wollte als nur ein Radfahrer, wird ein tiefer und ein quälend langer werden. Die Verfahren werden sich über Jahre ziehen, und kein Anwalt wird ihm helfen können. Die Usada-Akten sind das Ergebnis einer harten und gewissenhaften Recherche - wer die Dokumente gelesen hat, weiß, dass sie jeder Prüfung standhalten werden.

Verseuchter Radsport

Es stellt sich nun die Frage, wie es weitergeht mit dem Radsport nach dem Fall Armstrong. An die Selbsterneuerungskraft der Weltverbandes zu glauben, fällt schwer. UCI-Chef Pat McQuaid hat Armstrong zwar scharf verurteilt am Montag - zuvor behandelte er ihn aber jahrelang äußerst milde. Womöglich auch, weil Armstrong der UCI einst eine sogenannte Spende überwiesen hatte. McQuaids Ankündigung, für einen neuen und sauberen Radsport eintreten zu wollen, klang wie eine auswendig gelernte PR-Phrase. Was man halt so sagt, wenn alles in Schutt und Asche liegt.

Es wird weitergehen mit dem Radsport. Es ging immer weiter. Nach dem Festina-Skandal 1998, nach den Enthüllungen um das Team Telekom 2007 und auch jetzt nach der Causa Lance Armstrong 2012. Der Radsport ist so verseucht und versaut, dass schlicht kein Szenario denkbar ist, das ihn in seiner Existenz ernsthaft bedrohen würde. Und das ist eine sehr schlechte Nachricht.

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