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Athen 2004 Deutsche Hoffnungen: Der schnellste Indianer und seine stolze Schwester

Anja Dittmer ist stolz auf ihren großen Bruder. Nur manchmal findet sie es "erschreckend", wie erfolgreich Andreas über die Rennstrecken dieser Welt paddelt.

"Dann sagt er glatt zu mir, warum gewinnst du nicht auch mal?" Als ob das so einfach wäre. Der 31 Jahre alte Canadier-Fahrer Andreas Dittmer ist seit seinem Olympiasieg vor vier Jahren bei wichtigen Wettkämpfen über 1000 m ungeschlagen. Die drei Jahre jüngere Triathletin Anja schaffte erst im vergangenen Jahr mit drei Weltcupsiegen nacheinander den Sprung in die Weltspitze. Doch bei der Weltmeisterschaft Anfang Dezember in Neuseeland kam sie nicht ins Ziel und verpasste so die direkte Qualifikation für Athen. Und das vor den Augen ihres Bruders, der vom Trainingslager aus Australien nach Neuseeland herüber gekommen war. "Es hat mich umso mehr gegrämt, dass ich erstmals seit sechs Jahren wieder ein Rennen aufgeben musste", erzählt Anja.

Unaufällig und zurückhaltend

Die Dittmers kommen aus Mecklenburg, und sie sind wie viele Menschen dort: bescheiden und zurückhaltend. Für die Vermarktung ihrer Sportarten, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen, ist das nicht gerade ein Vorteil. "Ich bin eben nicht der Typ, der sich jede Woche die Haare anders färbt oder sich die Hose runter reißt", sagt Andreas Dittmer. Er gilt als "Mr. Zuverlässig". Nicht nur beim Kanu fahren. Seit elfeinhalb Jahren ist er mit seiner Freundin Rabea zusammen, mit der er an der Müritz gerade ein Haus baut. Solide finanziert natürlich, denn im Hauptberuf ist Andreas Dittmer Bankkaufmann bei der Sparkasse Neubrandenburg-Demmin. Vor den Olympischen Spielen ist er von seinem Job ein halbes Jahr freigestellt. Anders könnte er sein gewaltiges Trainingspensum auch nicht bewältigen. Auf die knapp 5000 Kilometer, die er pro Jahr paddelt, hat er vor Athen noch 15 bis 20 Prozent draufgepackt. Am Ende soll das eine Leistungssteigerung von zwei Prozent bringen.

Die indianische Disziplin

"Viele machen eine Ruderbewegung, wenn ich erzähle, dass ich Kanute bin. Ich erkläre dann immer, dass Kanu fahren von den Indianern kommt, dass ich quasi der schnellste Indianer der Welt bin", erzählt Andreas Dittmer. Weil er ein Ausnahmeathlet ist, darf er auch eigene Wege gehen. Bei der ersten internen Qualifikation Anfang Mai auf der Olympia-Strecke in Athen muss er nur noch einen Leistungsnachweis bringen. Bei seiner Schwester ist es ähnlich. Sie hat genügend Weltranglisten-Punkte und dürfte auf jeden Fall zu den maximal drei Frauen gehören, die die Deutsche Triathlon-Union nach Athen schicken kann.

Die Sportsoldatin, die nebenher Sportmanagement studiert, lebt in Stuttgart mit Stephan Vuckovic zusammen, der beim olympischen Triathlon-Debüt in Sydney die Silbermedaille gewonnen hat. Ein selbstbewusster Einzelgänger, aus dessen Zuversicht auch sie ihre Energie zieht. "Er ist der totale Optimist in unserer Beziehung, ich bin eher vorsichtig und pessimistisch", sagt die 28-Jährige über die Partnerschaft, die selbst eine längere Krise überlebte.

"Der Weg ist das Ziel"

Den Großteil ihres Schwimm-Rad-Lauf-Pensums bewältigt Anja Dittmer mit der Nationalmannschaft am Olympiastützpunkt in Saarbrücken. Wenn sie eine Auszeit braucht, trainiert sie allein mit ihrem Lebensgefährten. Sie ist längst nicht so offensiv wie er, wenn es um sportliche Träume geht, sagt nur: "Der Weg ist das Ziel."

Sie will es auf jeden Fall besser machen als in Sydney, wo sie 18. wurde. Einen Aufsehen erregenden Auftritt hatte sie trotzdem. Beim Olympiasieg ihres Bruders sprang sie in den Lake Penrith, schwamm zu seinem Boot und reichte ihm eine deutsche Fahne. "Ich sah plötzlich ein Paar Arme durchs Wasser wirbeln", erzählt Andreas. "Das konnte nur meine Schwester sein." Natürlich wird er sich etwas einfallen lassen, sollte Anja in Athen der große Wurf gelingen. "Ich traue ihr jedenfalls alles zu", sagt Andreas. Und er ahnt, was seine kleine Schwester von ihm erwartet: "Diesmal", meint sie, "könnten bei ihm sogar zwei Goldmedaillen drin sein."

Ines Reichelt/DPA

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