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Deutscher Fahnenträger: Für Nowitzki wird ein Traum wahr

Dirk Nowitzki wird die Fahne der deutschen Mannschaft bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele am Freitag tragen. "Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", erklärte der 30-Jährige bei der offiziellen Präsentation im Deutschen Haus. Das Nationale Olympische Komitee entschied sich damit für den Athleten mit der größten Strahlkraft.

Von Mathias Schneider, Peking

Die olympische Ringe, in die raspelkurzen Haare gefräst, gleichen eher einer Ansammlung mehr oder weniger runder Kreise, aber was will man auch erwarten, wenn Pappteller als Schablone herhalten müssen und der Friseur Chris Kaman heißt. Kaman, 2,13 Meter groß, verdient als Centerspieler in der Nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA sein Geld. Sein Kerngeschäft liegt damit weniger in der Kunst der Kopfveredelung. Doch die Zeit drängte, denn sein Kunde sollte beim großen Auftritt am folgenden Tag bereits die Identifikation der deutschen Basketballnationalmannschaft mit den Olympischen Spielen von Peking auch optisch dokumentieren.

Lapsus bei der Vorstellung

Der Effekt verfehlt seine Wirkung nicht, als Dirk Nowitzki am späten Vormittag durch eine Schiebetür des Presseraums im Hotel "Kempinski" tritt. Ein bisschen schief sitzt das Haar, aber ein Hingucker ist es allemal. Mit einem verbalen Tusch hatte der Delegationsleiter Michael Vesper seinen Fahnenträger im Deutschen Haus ankündigen wollen. Wenn nur die eigene Nervosität nicht gewesen wäre. "Der Fahnenträger ist - Gerd - äh - Dirk Nowitzki." Gelächter im proppevollen Interviewraum. Der Spannungsbogen ungewollt durchbrochen - und doch hätte die Bekanntgabe nicht trefflicher ablaufen können.

Dirk Nowitzki hat die große Pose ja nie wirklich geliebt. Er hat sich stets als Mannschaftsspieler begriffen in all den Jahren, so reich an Erfolgen. NBA-Finale, bester Spieler der regulären Saison, sechs Berufungen ins Allstar-Team. Er hätte nicht für diese deutsche Nationalmannschaft spielen müssen in den vergangenen Jahren. Zu weit war er ihr entwachsen, um sich durch Qualifikationsturniere zu quälen.

Doch Nowitzki hat sich nie von seiner Ländermannschaft gelöst - und immer wieder gesprochen von diesem Traum, den so viele träumen. Nur nicht in der NBA, einer Welt, die sich so oft um sich selbst dreht. In der sich Status und Ideale für viele an der Zahl der Limousinen in der Garage bemessen.

Der Traum von Olympia begann 1988

Das Kind im Basketballspieler Dirk Nowitzki hat dagegen nie aufgehört, von diesem Traum zu träumen. Der Traum begann im Jahr 1988, Nowitzki war damals gerade zehn. "Das 100 Meter Rennen hat damals der Ben Johnson gewonnen, ein bisschen illegal." Es hat ihn dennoch fasziniert, infiziert. 1992 bewunderte er dann das "Dream Team" der Amerikaner vor dem Fernseher, und spätestens da wuchs sich der Traum zu einem veritablen Verlangen aus: einmal Olympia! Er hat lange warten müssen, bis er wahr geworden ist. In Athen vor einigen Wochen in einer leeren Halle kämpfte er sich schließlich mit seinen Kollegen durch die Qualifikation.

Nun haben sie ihn gleich zum Fahnenträger gemacht. Es gibt sicherlich Athleten, die sich dieses Privileg eher verdient hätten. Athleten, die seit Jahren im Verborgenen trainieren, nicht Millionen mit ihrem Sport anhäufen. Athleten, die bereits zahlreiche Goldmedaillen für Deutschland errungen haben wie der Kanute Andreas Dittmer.

Doch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) entschied sich letztlich für den einzigen Mann von internationaler Strahlkraft. Er will die Chance nicht vertun, die Jugend im eigenen Land zu begeistern. "Ich denke schon, dass Dirk Nowitzki als Weltstar eine erwünschte Wirkung auf junge Leute im Land hat", begründete Vesper das Votum. Der Würzburger habe eine "authentische Begeisterung" für die olympische Idee. Nowitzki selbst wirkte sichtlich beglückt. Er habe es am Vortag erfahren. "Das ist eine Riesensache für mich. Ich fühle mich wahnsinnig geehrt."

Ein Teil der olympischen Bewegung

Seit Montag weilt er im olympischen Dorf, jenem Ort, zu dem er so vehement Einlass begehrte. Den Tennisspieler Nadal habe er gesehen. "Das ist ein Weltstar." Er klingt selbst wie ein Fan. Zusammen in der riesigen Mensa speisen, mit all den anderen Sportlern, es sei ein unbeschreibliches Erlebnis. Er genießt es sichtlich, ein Teil dieser Bewegung namens Olympia zu sein. Zum Tennis will er schauen, zum Schwimmen, zum Tischtennis. Doch vor allem das Gefühl genießen, vor 18.000 Zuschauern im vollbesetzten Pekinger Olympic Basketball Gymnasium aufzulaufen. Alle Spiele werden ausverkauft sein. Der Gastgeber China wartet, auch die USA. Am Sonntag geht es für Nowitzki gegen Angola los. Er wird mit der Gewissheit aufs Feld treten, einen großen Höhepunkt dieser Spiele bereits hinter sich zu haben.

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