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Sprint-Wunder Usain Bolt: Zu schnell, um wahr zu sein

Die Wundertaten von Usain Bolt nähren den Verdacht, dass Jamaika als führende Sprintnation bei seinen zahlreichen Erfolgen ein bisschen nachgeholfen hat. Können ein paar gute Trainer, Spaß bei der Arbeit und krosse Nuggets wirklich die Sprintwelt aus den Angeln heben?

Von Mathias Schneider, Peking

Es ist erst wenige Tage her, dass die Welt fassungslos auf das Nationalstadion von Peking geblickt hat. Ein junger Kerl, vor 22 Jahren mit offenbar unnatürlich schnellen Beinen auf der Sonneninsel Jamaika geboren, läuft wie zuvor über 100 Meter zum Weltrekord. Und wieder nichts als offene Münder. Nichts als "Aaaas" und "Oooos". Die gleiche Prozedur dürfte sich wiederholen, wenn Usain Bolt mit der 4x100-Meter-Staffel von Jamaika zum dritten Mal nach Gold greift.

Sogleich dürften sie wieder kursieren, jene fiebrigen Geschichten über Usain Bolt, gesegnet mit einer Beschleunigung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. So lange Beine, so schnelle Schritte. Viele dieser Geschichten werden erzählt von Menschen, die Usain Bolt nahe stehen und auch von Menschen, die dies von sich behaupten. Lustige Geschichten sind es. Ob sie stimmen, spielt in den Momenten der Konfusion nach Bolts Wunderläufen keine Rolle. Die Welt will Antworten auf das Phänomen Bolt. Sie soll sie bekommen.

Kult der gut gelaunten Reggae-Combo

Mit einem Lächeln steht etwa Bertland Cameron in der Mixed Zone. Eine Traube Journalisten hängt förmlich an seinen Lippen. Cameron ist selbst einst bei Olympia gelaufen, 1983 wurde er Weltmeister über 400 Meter. Nun trainiert er die 400-Meter-Mannschaft, aber natürlich kennt er Usain Bolt, seit der ein Kind war. Sie sind ja alle eine große Familie. Jamaika prangt von seinem T-Shirt, Rastalocken dürfen nicht fehlen, wie auch ein gut verständliches Pitchin-English nicht. Sie pflegen gemeinsam den Kult der gut gelaunten Reggae-Combo, die mit lässigem Hüftschwung von Weltrekord zu Weltrekord tanzt. Ein jeder trägt das gelbe Dress. Es sieht aus, als sei die Delegation der Coaches auf der Suche nach einem Rastafari-Festival.

Doping bei Bolt? Cameron grinst amüsiert. "Der ist sauber", sagt er entspannt. "Der nimmt nicht mal Nahrungsergänzungsmittel. Der schläft und isst und trinkt." Die Legende vom einfachen Burschen, der nur an seiner Playstation sitzt und ein bisschen spielen will, sie lebt. Bolt nährt sie. Wie bereits zuvor nach den 100 Metern sitzt er nach den 200 Metern relaxed auf der Pressekonferenz. Die Frage, wie er den Tag verbracht habe, kommt pünktlich. Sie war ja bereits zuvor ein großer Erfolg. Also noch einmal die gleiche Antwort.

"Ich habe bis um zwölf Uhr geschlafen und dann ein paar Nuggets gegessen. Dann bin ich zur Bahn gegangen und habe mir noch mehr Nuggets bringen lassen." Ein paar Reporter prusten. Der schnellste Mann der Welt eilt mit ein paar frittierten Hühnchen im Bauch von Weltrekord zu Weltrekord? Davor und danach wird ein kleines Reggae-Tänzchen für die Lieben daheim serviert. Die Frage nach Doping kommt nicht. Niemand mag die Party verderben.

Seit Jahren erwartet die Sprintwelt seine Explosion

Dabei ist es nicht so, dass Bolt direkt vom Strand unter die Besten gestürzt ist, wie so viele Sprinter vor ihm. Er hat ja schon mit 15 Jahren über 200 Meter den Weltmeistertitel bei den Junioren davongetragen. Seit Jahren erwartet die Sprintwelt seine Explosion. Man hat ihm viel zugetraut. Wenn nur all die plötzlichen Siege seiner Landsleute nicht wären. Bolt rennt am Mittwoch noch mit zwei Landesfahnen über die Tartanbahn, da läuft bereits seine Kollegin Melaine Walker über 400-Meter-Hürden der Konkurenz einfach davon. Sie schrammt am Weltrekord vorbei. Dabei verfügt sie über keinerlei Technik beim Sprung über die Hürden.

Dafür trägt sie eine Zahnspange. Auch Shelly-Ann Fraser, die Siegerin über 100 Meter, trägt eine Zahnspange. Zu viele Sportler in den letzten Jahren trugen eine Zahnspange, von denen man später erfuhr, sie hatten mit Wachtumshormonen gedopt, etwa Marion Jones. Auch Silber und Bronze ging über die 100 Meter der Frauen nach Jamaika. Über 200 Meter sind es Gold und Bronze.

Ein bisschen viel kommt da auf einmal aus dem Nichts von einem kleinen Eiland. Das weckt den Verdacht. Laut spricht ihn außer dem Deutschen Tobias Unger hier in Peking keiner aus. Phänomenal sei Bolt, das hört man von den Konkurrenten. Sie kommen von den Niederländischen Antillen, aus Trinidad und Tobago, mancher auch aus den USA. Zu viele Sprinter sind in den vergangenen Jahren des Dopings überführt worden. Man hält zusammen. Ein geschlossenes System, ähnlich dem Radsport, in dem keiner den anderen befleckt?

Die Glaubwürdigkeit steigt nicht eben in den weiteren Gesprächen mit Jamaikas Trainerstab. Wirklich Fundiertes über den Aufschwung ist da nicht zu hören. Ein System gebe es, aber ja, sagt der Sprinttrainer Maurice Wilson. Wie das aussieht, mag er nicht weiter ausführen. Es werde eben sehr hart trainiert und dann sei die Familie immer dabei. Alle fühlten sich wohl. Das setze eben Kräfte frei. Der Teamarzt Dr. Herb Elliott, der aussieht wie ein Medizinmann und spricht wie ein Wahrsager, befindet, der Grund für Jamaikas Aufschwung liege ja eigentlich in den USA. "Die besten Amerikaner gehen nicht zum Sprint, sondern zum Football." Alles kein Problem, alles laufe hier sauber ab.

Bolt, eine Laune der Natur

Nur nicht die Ruhe verlieren. Keine zehn Meter weiter steht Stephen Francis an die Wand gelehnt, auch er umzingelt. Er genießt die Fragen, das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu stehen, die so lange nur gelächelt hat über dieses Jamaika, weil dort außer ein bisschen Marihuana nicht viel zu holen sei. "Es gibt Menschen, die sind einfach Ausnahmeerscheinungen", doziert Francis nun. Er trainiert eigentlich Bolts Rivalen Asafa Powell, doch nun sind sie alle vereint in ihrem Stolz. "Es gibt Einstein, es gibt Issac Newton, es gibt Beethoven. Und es gibt Usain Bolt. Man kann nicht erklären, was und wie sie es tun." Usain Bolt, eine Hochbegabung, eine Laune der Natur. Ein Genie. Es ist die Version, die am besten gefällt.

Bolt selbst gibt wie immer den arglosen lockeren Burschen. "Ich wollte heute alles auf die Bahn legen, ich wusste, dass ich die Chance auf Weltrekord habe." Zwei Hundertstel ist er schneller gewesen als Michael Johnsons 19,32, die von seinem Schöpfer eigentlich für die Ewigkeit angelegt waren.

Kein Grund auszuflippen für den neuen Sprint-Superstar. Selbst seinen Geburtstag am Tag nach dem 200-Meter-Triumph feierte er nicht groß. Stattdessen legte er sich schlafen. Schlafen macht offenbar unheimlich schnell, denn Bolt verabreicht sich jeden Tag eine Überdosis davon. Er ist hier in Peking nicht positiv getestet worden, dabei wurde er oft getestet. Er ist auch zu Hause nie positiv getestet worden, aber das erklärt sich leicht, Jamaika hat keine Nationale Anti-Doping-Agentur. Und ein Genie wie Bolt, den sollte man sich auch schön in Ruhe fit schlafen lassen.

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