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Doping: Die verbotenen Helfer im Überblick

Schon die Olympioniken im alten Griechenland sollen sich mit dubiosen Tränken für ihre Wettkämpfe gestärkt haben. Doch erst in den 1960ern wurde Doping im Sport konkret verboten. Die häufigsten Dopingmethoden, was sie bewirken und welche Gefahren die Sportler durch die Mittel in Kauf nehmen.

Von Dorothea Palte

Prinzipiell gilt als Doping, was die internationalen Dopingregeln verletzt. Diese werden ständig aktualisiert und ihre Einhaltung durch Dopingproben während der Wettkämpfe und im Training überprüft. Eine Leistungssteigerung steht beim Doping meistens im Vordergrund. Aber nicht immer.

Höchstleistung durch Stimulanzien

Ähnlich den körpereigenen Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin wirken Stimulanzien wie Amphetamin und Ephedrin, Methamphetamin, Kokain und Ecstasy auf das zentrale Nervensystem. Sie heben kurzzeitig die Stimmung, putschen auf, vertreiben Müdigkeit, beschleunigen den Herzschlag, erweitern die Bronchien und versetzen den gesamten Körper in die Lage, mehr Leistung zu vollbringen. Deshalb sind sie während sportlicher Wettkämpfe verboten.

Stimulanzien haben ein hohes Suchtpotential, sie führen zudem zu Stresssymptomen und Aggressionen. Bei hohen Dosierungen können sie Psychosen und Halluzinationen auslösen. Zudem verengen sie die Blutgefäße, was zu Wärmestau und Überhitzung, Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkten führen kann. Die natürliche Ermüdungsschwelle des Sportlers wird aufgehoben. Mögliche Folge: Vollkommene körperliche Erschöpfung mit Todesfolge.

Wegen ihrer gravierenden Nebenwirkungen werden Stimulanzien in der Medizin praktisch nicht mehr angewendet. Lediglich Ephedrin ist in geringen Dosierungen in einigen Erkältungsmitteln zu finden. Die Einnahme solcher Mittel während eines Wettkampfs wird als Doping geahndet. Stimulanzien sind beim Dopingtest einfach im Urin nachzuweisen.

Die bekanntesten Todesfälle durch Stimulanzien sind die des dänischen Radrennfahres Knut Erik Jensen 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom und des britischen Radrennfahrers Tom Simpson bei der Tour de France 1967. Sie hatten Amphetamine genommen. Das Schicksal beider Sportler war Auslöser für das Doping-Verbot im modernen Leistungssport.

Durchhalten mit Schmerzmitteln

Während Wettkämpfen sind stark wirksame Schmerzmittel aus der Klasse der Opiate verboten. Zu den Opiaten zählen neben Schmerzmitteln wie Morphin auch Drogen wie Heroin und der Opiatersatzstoff Methadon. Die Substanzen unterdrücken Schmerzen und wirken beruhigend. Sie helfen Sportlern daher, im Wettkampf über ihre Belastungsgrenze zu gehen oder ihre Aufregung zu unterdrücken. Neben starker körperlicher und psychischer Abhängigkeit führen sie auch zu Schwindel, Ohnmacht und Bewusstseinstrübung. Eine Überdosis kann tödlich sein. Das mit dem Morphium verwandte Codein, das in einigen Hustenmitteln zu finden ist, wird vom Körper zum Teil in Morphin umgewandelt und kann daher zu einer positiven Dopingprobe führen. Auch der Verzehr von Mohnkuchen oder die Anwendung eines Haarwuchsmittels können positive Befunde auslösen. Die starke Schmerzlinderung der Narkotika ist vor allem in besonders schmerzhaften Sportarten wie beim Boxen gewünscht. Da sie aber auch beruhigend wirken, galt ihr Missbrauch in Sportarten, in denen es auf Konzentration, Ruhe und Nervenstärke ankommt - zum Beispiel unter Golfern oder Sportschützen - als wahrscheinlich. Da die Narkotika in einer Urinprobe leicht nachzuweisen und die Nebenwirkungen gravierend sind, wird nur noch von wenig Doping mit Narkotika ausgegangen.

Muskeln durch Anabolika

Aufbau von Muskelmasse und Abbau von Fett - nicht nur Sportler träumen davon. Im Leistungs- wie im Breitensport versuchen Sportler dies mit anabolen Steroiden zu erreichen. Sie ähneln dem männlichen Sexualhormon Testosteron und wirken kraftsteigernd. Zudem erhöhen sie die Regenerationsfähigkeit und Ausdauer. Allerdings zu einem hohen Preis: Es kann zu einer Störung des Hormongleichgewichts, das bei Männern zur "Verweiblichung" (Schrumpfen der Hoden, Ausbildung einer Brust) und bei Frauen zur "Vermännlichung" (verstärkter Haarwuchs, Rückbildung der Brust, Ausbleiben der Menstruation) kommen. Weiterhin sind auch Leberschäden, Bluthochdruck und dadurch eine starke Belastung des Herz-Kreislauf-Systems bis zum Tod möglich. Auch Depressionen, Halluzinationen und erhöhte Aggressivität sind Nebenwirkungen von Anabolika.

Vor allem in der Leichtathletik und in Kraftsportarten wie dem Gewichtheben sind Anabolika weit verbreitet. Da sie vor allem während der Wettkampfvorbereitung eingenommen werden, sind sie einer der Gründe dafür, dass Trainingskontrollen eingeführt wurden. Der Nachweis von Anabolika ist allerdings schwierig, da Testosteron in unterschiedlichen Konzentrationen in jedem Körper vorkommt und synthetisches bislang nicht von natürlichem unterschieden werden kann. Jedoch kann durch den Vergleich des Epitestosterongehalts im Urin, der normalerweise im Verhältnis 1:1 zum Testosterongehalt steht, ein indirekter Nachweis erfolgen. Der wohl berühmteste Anabolika-Dopingfall ist die Disqualifikation von Ben Johnson, des Gewinners des 100-Meter-Laufs, 1988 in Seoul.

Mit Hormonen an die Spitze

Ebenfalls unter Doping fällt die Anwendung verschiedener Hormone etwa des Wachstumshormons HGH, des Wachstumsfaktors IGF-1, von Insulin und Kortison, dem Schwangerschaftshormon HCG bei Männern oder antiöstrogener Wirkstoffe. Sie greifen alle in den natürlichen Hormonhaushalt des Sportlers ein. HGH beispielsweise fördert beim Kind das Wachstum und den Muskelaufbau. Beim Erwachsenen ist der HGH-Spiegel dann natürlicherweise geringer. Eine dauernde Zufuhr kann zwar eine Leistungssteigerung durch Fettabbau und Muskelaufbau erzeugen, jedoch sind die Nebenwirkungen gravierend: Bluthochdruck, Diabetes, Gelenkschmerzen und ein erhöhtes Krebsrisiko. Zudem kann ein über lange Zeit deutlich erhöhter HGH-Spiegel zum Anwachsen einzelner Körperteile und innerer Organe führen.

Wachstumshormone und -Faktoren finden, meist gepaart mit Anabolika, vor allem bei Kraftsportarten und im Bodybuilding Anwendung. Aber auch in der Wettkampfvorbereitung für andere Sportarten spielen sie mitunter eine Rolle. Der Nachweis von Hormonen ist immer schwierig, denn sie kommen natürlicherweise im Körper vor. Oft müssen daher vergleichende Tests wie bei den Anabolika angewendet werden oder Langzeitbeobachtungen auffälliger Sportler. Eine Ausnahme bildet das Schwangerschaftshormon, das bei Männern normalerweise nicht vorkommt und im Urin direkt nachweisbar ist.

Gut durchatmen mit Asthma-Medikamenten

In der Medizin werden Beta-2-Agonisten gegen Asthma eingesetzt. In den 1990er Jahren wurden diese Wirkstoffe als Dopingsubstanzen deklariert und verboten, nachdem ihr Missbrauch im Sport bekannt wurde. Lediglich Sportler mit Asthma dürfen derzeit vier Präparate zur Inhalation nehmen, allerdings nur nach vorheriger Anmeldung. Beta-2-Agonisten wirken unter anderem auf die Bronchien und verbessern die Atmung. So kann mehr Sauerstoff ins Blut gelangen und es wird eine kurzfristige Leistungssteigerung im Wettkampf erzielt. Außerdem scheinen sie langfristig und in hohen Dosierungen den Muskelabbau zu verlangsamen, Trainingseffekte bleiben also länger bestehen. Beta-2-Agonisten wurden zunächst in der Tiermast eingesetzt, bevor sie als Doping-Mittel entdeckt wurden. Hohe Dosen können die Beta-1-Rezeptoren am Herzen stimulieren und so zu Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen, außerdem zu Muskelzittern führen. 1992 wurden die Leichtathletinnen Katrin Krabbe, Grit Breuer und Manuela Derr wegen positiver Befunde auf den Beta-2-Agonisten Clenbuterol zu mehrjährigen Sperren verurteilt. Nach Einführung der Meldepflicht nutzten 1994 in Lillehammer 70 Prozent der Sportler Beta-2-Agonisten "aus medizinischen Gründen". Diesem offensichtlichen Missbrauch ist mit strengeren Auflagen zur medizinischen Notwendigkeit begegnet worden.

Blutdoping und Epo

Blutdoping und Epo (Erythropoetin) sind die derzeit wohl bekanntesten Dopingmethoden. Dabei geht es um eine Leistungssteigerung durch eine bessere Versorgung der Muskeln. Je mehr sauerstofftransportierende rote Blutzellen ein Sportler hat, desto besser werden seine Muskeln mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, was Leistung und Ausdauer steigert.

Blutdoping umfasst das Doping mit Eigen- oder Fremdblut oder Blutbestandteilen (rote Blutzellen, Hämoglobin). Dem Sportler wird beim Eigenblutdoping während der Trainingsphase etwa ein Liter Blut entnommen, eingelagert und nach vier bis sechs Wochen, wenn der Körper wieder Blut nachgebildet hat, vor dem Wettkampf zugeführt. Beim Fremdblutdoping (Mensch oder Tier) entfällt die Entnahme, das Blut wird dem Sportler vor dem Wettkampf direkt verabreicht.

Epo beziehungweise Erythropoetin ist ein in der Niere hergestelltes Hormon, das die Bildung der roten Blutkörperchen anregt und daher, häufig auch kombiniert mit dem Eigenblutdoping, zur Leistungssteigerung angewendet wird.

Der Nachweis von Blutdoping ist schwierig. Der des Fremdblutdopings ist seit 2004 durch einen Bluttest möglich. Eigenblutdoping kann nicht nachgewiesen werden, es geht aber meist mit Epo-Einnahme einher. Seit den 1980er-Jahren wird Epo gentechnisch hergestellt, was es durch geringe Unterschiede zum körpereigenen Erythropoetin nachweisbar macht. Außerdem können indirekte Verfahren Blutdopingsünder überführen: Da sich die Parameter des Blutes verändern, können langfristige Vergleichsbeobachtungen des Sportler-Blutes zumindest den Verdacht auf Blutdoping begründen.

Jegliche Steigerung der Anzahl roter Blutkörperchen führt langfristig zu einer Verschlechterung des Blutflusses, zur Erhöhung des Blutdrucks und zu einer akuten Thrombose-Gefahr. Bei Blutkontrollen direkt vor den Wettkämpfen wird daher der Gehalt an roten Blutkörperchen bestimmt. Ist das Blut zu zähflüssig, wird der Sportler aus medizinischen Gründen nicht zum Wettkampf zugelassen. Dies stellt zwar keine Dopingüberführung dar, schränkt aber den Missbrauch von Epo und Blutdoping ein. Beim Fremdblutdoping riskiert der Sportler zudem die Übertragung ansteckender schwerer Krankheiten, wie zum Beispiel Hepatitis C oder HIV.

Blutdoping und Epo werden vor allem im Radsport, aber auch von Langstrecken-Athleten aller Art (Laufen, Ski, Schwimmen) eingesetzt. Die bekanntesten Dopingskandale sind die Festina-Affäre während der Tour de France 1998 (Epo) und die Affäre um den spanischen Sportmediziner Fuentes (Eigenblutdoping) im Jahre 2006.

Cannabis, Alkohol und Beta-Blocker

Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) in Cannabis, Haschisch oder Marihuana wirkt in geringen Dosen entspannend, euphorisierend und schmerzstillend. Hohe Dosen können zu psychotischen Anfällen führen, zu psychischer Abhängigkeit, Antriebslosigkeit und Persönlichkeitsveränderungen. Im Sport können Cannabis-Produkte zudem zu einer Steigerung der Risikobereitschaft führen, zum Beispiel bei gefährlichen Sportarten wie dem Skiabfahrtslauf oder Motorsport. Sie sind in allen Sportarten während des Wettkampfs verboten. THC ist einfach und vor allem langfristig im Urin nachweisbar. Auch wenn Sportler Cannabis-Produkte theoretisch außerhalb des Wettkampfes nehmen dürften, besteht die Gefahr einer positiven Wettkampfprobe.

Nur bei bestimmten Sportarten verboten sind Alkohol und Betablocker. Sie führen zwar zu keiner direkten Leistungssteigerung, ihre beruhigende Wirkung kann jedoch in einigen Sportarten einen Wettkampfvorteil bedeuten. Daher gelten sie etwa beim Bogenschießen, Billard oder Skispringen, im Wettkampf als Doping.

Manipulation von Proben

Auch als Dopingsünde gilt die nachgewiesene Manipulation von Dopingproben durch pharmakologische, chemische oder physikalische Maßnahmen. Alles, was nach derzeitigem Wissenstand in der Lage ist, eine Dopingprobe so zu manipulieren, dass ein Nachweis des tatsächlichen Dopingmittels nicht mehr möglich ist, gilt als Doping-Verstoß. Beispielsweise sind Diuretika für Sportler verboten. Sie steigern die körperliche Leistung nicht - eher im Gegenteil - aber ihre Einnahme führt kurzfristig zu einer erhöhten Urinausscheidung und damit zur Verdünnung anderer Dopingsubstanzen. Wenn die analytische Nachweisgrenze für die verwendeten Dopingmittel unterschritten wird, ist ein positiver Nachweis unmöglich. Außerdem finden Diuretika auch in Sportarten mit Gewichtsklassen wie Judo und Ringen Anwendung, um mit einer erhöhten Wasserausscheidung das Körpergewicht derart zu verringern, dass der Start in einer niedrigeren Gewichtsklasse möglich wird. Starke Diuretika sind in der Lage, innerhalb weniger Stunden einen Flüssigkeitsverlust von ein bis drei Kilogramm zu erzielen. Damit einher geht aber die Ausschwemmung lebenswichtiger Nährstoffe. Ebenso ist die Einnahme von Epitestosteron, dessen Wert im Vergleich zum Testosteron Aufschluss über Anabolika-Doping gibt, verboten. Als "Maskierungssubstanz" zählt auch der bei Gichtkranken eingesetzte Wirkstoff Probenecid zu Doping. Es führt zu einer vermehrten Ausscheidung von Harnsäure, was den Abbau anderer Medikamente durch die Niere zeitweise hemmt und somit die Doping-Substanzen zum Zeitpunkt der Dopingprobe im Urin nicht nachweisbar macht. Die vermehrte und vor allem unangekündigte Durchführung von Dopingproben richten sich gegen diese Formen der Verschleierung.

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