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Olympia-Fernsehkritik: Verschärfter Spagat

Harte Diskrepanz zwischen Inszenierung und Wirklichkeit: Während in Peking Heile-Welt-Bombast zelebriert wird, bricht im Kaukasus Krieg aus. Die ARD meisterte den Spagat bei der Übertragung der Olympia-Eröffnung achtbar - auch dank guter Aufgabenteilung.

Von Peter Luley

Es war schon eine denkwürdige Parallelität der Ereignisse: Während auf dem Fernsehschirm die bombastische Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele aus dem Pekinger Nationalstadion abschnurrte, konnte man nebenan in den News-Portalen des Internets vom ausbrechenden Krieg im Kaukasus lesen. Während also die in China anwesenden Staatsmänner Bush, Putin und Sarkozy der gigantischen Inszenierung des einstmals regimekritischen Filmregisseurs Zhang Yimou ("Rote Laterne") zusahen und ihren Delegationen winkten, sprach das Weltgeschehen dem olympischen Frieden Hohn und enthüllte die ganze Verlogenheit des Spektakels.

Kritisch und gleichzeitig begeisterungsfähig?

Für die übertragende ARD bedeutete dies verschärfte Bedingungen: Das ohnehin schwierige Unterfangen, vor dem Hintergrund von Menschenrechtsverletzungen und Doping-Problematik sowohl kritisch als auch begeisterungsfähig über das größte globale Sportereignis zu berichten, wurde so noch diffiziler. Die aufgebotene Task Force, so viel vorweg, schlug sich wacker - vor allem dank der geglückten Aufgabenteilung, mit der man die Langstrecke von 13.00 - 18.45 Uhr deutscher Zeit antrat.

Nach einem etwas krampfig-menschelnden Ein-Stunden-Countdown mit Reinhold Beckmann und diversen Gesprächspartnern (Beckmann: "Werden das tatsächlich fröhliche, unbefangene Spiele?"; "Sind wir zu große Bedenkenträger?") und den wohl obligaten Emotions-Schnipseln mit Monica Lierhaus ("eine fantastische Atmosphäre im wunderschönen 'Vogelnest'") sowie der als Expertin verpflichteten Ex-Schwimmerin Franziska van Almsick übernahmen Talk-Lady Sandra Maischberger und HR-Sportchef Ralf Scholt die Kommentierung der Zeremonie.

Schwester Sandra, Bruder Ralf

Ihre Rollenverteilung im Bemühen um einen positiv-kritischen Grundton war erwartbar, machte aber Sinn: hier Schwester Sandra, zuständig für die Themenbereiche kritisches Hinterfragen und Welt-Gewissen, dort Bruder Ralf von der Abteilung Sportliches Fachwissen.

Während vor 90.000 Zuschauern im Stadion und geschätzten vier Milliarden TV-Zuschauern weltweit Yimous Tour de force durch 5000 Jahre chinesischer Geschichte ablief, erkannten die beiden richtig, dass das Spektakel aus Konfuzius-Weisheiten, Trommlern und Terrakotta-Kriegern weitgehend für sich selbst sprach, und beschränkten sich auf dezente Erklärungen. Wo sie der martialisch-sozialistischen Massen-Choreografie, die sich mit viel Feuerwerk und digitalen Effekten verband, allerdings sanft-ironische Bemerkungen beigaben, tat das gut. So stellte Scholt lakonisch fest, dass man rund 100 Jahre und den "Großen Vorsitzenden" Mao komplett ausgespart habe, und Maischberger betätigte sich hier und da als staunende Zeichendeuterin ("das ist ganz bestimmt 'ne Friedentaube").

Einmarsch als Eurovision Song Contest

Im Lauf des anschließenden, sich über zähe zwei Stunden erstreckenden Einmarschs der 205 Nationen von Griechenland bis China war dagegen dringend erklärendes Entertainment geboten - nicht nur, weil die Reihenfolge nach chinesischem Alphabet zu schwer nachvollziehbaren Abfolgen führte wie Cayman Islands nach Mazedonien und Botswana nach Mikronesien. Überdies wurde die Zeremonie offenbar eher unkoordiniert von fünf Kapellen aus fünf Erdteilen begleitet, was drollige Kombinationen ergab wie die, dass der Einzug Jamaikas von einer weiblichen Mariachi-Band begleitet wurde. Maischberger und Scholt erkannten die gewandelten Anforderungen, begannen zu frotzeln und entfalteten regelrechte Eurovision-Song-Contest-Qualitäten.

Launig pendelten sie von geografischen Einordnungen der Länder über Schilderungen ihrer Eigenheiten ("traumhafte Wahlergebnisse") bis zu sonstigen Merkmalen ("Liechtenstein - mehr Adressen als Einwohner"). Gleich zweimal scherzten sie beherzt über George W. Bush. Als der US-Präsident, heftig mit dem Kopf wippend, zum ersten Mal eingeblendet wurde, kommentierte Maischberger süffisant: "Wer weiß, wozu er nickt - ach, es ist die Musik." Und als die Abordnung Guams, einer US-Militärbasis im Westpazifik, deren Staatsoberhaupt formal Bush ist, ins Stadion lief, spekulierten sie süffisant über sein Sitzenbleiben: "Warum erhebt er sich denn nicht? - Weiß er's überhaupt?".

Informationen am Rande der Persiflage

Maischberger spielte geschickt und recht würdevoll mit der (Geschlechter-)Rollenverteilung, neckte ihren Co-Moderator ("du weißt doch immer alles...") und entlockte ihm gelegentlich am Rande der Persiflage Informationen ("Was machen die Ägypter sportlich?" - "Handball spielen" - "Machen die das gut?" - "Hoffentlich nicht so gut wie die Deutschen."). Scholt wiederum ließ seine Partnerin schon mal ein wenig in der Luft hängen und sie sich ihre Fragen selbst beantworten ("warum ist Surfen denn nicht olympisch - weil man die Wellen nicht herstellen kann?").

Als "ein bisschen kühl" habe sie die ganze Perfektion dann doch empfunden, bilanzierte Maischberger schließlich, nachdem die Turnlegende Li Ning das olympische Feuer im Stadion entzündet hatte, und da war man einmal mehr ganz bei ihr. Für die Expertin Franziska van Almsick hatte "China schon das erste Olympia-Gold gewonnen" - "im Menschenmassen-Gleichschrittlaufen oder so was".

Krisenmanagement trotz Kaukasus-Konflikt

In der Nachbereitung - mittlerweile nach Mitternacht in China - wuchs Reinhold Beckmann dann angesichts des Kaukasus-Konflikts noch die Rolle des Mittlers zwischen Schalten nach Moskau und Washington zu den Korrespondenten Thomas Roth und Hanni Hüsch zu. Und man muss sagen: Er machte es ordentlich.

Am Ende hatte man das Gefühl, von den eingesetzten Fachkräften ordentlich betreut worden zu sein - vor allem von den richtigen Leuten am richtigen Platz: Schön etwa, dass nicht Monica Lierhaus und Franzi van Almsick für den durchgehenden Stadion-Kommentar zuständig waren, sondern eben Maischberger und Scholt. Eins allerdings konnten einem auch Schwester Sandra und Bruder Ralf nicht abnehmen: die Entscheidung, ob man dieses sehr ambivalente Spektakel wirklich dauerhaft vorm Fernseher verfolgen will. Aber vielleicht klärt sich das ja von selbst, wenn nun die Wettkämpfe beginnen.

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