Hier spricht China, Teil 4 Die Glasnudeln und ihre Superstars


China führt den Medaillenspiegel an, enteilt allen anderen Nationen - genau so hat sich das die Regierung vorgestellt. Doch nur Goldmedaillen, erklärt unsere Kolumnistin Yuanchen Zhang, reichen Chinas Sportfans noch nicht.

Mühevoll bahnte er sich seinen Weg durch das dichte Spalier im Terminal 3 des neuen Pekinger Flughafens, begleitet von einer Polizei-Eskorte. Dicht gedrängt jubelten ihm die Chinesen zu - und über 50 einheimische Journalisten hielten ihm arglos Kameras vor die Nase und redeten auf ihn ein. So verlief die Ankunft des deutschen Tischtennis-Spielers Timo Boll in Peking. In China ist Timo Boll ein Superstar. "Seine Fotos hängen als Werbeplakate an den Wänden der Hochhäuser, ohne Bodyguards würden ihn die Autogrammjäger über den Haufen rennen und ihm die Klamotten vom Leib reißen", schrieb meine stern-Kollegin Alexandra Kraft.

Ja, die Olympischen Spielen haben die Sehnsucht der Chinesen nach internationalen Stars noch einmal verstärkt. Kobe Bryant, Michael Phelps, Roger Federer, Dirk Nowitzki... sie werden besonders von jungen chinesischen Fans gejagt, die an ein Autogramm oder an ein Foto kommen wollen. Fans - das Wort mussten wir im Chinesischen erstmal einführen. Fans sind bei uns nun "fensi", ins Deutsche übersetzt heißt das lustigerweise "Glasnudel".

Bei den Stars schauen

die Chinesen aber nicht mehr nur nach Europa und in die USA. Sie machen sich längst selbst auf die Suche nach "Superstars-made-in-China". Dazu zählen zum Beispiel der Hürdenläufer Liu Xiang und der Basketballer Yao Ming. Früher waren einheimische Sportler für Chinesen eher Sporthelden als Superstars. Sie lieferten zwar tolle Leistungen, traten aber immer emotional zurückhaltend, humorfrei und bescheiden auf. Sogar nach dem Sieg zeigten sie keine Gefühle. Solche Helden schätzen die Chinesen. Sie lieben sie aber nicht.

Bei einem Star wie Liu Xiang ist das nun anders. Er ist ein Nationalheld, ein Superstar und - auch Menschen, die sich nicht für Sport interessieren, kennen ihn. Der Leichtathlet zeigt seine Gefühle, ist locker, wirkt authentisch. Der Sportreporter Wang Xiaoshan berichtete über ihn: "Nach einem Sieg rief ihm ein Fan zu: Liu Xiang ist super!" Da erwiderte er: "Ja, ich bin wirklich super!" Diese Entgegnung ist eine kleine Revolution: Kein chinesischer Sportler hätte sich früher so eine Antwort getraut.

Wie kam es zu diesem Star-Boom

, dessen Kraft sogar die westlichen Medien überrascht? Es liegt daran, dass China sehr lange einen Superstar vermisst hat. Na gut, einen hatte das Land mal, der hieß Mao Zedong und war ein Politiker. Mao, der langjährige Staatschef, faszinierte die Menschen über Jahrzehnte, er war der Star der Großeltern-Generation. Nach seinem Tod und dem zehnjährigen politischen Chaos war Persönlichkeitsverehrung in China erstmal ein Tabu, das nicht nur für Politiker galt.

Mit der Öffnung ihres Landes sahen die Chinesen, dass Sport auch anders funktionieren kann. Die internationalen Stars sind nicht bloß disziplinierte, asketische und erfolgreiche Kampfmaschinen wie die Sportler chinesischer Tradition. Sie verfügen über, oder, besser gesagt, sie zeigen eine besondere Persönlichkeit. Und sie sind, jeder kann das sehen, menschlich.

Liu Xiang betrat mit dem Olympiasieg 2004 genau zum richtigen Zeitpunkt die Bühne. Er und die anderen chinesischen Superstars dürfen sich vermarkten, Millionen mit Werbung verdienen. Das hätte sich vor ein paar Jahren niemand träumen lassen: dass Sportler plötzlich Werbeeinkommen werden. Manche werden nach ihrer Sportkarriere sogar Schauspieler und nicht, was lange normal war, Trainer.

Die jungen chinesischen Sportfans

suchen in der rasanten gesellschaftlichen Wandlung nach Stars, an denen sie sich geistig orientieren können. Die chinesische Gesellschaft ist einerseits immer noch sehr vom Kollektivismus geprägt, dies wurde vor einer Woche auf der Eröffnungsfeier wieder bestätigt. Kollektives Zusammenhalten, Gehorsamkeit, Bescheidenheit, Harmonie - das sind weiterhin wichtige Werte. Man sucht bewusst nach etwas Gemeinsamen. Andererseits darf man jetzt, und das ist eben der Einfluss der Individualität des Westens, aus der Masse herausragen. Natürlich ist das paradox. Aber es funktioniert. Ein Fernsehsender aus der Provinz hat bereits vor ein paar Jahren das Format "Chinese Super-Girl" gestartet, ein Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar". Da singen nun 18- und 19-jährige Mädchen. Inzwischen schaut das ganze Land zu. Und der Staat hat nichts dagegen.

Yuanchen Zhang print

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