Interview mit Tobias Unger "Einfach eine Schweinerei"


Usain Bolts Weltrekorde forcieren die Doping-Diskussionen. "Diese Leistung muss einen einfach stutzig machen", sagt Tobias Unger, Deutschlands schnellster Sprinter, zu stern.de. Fehlende Kontrollen und lasche Bestrafungen seien Gründe für die abnormen Leistungen. Für Unger ist ein Ende der Doping-Spirale nicht in Sicht.

Ihre Bestzeit steht bei 10,16 Sekunden. Im Zwsichenlauf sind sie 10,36 Sekunden gelaufen. Usain Bolt ist im Finale über sieben Zehntel schneller gewesen. Wie können Sie sich das erklären?

Im Interview meinte er, dass er viel Chicken gegessen hat. Meiner Meinung nach war der Lauf einfach arrogant von ihm. Im Ernst: Das ist eine Schweinerei.

Wie meinen Sie das?

Die Jamaikaner haben im eigenen Land keine nationale Doping-Agentur. Und das Beste: Die Amerikaner lassen sie in Ruhe, weil die auch auf Jamaika trainieren und natürlich auch unbehelligt bleiben wollen. Man weiß ja aus Medienberichten, was da dann abgeht. Mich hat das bislang nie richtig gestört, aber wenn ich dann direkt gegen so einen laufe, bei dem nicht alles nicht mit rechten Dingen zugeht, dann muss ich aufpassen, dass ich nicht den Spaß an meinem Sport verliere.

Verständlich.

Das bringt doch gar nichts, wenn die Jamaikaner hier bei Olympia zehn Mal kontrolliert werden. Die griechischen Sprinter haben sie doch auch im Training erwischt, drei Wochen später hier im Wettkampf wären die auch sauber gewesen.

Die Leistungen der Jamaikaner sind hier extrem auffällig...

Die haben die Amerikaner hier demontiert. Aber die Amerikaner werden in ein, zwei Jahren wieder kontern mir irgendwelchen Mitteln. Da läuft dann einer halt 9,65 Sekunden.

Letztlich also nur ein Wettkampf der besseren Drogen?

Möglicherweise. Aber das ist alles ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite muss man die nicht Kontrollierten natürlich alle aus dem Verkehr ziehen, auf der anderen Seite wollen doch alle Weltrekorde sehen. Wenn die Zeiten schlechter sind, kommt doch bei einigen gleich Langeweile auf. Kim Collins ist mit 10,07 Sekunden 2003 Weltmeister geworden, das war vielleicht der letzte saubere Sieger.

Die Leute wollen Spektakel - deswegen wird gedopt.

Klar. Bei der Tour de France fährt ein Lance Armstrong am Berg allen weg, obwohl das restliche Feld am Anschlag fährt. Die 100 Meter sind das wichtigste Rennen in der Leichtathletik. Da schauen alle hin, da kann man sich profilieren.

Bolt hatte nicht einmal seine Schuhe richtig geschnürt...

Ja, Wahnsinn. Der hat sich überhaupt nicht warm gemacht. Kommt in kurzen Hosen ins Stadion, macht zwei Steigerungen und startet. Das kann nicht sein. Vor drei Wochen läuft er 9,74 Sekunden und schon im Mai hatte er super Zeiten stehen. Jetzt läuft er Weltrekord. Von Mai bis September in Top-Form - das muss einen einfach stutzig machen.

Die Folgen der fehlenden Dopingkontrollen...

... sind vor allem für die Europäer drastisch. Im Finale standen nur Sprinter aus Ländern, in denen kaum oder gar nicht kontrolliert wird. Einer von den niederländischen Antillen, zwei aus Trinidad, drei Jamaikaner und zwei Amerikaner - das sagt doch alles.

Haben die dunkelhäutigen Läufer auch anatomische Vorteile?

Ihre ganzen Bewegungen sind geschmeidiger, ihr Muskelaufbau ist stabiler, sie sind von Grund auf austrainierter. Denen fällt das Sprinten einfach leichter. Da kann ich mir einiges abschauen. Wenn man sie mal trainieren sieht…

Was für eine Zeit trauen Sie sich überhaupt zu?

9,70 Sekunden werde ich nie laufen. Aber um die 10,00 Sekunden könnte klappen. Im nächsten Jahr bei den Weltmeisterschaften in Deutschland will ich das schaffen.

Noch einmal zurück zum Thema Doping. Wie schafft man es, die Betrüger auch zwischen den Wettkämpfen zu überführen?

Das geht nur mit Abschreckung. Wer erwischt wird, muss lebenslang gesperrt werden. Das ist doch alles ein Wettlauf: Die Ärzte erfinden ständig neue Drogen und die bieten sie den Athleten an. Wie weit ist die WADA (Weltdoping-Agentur, Anm. d. Red.) und wie weit voraus sind diese Ärzte und deren Abnehmer? Da hinkt die WADA doch immer hinterher.

Und der Wettlauf geht immer weiter?

Natürlich. Jetzt beginnt das Gen-Doping, das ist das Nächste.

Was kann man dagegen tun?

Viel härter bestrafen. Hier sind so viele Athleten am Start, die schon einmal gedopt waren, das ist unglaublich. Da geht im Diskus der Ungar Robert Fazekas an den Start, der sich bei seiner positiven Kontrolle einen Katheter gelegt hatte. Der wirft hier locker mit und das finde ich einfach scheisse. Nach zwei Jahren ist alles vergessen und die Gedopten sind wieder die Helden.

Frustrierend, oder?

Stimmt. Besonderes wenn man direkt dabei ist, dann nervt das. Es ist einfach eine größere Motivation, gegen saubere Gegner vorne mitzulaufen als gegen Gedopte keine Chance zu haben.

Schon einmal selber etwas ausprobiert?

Nein, lieber beende ich meine Karriere. Mir wurde auch noch nie etwas angeboten. Die wissen, dass sie da bei mir an der falschen Adresse sind. Ich habe so viel meinem Sport zu verdanken, das würde ich mir durch Doping nie kaputt machen lassen.

"Sauberer Sport" - Ihrer Meinung nach eine Illusion?

Da müssten schon die Medien mitmachen und ein Jahr komplett nichts übertragen. Vielleicht sollte man für einen Olympiasieg eine Essenmarke oder ein Paar Schuhe als Prämie vergeben - dann wäre der Anreiz zu dopen sicherlich geringer. Es ist einfach zu viel Geld im Spiel.

Was sagen Sie zu den Leistungen der deutschen Leichtathleten? Bislang noch keine einzige Medaille...

Wir sind alle sehr enttäuscht. Wir waren einige Mal dicht an Bronze, wie zum Beispiel Robert Harting. Es hat bislang aber einfach nicht gereicht. Aber vielleicht holen wir noch eine Medaille - die Schwimmer hatten ja auch einen Spätstart.


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