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Weltrekord-Flut: Der Verdacht schwimmt mit

Der Amerikaner Michael Phelps stellt derzeit einen Weltrekord nach dem anderen auf, diesmal über 200 Meter Freistil. Doch nicht nur Phelps schwimmt scheinbar mühelos von Rekord zu Rekord. In Peking purzeln die Bestzeiten quer durch alle Disziplinen fast im Minutentakt. Angeblich alles eine Frage des richtigen Materials.

Von Mathias Schneider, Peking

Natürlich Gold. Natürlich Weltrekord. Alles andere wäre auch eine Enttäuschung gewesen bei den Maßstäben, die Michael Phelps sich selbst und der Welt in seiner Sportart setzt. Kein Athlet hat diese Olympischen Spiele bisher so geprägt wie der Ausnahmeschwimmer aus Baltimore in den USA. Sein drittes Gold über 200 Meter Freistil erschwamm er am Dienstagmorgen mit beängstigender Leichtigkeit. Als habe es die Staffel am Vortag nicht gegeben, als die Amerikaner in einem der dramatischsten Rennen in der Geschichte dieses Sports den Franzosen den Sieg über die 4x100 Meter noch auf den letzten Metern entrissen - und nebenbei den Weltrekord geradezu pulverisierten. Sein erstes Gold über 400 Meter Lagen hatte Phelps da bereits eingesackt. Auch in diesem Rennen war noch nie ein Mensch schneller geschwommen.

Nun hat es in der Geschichte des Schwimmens zu jeder Epoche Athleten von herausragendem Talent gegeben, und dass Phelps am Ende seiner Karriere das viel zu häufig gebrauchte Superlativ vom Jahrhundertsportler wirklich verdient, erschließt sich bereits beim Blick in die Rekordbücher. Mit gerade einmal 23 Jahren hat er bereits seine insgesamt neunte Goldmedaille bei Olympischen Spielen errungen und thront nunmehr zusammen mit dem Sprinter Carl Lewis, dem Schwimmer Mark Spitz, der Turnerin Larysa Latynina und dem finnischen Leichtathleten Paavo Nurmi an der Spitze der Rekordbücher.

Phelps findet das eine "bemerkenswerte Errungenschaft". Dass ihn sein Trainer Bob Bowman daran erinnern musste, lässt erahnen, welch fokussierter Geist er sein kann. Nur das nächste Gold hat Raum in seiner Welt. Allein in Peking wird er noch fünf Mal an den Start gehen. Den Rekord von Mark Spitz, der in München 1992 sieben Mal Gold holte, will er nebenbei auch noch einkassieren. Michael Phelps wird Geschichte schreiben, und die Welt wird sich verneigen vor einem der größten Athleten seiner Zeit.

Die Bewunderung ist nicht ungetrübt

Und doch bleiben Fragen, die eine ungetrübte Bewunderung erschweren. Wie kann ein einziger Sportler einen Weltrekord nach dem anderen binnen Tagen so lächerlich einfach erscheinen lassen? Was ist mit der Müdigkeit. "Ich regeneriere gut", sagt Phelps.

Ist es wirklich nur seine Fähigkeit zur Erholung, das harte Training, das ihn vom Rest unterscheidet. Da Phelps’ Name noch niemals in der Nähe eines Dopingfalles stand, gilt zunächst einmal nichts als die Unschuldsvermutung. Zumal quer durch alle Disziplinen geradezu eine Flut an Weltrekorden durch Pekings Wasserwürfel schwappt. Nicht nur der Amerikaner scheint in den Topf mit dem Zaubertrank gefallen zu sein. Selbst Experten des Schwimmsports zucken ratlos die Schultern, wenn sie auf die Leistungsexplosion in ihrem Sport angesprochen werden.

Ohne Zweifel spielt die optimierte Arbeitskleidung der Athleten eine Rolle. Die gute alte Badehose hat längst ausgedient. Hautenge Schwimmanzüge sind ein Muss. Zwar mag mancher auf die zweifelhafte Ästhetik verweisen, doch die numerischen Argumente sind erdrückend: Mehr als 30 Weltrekorde purzelten allein seit Februar. Zuletzt gab es 1972 eine vergleichbare Zahl – im ganzen Jahr. Alle Bestzeiten wurden im neuen Wunderdress errungen, was den Schluss nahe legt, dass die zweite Haut offenbar besser durchs Wasser gleiten lässt als die natürliche.

Der Hersteller Speedo hat aus der bis in die Raumfahrt reichenden Forschung nach dem geringsten Widerstand bislang offenbar die besten Schlüsse gezogen. Zwar bauen mittlerweile auch andere Hersteller ähnliche Anzüge, doch so groß sind die Unterschiede, dass viele Athleten freiwillig ihre Verträge mit der Konkurrenz kündigen, um in einer Sportart, in der Hundertstel über Sieg und Niederlage entscheiden, nicht aussichtslos ins Hintertreffen zu geraten.

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Stunde der Kraftmaschinen

Dürfte das Material zusammen mit perfekt für den Leistungssport konstruierten Becken ein Faktor für die zahlreichen Bestmarken sein, so soll angeblich auch eine neue Trainingsmethodik Früchte tragen. Dachte man bisher, dass ein langer, schlaksiger Körper am schnellsten gleitet, so schlägt heute die Stunde der Kraftmaschinen.

Gewichte stemmen gehört inzwischen wie selbstverständlich zum Alltag. Eher an einen Leichtathleten erinnert der moderne Schwimmer von heute, so muskelbepackt kommt er daher. Ohne dass er übersäuert, vermag er seine Kraft aufs Wasser zu übertragen, der Vortrieb wird beschleunigt. Das Schwimmen hat sich als gesamte Sportart somit ein gänzlich neues Gesicht verpasst, und wenn man die Quantensprünge bei den Zeiten allein in Peking betrachtet, ist noch auf Jahre mit neuen Bestmarken zu rechnen.

Und doch läuft die Entwicklung diametral entgegengesetzt zu vergleichbaren Sportarten. Rückläufig verhält sich die menschliche Leistungsfähigkeit etwa in jenen Disziplinen der Leichtathletik, die kein ungezügeltes Doping zulassen, wie beispielsweise die Mitttelstrecke. Seit Jahren bleiben Fabelzeiten, unter dem Einfluss schwerster Medikation erschwindelt, unangetastet. Nur im 100-Meter-Lauf der Männer purzeln die Rekorde. Die Sprinterszene gilt als nach wie vor als schwer dopingverseucht.

Gesetzmäßigkeit vom schmutzigen Kraftausdauersport

Bricht ausgerechnet das Schwimmen mit der Gesetzmäßigkeit vom schmutzigen Kraftausdauersport? Fakt ist, dass Ausdauerfähigkeit und Regeneration die beiden Parameter des Sports sind, welche sich durch verbotene Substanzen wie Epo am besten optimieren lassen. Der Muskelaufbau lässt sich bekanntlich zum Beispiel durch anabole Steroide verbessern. Kaum eine Sportart eignet sich somit besser zum Doping als das Schwimmen. Hat die Sportart, die bereits im System der DDR für ihren rigorosen Dopingmissbrauch berüchtigt war, früher tatsächlich in der Trainingssteuerung so viel falsch gemacht, dass es trotz der Sauberkeit des Einzelnen immer schneller zugeht?

Die Jagd nach Rekorden geht in Peking auf jeden Fall weiter. Michael Phelps' Mission ist noch lange nicht erfüllt. Am Mittwoch geht es über 200 Meter Schmetterling und über die 4x200-Meter-Staffel für ihn schon wieder um Gold. Er fühle sich gut, hat Phelps auf seiner Pressekonferenz am Montag verkündet. Die Vorbereitung stimme. "Ich esse viel Pasta und Pizza und schlafe viel."

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