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Ertls Olympia-Tagebuch: Die Schnellen und die Grellen

stern.de-Expertin Martina Ertl ist begeistert von den Exoten bei den Olympischen Spielen in Vancouver. Sie findet aber auch: Wenn ein Gold-Favorit dafür seinen Platz räumen muss, ist das grenzwertig.

Der König der Exoten ist ein echter Prinz. Seine Hoheit Hubertus von Hohenlohe startet mit reifen 51 Jahren bei seinen fünften olympischen Spielen. Er tut dies im Riesenslalom und zur Ehre von Mexiko. Ohne einheimischen Schnee fehlt es Mexiko eben an Nachwuchskräften, die dem rüstigen Prinzen gefährlich werden können. Akuter Schneemangel herrscht auch in Ghana, das zum olympischen Slalom den Sportler Kwame Nkrumah-Acheampong geschickt hat.

Dieser trägt den Beinamen "Schneeleopard" und gibt mit Manager und Physiotherapeut eine Pressekonferenz nach der anderen. Bei der Besichtigung von Skistrecken fachsimpeln schon mal marokkanische und senegalesische Athleten und grüßen nebenbei den pakistanischen Kollegen, der zwar hohe Berge im Land hat, aber sich doch tatsächlich seine ersten Skier selbst geschnitzt hat. Olympia pflegt seine Exoten, deren Motto in der Tat "Dabei sein ist alles!" ist.

Wir feiern Olympia und die Welt kommt nach Vancouver. So soll es sein und ich bin dafür, diese Athleten an den Start gehen zu lassen, auch wenn sie insbesondere mangels Trainings –und anderen Fördermöglichkeiten nur hinterherfahren. Ihr Start verkörpert die Idee eines friedvollen Zusammenkommens der Völker getragen.

Manchmal ist eine Verzerrung zu beobachten, denn die Idee der olympischen Wettkämpfe verlangen auch danach, dass die Besten an den Start gehen sollen. Da nur vier Starter pro Land bei einem olympischen Wettbewerb an den Start gehen dürfen, kommt es nun schon mal vor, dass ein österreichischer Gold-Favorit als teaminterne "Nummer 5" zuschauen muss, während der "Schneeleopard" und die Hoheit für Mexiko die Pisten herunterwedeln.

Diese Ungerechtigkeit müsste überhaupt nicht sein, wenn man denn die Nationenregel aufweichen würde. Mein Vorschlag: Die ersten 30 der Weltrangliste sollten immer ein Startrecht genießen, unabhängig von ihrer Herkunft. Nach dem Starterfeld der Besten kommt dann die Land/Starter-Limitierung ins Spiel. So hätte man denn beides: Die Weltelite würde den Wettkampf austragen und die schneelosen Länder der Welt gingen weiterhin an den Start.

Und manchmal sind die Exoten dann doch schneller als die Weltbesten. Als Bode Miller im Riesenslalom der Männer unglücklich ausschied, triumphierte selbts der Inder Namgial über ihn. Ein grandiosen Sieg von dem auch der Schneeleopard noch nach Jahren erzählen wird.

Viele Grüße
Martina Ertl

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