HOME

Stern Logo Olympia 2012

Fall der Ruderin Nadja Drygalla: Gesinnungsakt oder konsequente Notbremse?

Ruderin Nadja Drygalla verlässt das olympische Dorf, weil sie einen NPD-Freund hat. Sie selbst bestreitet eine rechte Gesinnung. Es bleiben aber Fragen. Wie tief steckt sie im braunen Sumpf?

Von Niels Kruse

Die ganze Angelegenheit ist keine 24 Stunden alt und hat jetzt schon das Zeug, zu einem der unappetitlichsten Vorgänge der Olympischen Spiele zu werden. Da verkündet Ruderin Nadja Drygalla, im Deutschland-Achter der Frauen sportlich nicht sonderlich erfolgreich, dass sie aus London abreisen werde. Offiziell weil sie es so wollte, doch vermutlich wurde sie vom Verband rauskomplementiert. Denn die 23-Jährige hat offenbar Verbindungen zur rechtsextremen Szene. Namentlich zu Michael Fischer, NPD-Aktivist und führender Nazi aus Mecklenburg-Vorpommern. Er soll ihr Freund sein, heißt es. Weil dieser Behauptung niemand widersprechen wollte, sind die Verantwortlichen unausgesprochen zu dem Schluss gekommen: Eine "Nazibraut" wollen wir nicht im Team haben.

Der deutsche Chef de Mission, Michael Vesper, erläuterte bei einer Pressekonferenz am Freitagvormittag, wie problematisch der Fall sei. Man habe das Thema schnell aufgegriffen, um Verband und Mannschaft gar nicht erst in die Bredouille zu bringen und sie nicht zu belasten.

Nichts ist paletti im deutschen Quartier

Vermutlich war das die richtige Entscheidung, egal, wer sie letztlich getroffen hat. Dennoch bleibt das Verhalten der Offiziellen rätselhaft: Anderthalb Stunden hatte Vesper mit der jungen Ruderin am Donnerstag gesprochen. Dabei habe sie deutlich gemacht, dass sie sich zu den "Werten der Olympischen Charta und den in der Präambel der DOSB-Satzung niedergelegten Grundsätzen bekennt", wie Vesper sagt. Auch vom möglichen rechtsextremen Gedankengut will sie sich "zweifelsfrei distanziert" haben. Also warum die ganze Aufregung?

Offenbar ist nicht alles paletti im deutschen Quartier. Denn die Diskussion über mögliche rechte Verstrickungen, die die Sportleitung verhindern wollte, tobt trotzdem. Mehr noch: Wurde hier eine Sportlerin etwa dafür bestraft, weil sie den oder die falschen Freunde hat? Solche, die das Reinraumimage des deutschen Sports diskreditieren könnten? Ist es nicht sogar ein Fall von Sippenhaft? Michael Vesper war bemüht, genau diesem Eindruck entgegenzutreten: "Es kann nicht sein, dass man durch einen anderen definiert wird", sagte er zu Recht. Und weiter: "In Deutschland gilt der Grundsatz, dass jeder für seine eigenen Taten verantwortlich ist und nicht für die seines Umfelds."

Gesinnungsakt oder konsequente Notbremse?

Die Einhaltung dieses Grundsatzes aber war dem Deutschen Olympischen Verband wohl doch zu heiß. Denn eigentlich ging es um die Frage: Darf eine deutsche Olympionikin einen Nazi als Freund haben? Und falls ja, was sagt das über ihre eigene Gesinnung? Glaubt man dem Sportfunktionären: nichts. Glaubt man den Recherchen diverser Medien, wie etwa denen des NDR, kommt man zu einem anderen Schluss. Denn es gibt einige Indizien dafür, dass Nadja Drygalla durchaus mit dem Gedankengut ihres Lebensgefährten sympathisiert. Sollten sich die Hinweise erhärten, wäre ihr de-facto-Rauswurf kein politisch korrekter Gesinnungsakt, sondern eine konsequente Notbremse.

Laut Norddeutschem Rundfunk sind die Vorwürfe gegen die Sportlerin nicht einmal neu. Bereits im März 2011 habe es Berichte gegeben, sie sei mit einem Neonazi aus Rostock liiert. Zu dem Zeitpunkt war sie noch Polizistin und Mitglied der Sportfördergruppe gewesen. Dass eine Polizistin mit einem einschlägig bekannten Nazi anbandelt, hatte in der antifaschistischen Szene für Aufregung gesorgt. Aber nicht nur dort. Glaubt man dem linken Blog A3, dann scheint diese Liaison auch in der Nazi-Szene für Verstimmung gesorgt haben. Kurz nach Bekanntwerden der Liebelei, im September 2011, jedenfalls ist Drygalla aus dem Polizeidienst ausgeschieden. Auf eigenen Wunsch und ohne Angaben von Gründen, wie ein Behördensprecher nun sagte.

Auf Facebook mit Rechtsextremen posiert?

So viel zum offiziellen Teil. Was die Ruderin aber in der Freizeit tat, mit wem und mit welcher Gesinnung, darüber könnte das Internet Auskunft geben. Doch leider sind entsprechende Hinweise mehr oder weniger gut versteckt. Wie etwa das Facebook-Profil "Fail Better Photography", das dem Umfeld ihres Freundes Michael Fischer zugerechnet wird, aber nicht öffentlich zugänglich ist. Laut dem NDR soll die Sportlerin hier zusammen mit Rechtsextremen abgebildet sein, zudem sind Fotos mit eindeutig rassistisch eingestellten Frauen zu sehen. Freilich: All das sind keine Beweise und zu ihren politischen Ansichten müsste man Nadja Drygalla selbst befragen. Doch leider ist sie stillschweigend aus London abgereist und seitdem nicht erreichbar.

Natürlich stellt sich die Frage, ob ihre politische Gesinnung, und sei sie noch so unangenehm, die Öffentlichkeit überhaupt etwas angeht. Ihre Mannschaftskollegen jedenfalls stellen sich hinter Drygalla und berichten, dass sie mit niemandem über ihre Ansichten gesprochen habe. Nicht einmal darüber, dass sie überhaupt einen Freund habe, wie Martin Sauer, Steuermann des deutschen Gold-Achters auf der Pressekonferenz sagte.

Wie undemokratisch hat sich der Verband verhalten?

Sicher: Der Gedanke, dass eine rechtsextreme Athletin die deutschen Farben bei den Olympischen Spielen trägt, ist unerträglich. Die ebenfalls mögliche Aburteilung wegen falscher Freunde aber hilft auch nicht weiter. Eine erst vor wenigen Stunden gegründete Facebook-Seite fasst das unappetitliche Dilemma zusammen - im Guten, wie im Schlechten.

"Solidarität mit Nadja Drygalla" heißt das Profil, das bis Freitagnachmittag rund 700 Mal geliket wurde. Zur Erklärung wird angeführt: "Diese Seite distanziert sich ausdrücklich von jeglichem rechtsradikalen Gedankengut. Es geht allein darum, das menschenverachtende und undemokratische Verhalten der Sportfunktionäre zu kritisieren. Vorverurteilungen und Sippenhaft dürfen in unserer Gesellschaft keinen Platz haben." Die zahllosen Kommentare, aus der linken wie aus der rechten Ecke, zeigen vor allem eines: Das Nazi-Unwesen ist nun auch im Spitzensport angekommen und allseits regiert: Hilflosigkeit.

Update: Der Fall Drygalla wird nun auch den Bundestags-Sportausschuss beschäftigen. Die Ausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag sagte der Nachrichtenagentur DPA, dass bei der Sitzung am 26. September im Rahmen der Nachbetrachtung der Olympischen Spiele in London auch über dieses Thema gesprochen werde. "Ich bin schon sehr erstaunt, dass die Spitzenverbände - in diesem Fall DOSB und DRV - nichts gewusst haben", meinte die SPD-Politikerin.

Mitarbeit: Cord Sauer

Wissenscommunity