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Olympia im TV: Wenn die Sender Trauer ansagen

Olympia im Fernsehen - für jeden Sportfan sind das alle zwei Jahre richtige Feiertage. Das erste Wochenende bei ARD und ZDF trübte die Freude allerdings gewaltig.

Von Volker Königkrämer

Das erste Olympiawochenende bot für den Sportfreund eigentlich perfekte Bedingungen: Dauerregen, Temperatursturz - nichts also, was einen von den TV-Wettkämpfen abhalten konnte.

Und der Samstag ließ sich zunächst ganz gut an: der Siegeszug des Deutschland-Achters, gepaart mit den undurchschaubaren Regeln beim Säbelfechten. Der Selbstgänger Beachvolleyball, gefolgt von Badminton und Military. Für alle, die sich noch ein Herz für den Sport und die Sportler bewahrt haben, sind die Olympischen Spiele echte Festtage. Plötzlich stehen Sportler und Sportarten im Rampenlicht, die man sonst höchstens im "Sport aus aller Welt" in der ZDF-Sportreportage wahrnimmt oder bei "Sport inside" im WDR.

Und nun fiebert man also mit einer Florettkämpferin namens Carolin Golubytskyi mit, sieht traurig zu, wie ein deutsches Badminton-Duo auseinandergenommen wird und staunt, dass die Turner am Reck inzwischen offenbar mehr in der Luft herumfliegen, als an der Stange zu hängen.

Spielverderber ARD und ZDF

Alles könnte eigentlich so schön sein, wenn da nicht ARD und ZDF wären. Die beiden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben es geschafft, die just aufgekeimte Olympia-Stimmung an den ersten beiden Tagen in den Keller zu moderieren. Die Penetranz, mit der im ZDF auf die erste deutsche Medaille hingefiebert wurde, war bereits am Samstag kaum zu ertragen. Das depressive Gejammer, das Gerhard Delling und Michael Antwerpes in der ARD veranstalteten, als diese auch am Sonntag ausblieb, machte einen dann schon fassungslos.

Man sollte meinen, dass Journalisten, die beruflich jeden Tag mit Hochleistungssport zu tun haben, sich an den Kern der Sache noch erinnern: Es geht um Sport, es geht um Wettkampf, bei dem sich Athleten miteinander messen. Bei dem es Sieger und Verlierer gibt. Und diese Verlierer können eben auch mal aus dem eigenen Land kommen.

Erbärmliche Leistungen auch am Mikrofon

Natürlich: Das Abschneiden von Paul Biedermann und der 4x100-Meter Freistil-Staffel der Frauen war enttäuschend. Und jedes kritische Forschen nach den Gründen gehört für Sportjournalisten zum Alltag. Doch was das ZDF und tags drauf die ARD ablieferten, war keine kritische Analyse, es war Trauerberichterstattung vom Beckenrand.

Gefühlt alle halbe Stunde gab's am Samstag die Zusammenfassung vom "Schwarzen Tag der deutschen Schwimmer". "So wird das nichts …", kommentierte Tom Bartels in der ARD tags drauf das Rennen der Rückenschwimmerin Jenny Mensing, nannte ihre Leistung "erbärmlich".

Abgesehen davon, dass Bartels vermutlich keinen vernünftigen Delfin-Beinschlag hinbekommt, schaffte er es am Abend dann, den ersten echten Olympia-Höhepunkt komplett zu verpennen. Als Yannick Agnel, der Schlussschwimmer von Frankreichs 4x100-Meter Freistil-Staffel, den US-Amerikaner Ryan Lochte auf den letzten Metern noch abfing und das Aquatic Center zum Beben brachte, war von Bartels nichts zu hören. Er hatte die Dramatik der letzten 100 Meter, so schien es, gar nicht richtig mitbekommen. Auch das, könnte man sagen, war eine erbärmliche Leistung.

Ärgerlich schwarz-rot-goldene Brille

Generell ist die schwarz-rot-goldene Brille, die sich ARD und ZDF über ihre Berichterstattung gezogen haben, mehr als ärgerlich. Und immer wieder gehen sie sich dabei selbst in die Falle: Da wird die Skeet-Schützin Christine Wenzel den ganzen Vormittag zur Goldhoffnung hochgejazzt, um dann nach ihrem Wettkampf als Enttäuschung dazustehen, bloß weil die junge Frau die Medaille um eine Scheibe verpasst hat.

Andersrum wurde das Aus vom Säbelfechter Nicolas Limbach, der sich - nach vier Weltcupsiegen nicht ganz zu Unrecht - selbst als Goldfavoriten inszeniert hatte, fast schon lakonisch vermeldet. Dort, wo die Ursachenforschung wirklich mal angebracht war, fand sie nicht statt:

So richtig haben ARD und ZDF ihre Balance in der Olympiaberichterstattung noch nicht gefunden. Dass die Spiele den Sportfans unter den Zuschauern dennoch Spaß machen können, liegt oft an den bislang unbekannten Teilnehmern wie besagter Fechterin Golubytskyi oder dem Augsburger Sideris Tasiadis. Den kennen Sie nicht? Das ist ein deutscher Slalom-Kanute. Er startet im Canadier-Einzel. Konnte man gestern auch in der ARD sehen. Und hat schon im Vorlauf richtig Spaß gemacht!

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