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Interview mit Felix Neureuther: "Mehr war nicht drin heute"

Am Montag konnte er kaum seine Ski tragen, zwei Tage später kurvt er knapp einer Medaille vorbei. Kein Wunder, dass Felix Neureuther nach dem Riesenslalom extrem zufrieden ist.

Felix Neureuther steht im Zielraum des Rosa Khutor Alpin Centers, er trägt eine grau-schwarze Fellmütze - den Helm hat er schnell abgenommen nach dem Rennen im Riesenslalom. Bloß den Kopf nicht unnötig belasten. Neureuther, 29, ist mit einer schweren Verletzung zu den Winterspielen gereist. Auf dem Weg zum Münchener Flughafen verlor er bei Blitzeis die Kontrolle über sein Fahrzeug und rammte eine Leitplanke. Neureuther erlitt ein schweres Schleudertrauma und klagte danach über so große Schmerzen, dass er das erste Training in Russland abbrechen musste. Er konnte weder seine Ski tragen und noch sich die Schuhe eigenständig ausziehen.

Herr Neureuther, Sie sind heute völlig überraschend im Riesenslalom an den Start gegangen. Wie beurteilen Sie Ihren achten Platz?

Man muss sehen, welche Ausgangslage ich hatte. Ich bin sehr froh, dass ich überhaupt starten konnte. Ich habe in den vergangenen Tagen nur rumgelegen und bin genau ein Mal gefahren - und dann ist mir der Schmerz wieder reingeschossen.

Wie lief das Rennen?

Es war brutal, es waren schwierige Bedingungen für alle. Natürlich will man mehr, wenn man nach dem ersten Lauf so gut liegt. Aber mehr war nicht drin heute. Es hätte schon im Vorfeld alles zusammenpassen müssen, um weiter nach vorn zu kommen. Heute stehen zwei der drei großen Favoriten auf dem Podium mit Ted Ligety und Alexis Pinturault. Schade, dass auf dem dritten Platz keiner aus unserem Team steht.

Welche Maßnahmen wurden ergriffen, damit Sie heute das Rennen fahren konnten?

Ich bin schon zugetaped (mit einem Pflasterklebeband, Anm. d. Red.), so dass ich den Kopf nur minimal bewegen kann und ich die Kräfte, die beim Skifahren wirken, auch aushalte. Die Tage hier tun mir extrem gut, um mich behandeln zu lassen und mich vorzubereiten auf das nächste Rennen.

Am Samstag steht der Slalom an, Ihre Spezialdisziplin. Trainieren Sie vorher oder schonen Sie sich?

Ich brauche das Training, ich habe ja fünf Tage nur gelegen. Ohne Training kann es auch funktionieren - aber das wäre dann ein Zufallsprodukt. Die Automatismen beim Skifahren müssen wieder selbstverständlich werden. Ich fühle mich echt gut jetzt, deshalb bin ich mit meiner Platzierung auch zufrieden. Ich gehe mit einem positiven Gefühl aus dem Riesenslalom heute.

Waren Sie im zweiten Durchgang beschwerdefrei?

Ich brauche keine Schmerzmittel, um Ski zu fahren, das ist schon mal was Positives. Ich habe schon vor dem Rennen gesagt: Wenn ich am Start stehe, gibt es keine Ausreden mehr. Der Rücken hat mich nicht belastet.

Was ist mit Ihren alten Verletzungen? Sie hatten einen Kapselriss am rechten Daumen.

Da ist nix mehr, das ist alles gut. Es ist nur der Nacken, der Probleme bereitet und Schwindel auslöst. Aber sowas kann ich beim Skifahren ausblenden.

Ist es nicht psychisch eine Belastung, mit einem körperlichen Handicap an den Start zu gehen?

Klar, das spielt eine Rolle. Ich seh' es so: Es ist ein Riesen-Wunder, dass ich heute am Start war. Ich kann nur brutal froh sein, dass das heute so gut geklappt hat. Da fällt mir ein riesengroßer Stein vom Herzen. Olympische Spiele gibt es nur alle vier Jahre, und wenn man dort als Sportler nicht dabei sein kann, ist es das Bitterste überhaupt. Ich bin ein großes Risiko eingegangen mit meinem Start heute - und das hat sich ausgezahlt. Ich weiß jetzt, dass ich am Samstag voll angreifen kann. Ich freue mich schon drauf. Dann stehen alle Uhren wieder auf null und ich werde das machen, was ich am besten kann: schnell Slalom fahren.

Aufgezeichnet von Christian Ewers, Krasnaja Poljana
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