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Olympia-Fußball: Deutschland hat eh schon alles - die ganze Welt drückt Brasilien die Daumen

7 zu 1 - auf portugiesisch: "Sete a um" - ist in Brasilien zu einem geläufigen Begriff geworden. Das olympische Fußballfinale gerät für ein ganzes Volk deshalb zur Traumabewältigung. Für Neymar und die "Seleção" gilt nur: Gold holen.

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Das brasilianische Highlight bei Olympia: Neymar und xx fiebern dem Fußball-Finale gegen Deutschland entgegen

Sete a um. Das ist die wohl häufigste Begrüßungsformel für Deutsche in Brasilien. Sieben zu eins. Nicht: bom dia - guten Tag. Nicht: Tudo bom - wie geht’s? Sondern: Sete a um. Sieben zu eins. Das Ergebnis des legendären WM-Halbfinalspiels Deutschland gegen Brasilien in Belo Horizonte 2014.

Sete a um ist so etwas wie ein fester Begriff geworden. Er steht einerseits für die Hochachtung vor der deutschen WM-Elf. Für die Organisation. Die Kaltschnäuzigkeit. Auch die Systematik.

Brasilien hat den Anschluss verpasst - auch im Fußball

Aber er steht auch für ein Trauma Brasiliens. Das Land, das lange als wahre Heimat des Fußballs galt, hat den Anschluss verpasst. Im Fußball. In der Wirtschaft. Im Pisa-Ranking. Weltmeister ist man nur noch bei der Korruption.

Dagegen Alemanha, so schwärmen sowohl Taxifahrer als auch Professoren und so ziemlich alle anderen. Dieses Alemanha, das sei Weltklasse. Diese Ordnung. Diese Sicherheit. Prosperität. Verlässlichkeit.

Man weist an dieser Stelle des Gesprächs gern darauf hin, dass in Deutschland tatsächlich vieles ziemlich gut funktioniert. Dass aber Flughäfen wie der in Berlin auch nicht termingerecht fertig werden. Und dass die Kostenexplosion für die Elbphilharmonie in Hamburg viel gewaltiger sei als bei den Olympiabauten in Rio. Aber das wollen Brasilianer nicht hören. Sie nehmen es einem nicht ab.

Gestern Nacht gab es erstmals auch andere Töne zu hören. Es war beim Fußballfinale der Frauen zwischen Deutschland und Schweden im legendären Stadion Maracana. Für die Brasilianer war das so etwas wie ein Vorspiel vor dem Herrenfinale am Folgetag. Mit zunehmender Spieldauer nahmen die Buhrufe gegen Deutschland zu, und irgendwann ging ein Song durchs Stadion: "Deutschland warte, irgendwann wird Eure Stunde mal kommen." Soll heißen: Irgendwann werdet ihr einen Titel gewinnen. Aber nicht gerade gegen Brasilien am Samstagabend.

Brasilien gegen Deutschland als olympisches Highlight

Brasilien gegen Deutschland im Maracana. Das ist für Brasilianer das Highlight bei Olympia. Die Zeitungen schreiben es zum alten großen Duell hoch. Deutschland mag zwar nur mit einem B-Team antreten und Fußball nicht gerade olympische Kernsportart sein, aber das spielt jetzt keine Rolle. Es geht jetzt um Rache. Um Wiedergutmachung. Um die Nationalehre. Vielleicht sogar eine Art Katharsis. Es geht um die große Chance, den Begriff "sete a um" wieder abzuschaffen. Ihn vielleicht zu ersetzen mit einem "cinco a um". Oder wenigstens "tres a um".

Brasilien muss heute Abend Gold holen. Erstens weil Superstars wie Neymar dabei sind. Deutschland hat dagegen Leute wie Oelschlägel, den selbst in Deutschland keiner kennt. Zweitens weil das ganze Land es verlangt. Das ist kein Spiel. Das ist eine letzte Chance auf Rehabilitierung. Nach dem WM-Debakel im eigenen Land hat die Mannschaft nichts mehr gerissen.

Das Problem ist: Brasilien scheint mit Druck nicht umgehen zu können. Das war schon bei der WM so. Da setzen Trainer und Team auf Symbolik, auf die großen Emotionen. Das Fußballfieber allein sollte das Team ins Finale tragen und ließ es schließlich ungeordnet über den Platz laufen wie eine Schülermannschaft.

Bei den Olympischen Spielen in Rio ist das mit den großen Emotionen oft schief gegangen. Im Beachvolleyballfinale gegen Deutschland. Auch im Volleyball der Frauen gegen China. Vor allem im Fußball der Frauen. 60.000 kamen zum Halbfinale gegen Schweden ins Maracana und mussten mitansehen, wie das bessere Team an den eigenen Nerven scheiterte. Auch ansonsten hätte man sich mehr Medaillen gewünscht. Die großen Erfolge gab es im Judo und Stabhochsprung, nicht gerade Natio-nalsportarten.

Deutschland hat doch eh schon alles

Jetzt also das Männer-Finale. Brasilien ist Favorit, auch wenn sie es vorher fertig brachten, gegen den Irak und Südafrika nur 0-0 zu spielen. 68.000 ganz in gelb gekleidete Zuschauer werden trotz sehr mäßiger Jahre hinter dem Team stehen. IOC und Fifa und wahrscheinlich die gesamte Welt werden Brasilien diese Goldmedaille zum Abschluss Olympias gönnen. Deutschland hat eh schon alles: Den WM-Titel. Gold für die Fußballfrauen. Gold für die Beachvolleyballerin - in diesem Sport, der das zweite Nationalheiligtum Brasiliens ist. Wenn jetzt eine deutsche B-Mannschaft Neymar & Co. wieder Gold wegschnappt, ist es mit dem Spaß vorbei. Dann reicht es mal mit den Demütigungen. Dann wird "sete a um" wohl niemals in Vergessenheit geraten.

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