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Olympia 2016: Clowns und Helden - US-Basketballer demütigen China

Die amerikanischen Basketballer verwandeln bei den Olympischen Spielen das Spielfeld in eine Zirkusmanege. Erster Leidtragender ist China. Das US-Team gewinnt mit 57 Punkten Unterschied.

Von Christian Ewers, Rio de Janeiro

US-Basketballer DeAndre Jordan hängt nach einem Dunk jubelnd am Ring, der Chinese Xiaochuan Zhai steht konsterniert daneben

Kurzweilige Flugshow: US-Basketballer DeAndre Jordan jubelt nach einem Dunk, Xiaochuan Zhai wirkt konsterniert

Sie wissen, was das Publikum von ihnen erwartet. Einfach zu siegen, das genügt schon lange nicht mehr, nein: Artistik muss es sein. Der Ball ist ein Kunstobjekt für diese Mannschaft, in nachtblaue Trikots mit roten Glitzerstreifen gekleidet, und sie macht mit der Kugel was sie will: streicheln, hinter dem Rücken dribbeln oder auf eine irre Umlaufbahn schicken. Und oft genug stopft sie ihn wuchtig durch den Ring, so dass die ganze Korbanlage zittert.

So schön, so atemberaubend können das nur die Amerikaner. Pech für jede Mannschaft, die als sogenannter Gegner bei diesen Inszenierungen auftreten muss. Am Samstagabend, Tag eins für die Basketballer in Rio de Janeiro, waren die Chinesen die Unglücklichen. Sie wurden vorgeführt. 62:119 gingen sie unter gegen das Team von Trainer Mike Krzyzewski, genannt Coach K.

USA liefern Flugshow

Schon zur Halbzeit hatte das Team USA in der Carioca-Arena fast doppelt so viele Punkte gesammelt wie sein Gegner. Es gab Jahre, da verwalteten die Amerikaner in der zweiten Hälfte einen solchen Vorsprung nur noch; sie wechselten viel und joggten gemächlich der Schlusssirene entgegen.

Nicht so  am Samstag. Halbzeit zwei war eine kurzweilige Flugshow. Angeführt vom überragenden Kevin Durant (25 Punkte, sechs Assists und vier Rebounds), zeigte die Mannschaft, dass sie verstanden hat, was Coach K von ihr erwartet. "Wir wollen Gold holen", hatte Krzyzewski zwei Tage vor der Partie gesagt. "Es geht um nichts anderes als Gold. Diese Mannschaft hat so viel Talent - wir müssen selbstverständlich nach dem Höchsten streben. Und das wollen wir unsere Gegner in jeder Sekunde spüren lassen."

In zehn Jahren nur ein Spiel verloren

Rio wird das letzte große Turnier von Coach K sein, dann tritt der 69 Jahre alte Mann mit dem strengen Seitenscheitel zurück. Seit 2006 betreut Krzyzewski, ein ehemaliger Armee-General, das amerikanische Nationalteam. Seine Erfolgsbilanz ist einzigartig: In zehn Jahren verlor Krzyzewski nur eine einzige Partie. Gegen Griechenland, gleich in seinem ersten Amtsjahr, bei der WM in Japan.

Seit jenem Spiel sind seine Jungs ungeschlagen.

Carmelo Anthony von den New York Knicks ist der dienstälteste Spieler im Team und in Rio dessen Anführer. Er sagt: "Coach K bereitet uns auf jedes Spiel sehr präzise vor. Natürlich sind wir stark, das wissen wir. Wir nehmen aber jeden Gegner ernst. Jeden. Coach K verlangt Demut vor dem Spiel und vor dem Trikot, das wir alle tragen."

Kreuzfahrtschiff statt Olympia-Dorf

Außerhalb des Basketballfeldes jedoch sind weder Coach K noch die Mannschaft sonderlich demütig und bescheiden. Statt im Olympischen Dorf zu wohnen, wie die mehr als 500 anderen US-Sportler, nächtigen die Profis aus der nordamerikanischen Liga NBA auf einem Kreuzfahrtschiff im Hafen von Rio.

"Wir brauchen unsere Ruhe", sagt Harrison Barnes, in der nächsten Saison Teamkollege von Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks. "Wir werden das Olympische Dorf besuchen und viele Menschen treffen und viele Fotos machen. Aber dort leben: das ist unmöglich."

Vom Schiff zum Sightseeing

In der Tat, dies wäre schwierig. Die Basketballer würden im Dorf umlagert werden wie eine Boygroup von pubertierenden Mädchen. Autogramme, Selfies, Smalltalk, es nähme kein Ende. Auch während der Sommerspiele in Peking 2008 und in London 2012 lebten die Spieler abgeschirmt außerhalb des Olympischen Dorfes - und gewannen Gold.

Nun also das Schiff. Zwischen den Spielen ein wenig Sightseeing. Zuckerhut, Christusstatue, Copacabana. Abgeschirmt von Bodyguards ist das schon möglich und auch zu verantworten, denn die Vorrundengruppe erfordert nicht wirklich viel Energie und Konzentration. Auch wenn Coach K ständig das Gegenteil behauptet. Venezuela und Australien sollten deutlich geschlagen werden; Frankreich (das überraschend gegen Australien verlor) und Serbien sind noch die gefährlichsten Gegner.

Chinas Basketballer schwindelig gespielt

Dennoch: Kein Team in der Vorrundengruppe A kann athletisch gegen diese Amerikaner bestehen. Und wer es versucht, der droht jämmerlich zu scheitern. So bot China einen Kader auf, der exakt auf das US-Team zugeschnitten war. Drei kräftige Spieler mit einer Körperlänge über 2,10 Meter stellten sich den Amerikanern entgegen. Sie wurden schwindelig gespielt; manch einer der chinesischen Riesen warf den Ball ins Nirgendwo, so verunsichert war er durch die aggressiven und schnellen Hände seiner Verteidiger.

Venezuela ist der nächste Sparringspartner der Amerikaner. Montagnacht, ab 0 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, wird das Team von Coach K wieder dem bewährten Matchplan folgen. Vorsichtig und bescheiden beginnen, um dann spätestens in der zweiten Halbzeit die Carioca-Arena wieder in eine Zirkusmanege zu verwandeln.

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