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Interview im ZDF "Körperlich geht es mir besser als psychsich": Zehnkämpfer Niklas Kaul spricht über sein bitteres Olympia-Aus

Pure Verzweiflung: Niklas Kaul im Rollstuhl auf dem Weg aus dem Stadion
Pure Verzweiflung: Niklas Kaul im Rollstuhl auf dem Weg aus dem Stadion
© Jan Woitas / DPA
Weltmeister Niklas Kaul galt im Zehnkampf als Medaillenkandidat, aber wegen einer unglücklichen Verletzung im Sprunggelenk musste er aufgeben. Im Gespräch mit ZDF-Moderator Rudi Cerne sprach er darüber, wie es ist zu scheitern.

Wie geht man mit so einer Enttäuschung um? Wie bekommt man es auf die Reihe, wenn man durch einen eigenen Fehler selbst Schuld daran ist, dass der große Olympia-Traum zerplatzt? Angereist als jüngster Weltmeister der Geschichte wollte Zehnkämpfer Niklas Kaul eine Medaille in Tokio gewinnen. Das war sein Plan, darauf setzten die Sportfunktionäre und darauf hofften natürlich seine Eltern, die ihn trainieren. Doch das kühne Vorhaben scheiterte während des 400-Meter-Laufs, dem letzten Wettbewerb am ersten Wettkampftag. Die Schmerzen im rechten Sprunggelenk ließen es nicht zu. Kaul brach das Rennen nach der halben Distanz ab, ließ sich auf die Bahn fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Aus und vorbei. Das Stadion verließ er im Rollstuhl. Es war das passende Bild zum Unglück des Mainzers.

Einen Tag später saß der 23-Jährige im ZDF-Studio bei Moderator Rudi Cerne und gab Auskunft über das, was da passiert war. Ruhig und gefasst wirkte Kaul, enttäuscht, ja ein bisschen traurig, aber nicht am Boden zerstört. Das liegt wohl daran, dass er noch jung ist und weiß, dass er eine nächste Chance erhält. In drei Jahren in Paris finden bereits die nächsten Spiele statt. "Körperlich geht es mir eigentlich, glaube ich, besser als psychisch. Ich habe gestern lange wach gelegen und konnte nicht so richtig einschlafen, weil natürlich die Enttäuschung schon tief sitzt", sagte er.

Niklas Kaul verletzt sich durch einen Fehler beim Absprung

Was dem jungen Lehramtsstudenten für Physik und Sport vielleicht eher zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass er durch einen Fehler beim Hochsprung selbst für die Verletzung verantwortlich war. Er hatte seinen Fuß beim Absprung falsch gesetzt: "Ich bin zu dicht und stelle deswegen den Fuß ein bisschen hin. Also, das sagt bei uns so (...). In den TV-Aufnahmen sieht man deutlich, wie er mit dem Fuß zu nah an die Matte kommt, dadurch gerät sein Körper im Moment kurz vor dem Absprung in eine Schräglage. Die Belastung ist in diesem kurzen Moment zu groß und Kaul staucht sich das Sprunggelenk.

Dennoch übersprang er die 2,11 Meter – persönliche Bestleistung genau wie im Weitsprung zuvor. Es lief gut für den jungen Weltmeister, er lag zwar nur auf dem 13. Rang, aber der erste Tag ist immer seiner schwächerer. Es wäre mit einer für seine Verhältnisse ausgezeichneten Ausgangsposition in den zweiten Wettkampftag gestartet, wo er das Feld von hinten aufrollen wollte.

Doch stattdessen humpelte Kaul zu den Teamärzten. Die gaben ihm das Okay für die letzte Disziplin des Tages, weil ja keine Bänder gerissen waren. Aber sie warnten ihn: "Es kann sein, dass du die 400 Meter vor lauter Schmerzen nicht durchstehst." Der Plan war, "nur irgendwie diese 400 Meter durchzukommen", um später im Olympischen Dorf Zeit zu haben, das gestauchte Gelenk irgendwie doch wieder fit zu bekommen. Doch er hielt nicht durch, die Schmerzen waren zu stark. Olympia endete für ihn auf der Tartanbahn liegend, die eine Hand vor das Gesicht geschlagen, die andere umfasste den lädierten Knöchel.

Zum Glück ist die Verletzung nicht schwer

Was Kaul ein wenig tröstet: Die Verletzung ist zum Glück nicht allzu schwer. In drei, vier Wochen wird er den Fuß wieder voll belasten können, wenn alles nach Plan läuft. Er will die Zeit nutzen: "Das muss ich jetzt erst einmal verarbeiten und meinem Körper die nötige Ruhe geben“, hatte er schon am Tag des Ausscheidens angekündigt.

Nach dem Besuch im ZDF-Studio fuhr Kaul ins Stadion. Dort drückte er seiner Trainingskollegin Carolin Schäfer im Siebenkampf die Daumen, die Siebte wurde. Und er erlebte mit, wie seine Konkurrenten den Zehnkampf zu Ende brachten. Zum neuen "König der Athleten" krönte sich Damian Warner aus Kanada mit überragenden 9018 Punkten.

Quellen: DPA, ZDF


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