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Olympische Spiele Sportsgeist oder Kalkül? Warum das Doppel-Gold im Hochsprung gar kein so großer Moment war

Mutaz Essa Barshim (l.) und Gianmarco Tamberi feiern gemeinsam Olympia-Gold im Hochsprung
Mutaz Essa Barshim (l.) und Gianmarco Tamberi feiern gemeinsam Olympia-Gold im Hochsprung
© Christian Petersen / AFP
Die Bilder gingen um die Welt: Die Hochspringer Barshim und Tamberi teilten sich Gold im Hochsprung und wurden anschließend dafür gefeiert. Dabei haben sie einfach die Entscheidung mit dem geringsten Risiko getroffen.

"Let's make history", sagte Mutaz Essa Barshim zu Gianmarco Tamberi – und Geschichte haben sie tatsächlich geschrieben: Zum ersten Mal gibt es im Hochsprung bei den Olympischen Spielen zwei Sieger. Der Weltmeister aus Katar und sein italienischer Konkurrent hatten beide die 2,37 Meter geschafft und danach jeweils dreimal die Höhe von 2,39 Meter gerissen. Statt den Sieger im Stechen zu ermitteln, teilten sie sich nach Barshims Vorschlag die Goldmedaille.

Die Szenen, die folgten, waren emotional und bewegend: Beide fielen sich in die Arme, vor allem Tamberi konnte sein Glück kaum fassen und lag minutenlang überwältigt auf der Tartanbahn im Nationalstadion von Tokio. Tolle Bilder, ein großer olympischer Moment, der viele Zuschauer in der ganzen Welt begeisterte. Schnell wurden Barshim und Tamberi zu Aushängeschildern des olympischen Geistes, dessen Image bei den Pandemiespielen zuvor etwas gelitten hatte – doch ist es wirklich so einfach? Bei näherem Hinsehen kann man das Doppel-Gold zumindest auch mit einem Beigeschmack betrachten.

Olympia 2021: Doppel-Gold im Hochsprung eine Win-Win-Situation

Nüchtern gesehen haben sich die beiden Hochspringer einfach für die sicherste von zwei Varianten entschieden. Hätten sie sich auf ein Stechen eingelassen, wie es eigentlich üblich ist, hätte es unweigerlich einen Sieger und einen Verlierer gegeben –  das ist ein völlig normaler Vorgang im Sport. Stattdessen entschieden sich die Sportler, einfach beide Gold zu nehmen. Eine klassische Win-Win-Situation also. Wer hätte in dieser Lage nicht das sichere Gold genommen anstatt des Risikos, am Ende "nur" mit Silber dazustehen?

Ob Barshim und Tamberi im entscheidenden Moment solche Gedanken durch den Kopf gingen, lässt sich von außen schwer beurteilen. Beide sind offenbar eng befreundet, sie beide haben eine Geschichte mit schweren Verletzungen und hatten einen beschwerlichen Weg nach Tokio. Jetzt zusammen feiern zu können, hat für sie eine ganz besondere Bedeutung. Aber ob das geteilte Gold tatsächlich ein solch großer Sportmoment ist, wie unmittelbar nach dem Wettbewerb oft betont wurde, muss man zumindest hinterfragen dürfen.

RTL-Reporterin Pia Schrörs berichtet über die Reporterbedingungen in Tokio.

Auch Silber wäre ein Erfolg gewesen

Schließlich besteht das Wesen des Sports nun einmal daraus, dass bis zuletzt um den Sieg gekämpft wird, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Lohnender wäre da der Denkansatz, nicht jeden, der nicht ganz oben auf dem Treppchen steht, direkt als Verlierer abzuqualifzieren. Auch eine Silber- oder Bronzemedaille kann ein grandioser Erfolg sein – und ist es für die meisten Sportler auch. Sogar bei den Olympischen Spielen einfach nur teilzunehmen, ist in vielen Fällen schon eine tolle Leistung, getreu dem traditionellen Motto "Dabei sein ist alles".

Das gilt in vielen Sportarten allerdings schon lange nicht mehr. Die deutsche Beachvolleyball-Spielerin Karla Borger hat sich nach ihrem Ausscheiden darüber Gedanken gemacht: "Am Ende wird es in den meisten Fällen heißen 'Enttäuschung“', 'Verloren', 'Niederlage'. Die vielen Siege, die Leistungen, die Entbehrungen, alle Schwierigkeiten davor, die sehen die wenigsten." Ihr Fazit: "So macht Olympia keinen Spaß."

Wenn aber das Beispiel aus dem Hochsprung Schule macht, sind bald noch ganz andere kuriose Medaillenentscheidungen möglich. Im Golf, zum Beispiel, lagen nach der letzten Runde sieben Golfer zusammen auf dem dritten Rang, die dann im Stechen den Medaillengewinner ermittelten. Sieben Bronzemedaillen – das wäre kompliziert geworden.


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