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Birgit Kober klagt gegen Krankenhaus: Paralympics-Siegerin kämpft gegen Klinik-Pfusch

Bei den Spielen in London war sie eine der großen Gewinnerinnen. Ihr neuer Kampf führt sie vor Gericht. Birgit Kober klagt gegen das Krankenhaus, das für ihre Behinderung verantwortlich sein soll.

Von Malte Arnsperger

Wenn Birgit Kober etwas über ihr Leben erzählen soll, zeigt sie einfach aus dem Fenster. Dunkle Wolken hängen über dem elfstöckigen Wohnhaus in der Trabantenstadt München-Neuperlach. "Das ist heller Regen", sagt sie und streckt sich im Rollstuhl hoch. Auf der anderen Straßenseite, hinter dem Regen, schimmert der Himmel weißlich und klar. Der helle Regen ist ihr ein Motto, ihr Internet-Blog heißt so: "In meinem Leben hat es viel geregnet, aber ich habe immer auch das Licht dahinter gesehen."

Seit den Paralympics kennen viele Menschen auf der ganzen Welt die 41-Jährige. Mit zwei Weltrekorden gewann Birgit Kober in London zwei Goldmedaillen im Speerwurf und Kugelstoßen. Bei ihrem letzten Wurf im Speerwurffinale jubelten 80.000 Zuschauer im Olympiastadion nur ihr zu, da alle anderen Wettkämpfe vorbei waren. "Ein unglaubliches Erlebnis, das war schon toll", sagt sie. Kober nickt bekräftigend, ihr Blick geht ins Leere, sie lächelt, der Traum von London ist für einen Moment wieder da.

Sie schiebt ihren Rollstuhl an den Glastisch. Sie ist zurück im wirklichen Leben. Das meinte es oft nicht gut mit ihr. Sie hat einen Sprachfehler. Zu stottern begann Kober, als sie drei wurde. Mit 16 wurde bei ihr Wundbrand an den Armen behandelt, die Antibiotika-Behandlung beschädigten ihre Ohren, links hört sie fast nichts mehr. Mit 17 bekam sie plötzlich wie aus dem Nichts epileptische Anfälle. Sie biss sich durch, spielte Fußball und wurde bayerische Meisterin im Speerwurf. Als junge Frau besuchte sie eine Schule für Hörgeschädigte in Essen, studierte dort Medizin, dann in Duisburg Pädagogik. "Im Ruhrgebiet hat es mir sehr gut gefallen, da sind die Menschen so offen und vorurteilsfrei", sagt sie und streichelt dabei ihre Katze "Joschi". Als sie im Herbst 2006 mit der Magisterarbeit begann, wurde bei ihrer Mutter Krebs entdeckt.

Birgit Kober ließ alles stehen und liegen, zog heim nach München, pflegte ihre todkranke Mutter, die April 2007 starb. "Meine Fresse, das war echt nicht leicht", erinnert sie sich: "Aber ich würde es immer wieder machen, es war eine Zeit, um Abschied zu nehmen, sich nochmal alles sagen zu können."

Ein Fehler der Klinik veränderte ihr Leben

Nach der Beerdigung der Mutter schmiedete sie Zukunftspläne, fuhr mit ihrer besten Freundin in den Urlaub nach Rom. Dann wollte sie ihre fast fertige Magisterarbeit abschließen. Doch schon zogen wieder Wolken auf, es sollten die Vorboten des schlimmsten Gewitters in Birgit Kobers Leben sein. Sie verletzte sich am Bein, die Wunde entzündete sich. Zurück in München ließ sie sich im Krankenhaus behandeln, eigentlich Routine. Doch sie bekam Fieber und schwere epileptische Anfälle. Der Notarzt brachte sie ins Klinikum "Rechts der Isar".

Nach zwei Tagen auf der Intensiv- wurde sie auf die neurologische Überwachungsstation verlegt. Dabei passierte ein verhängnisvoller Fehler: Eine Schwester trug beim Abschreiben der Patientendaten beim verordneten Epilepsiemedikament Phenytoin die Dosis in "ml/h" statt "mg/h" ein. Dieser eine vertauschte Buchstabe sorgte dafür, dass Kober die dreifache Höchstmenge einnahm. Erst nach einigen Stunden fiel einem Pfleger die Überdosierung auf, die sofort gestoppt wurde. Mit Hilfe eines Dialysegeräts retteten die Ärzte auf der toxischen Intensivstation die schwer vergiftete Frau.

"Als ich aufwachte, tat mir alles weh, ich habe die ganzen Schläuche gesehen. Aber ich konnte nicht sprechen, nicht richtig schlucken, meine Arme schlugen unkontrolliert hin und her", berichtet Kober. "Ein Arzt hat mir erklärt, was passiert ist." Dass sie beinahe gestorben sei und nun die Bewegungsstörung Ataxie habe, gegen die nichts mehr zu machen sei. "Ich habe richtig Panik bekommen."

Birgit Kober stützt sich auf die Lehnen des Rollstuhls, drückt sich ab und landet wuchtig auf dem hellbeigen Sofa. Alltag mit Ataxie. Trotzdem umspielt wie fast immer ein leichtes Lächeln ihren Mund, mit ihren rosigen Pausbacken wirkt sie jugendlich und lebenslustig. Die Sportlerin blickt zu einem blauen Plastikbecher auf dem Tisch. Um die Auswirkungen der Ataxie zu verdeutlichen, hebt sie die rechte Hand, drückt sie in Richtung Becher. Vergeblich, der Becher scheint die heftig zitternde Hand immer wieder wie ein Magnet mit gleicher Polung abzustoßen. Dann führt sie ihre Hände auf den Beinen entlang, zur Kante des Tisches und weiter auf der Glasplatte zu dem Plastikbecher. Mit beiden Händen ergreift sie das Gefäß, führt es zum Mund. Wie ein kleines Kind.

Sie hat gelernt, ihre Muskelzuckungen für den Sport zu nutzen

Die Ataxie macht so gut wie jede zielgerichtete Bewegung zunichte. Nudeln kochen kann die behinderte Frau nicht, sie würde das heiße Wasser verschütten. Ein Buch aus den oberen Reihen des Regals zu holen, wäre ein Roulettespiel. Zu groß ist die Sturzgefahr. Seit einigen Monaten kann sie zwar wieder ein paar Schritte gehen. Doch eigentlich ist "Gehen" das falsche Wort. Es ist das Fortbewegen einer zuckenden, verkrampften Kreuzung aus einem Roboter mit Wackelkontakt und einem Kleinkind bei seinen ersten Laufversuchen. "Ich muss mich auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren und mir genau vornehmen, wo die Füße landen sollen", sagt Kober. "Alleine machen die nix."

Einen völlig anderen Menschen kennen die Zuschauer der Paralympics oder die Fußgänger, die Birgit Kober auf einer trostlosen Wiese im Schatten der Hochhäuser von Neuperlach beim Training beobachten. Flüssig, mit erstaunlichem Schwung und großer Präzision schleudert sie den Speer halb sitzend, halb stehend bis zu 27 Meter weit und stößt die Kugel mehr als 10 Meter. Das aberwitzige an ihrer Technik: Kober hat gelernt, ihre krankheitsbedingten Muskelzuckungen soweit zu steuern, dass sie ihr im Moment des Abwurfes zusätzliche Kraft verleihen. Die Ataxie hat also auf ihre Art einen kleinen Teil dazu beigetragen, dass zwei Paralympics-Goldmedaillen in schwarzen Kästchen auf der Sofalehne der Sportlerin liegen.

Die Plaketten, ihr Sport bedeuten Birgit Kober viel. Sie erfährt Anerkennung, das harte Training wirkt wie hoch dosierte Krankengymnastik. "Ich bin schon manchmal deprimiert, aber der Sport reißt mich da raus." Schwerbehindert wird die Frau ihr Leben lang bleiben. Das weiß sie. Das ist das eine. Das andere ist, dass sie will, dass die Verantwortlichen für den Fehler in jeder Hinsicht einstehen und sie angemessen entschädigen. Sie hat die Klinik "Rechts der Isar" auf Schmerzensgeld in Höhe von 220.000 Euro verklagt. Eine Einmalzahlung in Höhe von 25.000 Euro reichen ihr nicht aus. "Die haben mein Leben kaputt gemacht. Ich war ein gesunder Mensch ohne diese heftige Behinderung. Ich will nicht weiter wegen dieses Fehlers von Hartz IV leben müssen", sagt sie. Diese Sätze kommen ohne einen einzigen Stotterer aus ihr herausgeschossen.

Ein Experte will die Störungen auf diverse Vorerkrankungen zurückführen

Das Klinikum bestreitet die Überdosierung nicht und entschuldigt sich. Zumindest via Pressemitteilung: "Wir bedauern sehr, dass bei der Behandlung von Frau Kober im Jahr 2007 ein Medikament falsch dosiert wurde." Kober sagt, bei ihr habe sich nie jemand entschuldigt. "Ich habe damals leider auf eine Strafanzeige verzichtet, weil ich gedacht habe, man kann sich gütlich einigen, Aber jetzt gehe ich aufs Ganze, die dürfen einfach nicht so davon kommen."

Dieses Ziel zu erreichen, wird nicht einfach, Birgit Kober droht in dem Prozess, der an diesem Mittwoch beginnen sollte, eine Schlammschlacht. Die Klinik sieht den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Überdosis und Ataxie als nicht beweisen an. Zwar haben zwei Gutachter, beauftragt von der Kommission der Ärztekammer, sowie von Birgit Kober selbst, bestätigt, dass die Behinderung durch die Phenytoin-Vergiftung hervorgerufen worden sei.

Doch ein vom Gericht bestellter Experte ist anderer Meinung. Er meint, dass die Auswirkungen der Vergiftung nach drei Monaten abgeklungen seien und führt die Störung auf Birgt Kobers diverse Vorerkrankungen zurück. Dazu zählt er die Epilepsie, weist daraufhin, dass Kober schon vor dem Vorfall Koordinations- und Gangprobleme gehabt habe und diagnostiziert eine Borderlinestörung. Auch ihre sportlichen Leistungen verwendet der Gutachter indirekt gegen die Klägerin. Diese wären mit einer "relevanten cerebellären Störung gar nicht möglich".

Ihr Anwalt Jürgen Koriath nennt es ein "Kollegenschutzgutachten". Birgit Kober ist empört, weil mit "Dreck" nach ihr geworfen werde. "Es ist sehr feige, dass jetzt alles auf diese Psycho-Kacke abgewälzt wird und man sagt, mir gehe es doch so gut. Natürlich ist das Leben jetzt auch schön. Aber ich habe viel trainieren müssen, dass es überhaupt etwas besser geworden ist. Und habe mein altes Leben auch ziemlich lieb gehabt."

Birgit Kober schnappt sich ihre rote Speerwurftasche und klemmt sie sich zwischen die Oberschenkel. Sie schließt ein elektrisches Zuggerät an ihren Rollstuhl an und fährt mit dem Aufzug nach unten. Auf dem Weg zu ihrer Trainingswiese kommt Kober an einem Sportplatz vorbei. "Da hat mich der Platzwart mal weggeschickt, weil ich den Rasen ruinieren würde. Jetzt nach den Paralympics haben sie mir einen Brief geschrieben, dass sie sich sehr freuen würden, wenn ich dort trainieren würde. Sie haben mich sogar zu ihrem Neujahrsempfang eingeladen." Birgit Kobers Pausbacken leuchten. Der Regen hat mittlerweile aufgehört. Und der Himmel hellt auf.

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