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92. Tour de France: Alle gegen einen

Alleingang, Duell oder Mehrkampf - bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt ist alles offen. Für Jan Ullrich und seine Nebenbuhler bietet sich die allerletzte Chance, Lance Armstrong vom Radsport-Trohn zu stoßen.

Der übliche Alleingang, ein Duell mit dem besonderen Kick des Unwiederholbaren oder doch eher ein Mehrkampf: Die am 2. Juli in Fromentine an der Atlantikküste beginnende 92. Tour de France bietet alle Optionen. Ginge es nach der Meinung der Altmeister Eddy Merckx oder Walter Godefroot findet auf den 21 Etappen über insgesamt 3607 Kilometer der große Showdown zwischen Jan Ullrich und Lance Armstrong statt, der am 24. Juli nach der letzten Etappe in Paris für immer vom Rad steigen wird. Deren 187 Konkurrenten wären dann nur bessere Staffage.

"Es gibt ein Duell. Lance und Jan stehen auf einem höheren Niveau als alle anderen", sagt T-Mobile-Manager Godefroot, der nach 40 Jahren im Metier wie Armstrong seine letzte Tour bestreitet, bevor er die Amtsgeschäfte am Jahresende in die Hände des ehemaligen Weltcup- Gewinners Olaf Ludwig gibt. Zumindest der im Zeitfahren verbesserte Vorjahresdritte Ivan Basso aus Italien und Ullrichs Team-Kollege Alexander Winokurow aus Kasachstan sprechen - trotz aller Treue- Schwüre - gegen den Zweikampf. Auch Ullrich hält die Augen offen: "Es gibt mehr ernst zu nehmende Gegner als Armstrong."

Ullrichs übermenschlicher Gegner

"Der siebente Sieg bedeutet mir nichts", antwortete Armstrong auf eine Frage im "Playboy"-Interview wahrscheinlich nicht ganz wahrheitsgetreu. "Zahlen bedeuten mir nichts", sagte der Texaner immer wieder, und doch lebte er immer nur für die ganz besonderen, kaum fassbaren Rekorde: Als geheilter Krebspatient gewann er 1999 seine erste Tour. Im Vorjahr triumphierte er als erster Profi in 101 Jahren Tour-Geschichte zum sechsten Mal, und am 24. Juli will er ungeschlagen seine Karriere als Profisportler beenden. Mehr Angst als vor dem Tod habe er vor dem Verlieren, ist die Maxime des Seriensiegers, der nach dem Sport in die Politik wechseln will.

Vom 2. Juli an bietet er Ullrich beim fünften Aufeinandertreffen zum letzten Mal die Stirn. Der trotz vieler privater Berg- und Talfahrten weiter beliebteste deutsche Radsportler mit Popstar-Status hat die letzte Chance, den Rivalen doch noch ein Mal zu bezwingen. Daraus schöpft Ullrich besondere Motivation und die Organisatoren der Tour Hoffnung gegen die Langeweile. Sein Umfeld bescheinigt Ullrich, dessen Ära durch das Tour-Zentralorgan "L’Equipe" nach dem enttäuschenden vierten Rang des Vorjahres bereits für beendet erklärt wurde, den besten Trainings-Zustand seit 1997. Vor acht Jahren gewann der inzwischen 31-jährige Rostocker, der seine Topform als Dritter des Gesamtklassements bei der Tour de Suisse zur Schau stellte, als erster deutscher Profi das schwerste Radrennen der Welt. Armstrong kurierte da gerade seine Krankheit aus.

Der harte Weg zur Form

Beim Perfektionisten aus Texas lief in diesem Jahr nicht alles reibungslos. Erst spät entschied er sich überhaupt zum Tourstart. Dann kündigte er an, zum letzten Mal aufzusatteln. Seine erste von lediglich drei Rundfahrten zur Vorbereitung endete mit einer Aufgabe bei Paris-Nizza im März. "Bei Lance war in diesem Jahr alles anders als sonst. Er ist nicht optimal in die Saison gestartet und die Tatsache, dass es seine letzte Tour ist, wiegt schwer. Aber die Dauphiné Libéré hat gezeigt, dass er auf dem richtigen Weg ist. Lance steht jetzt da, wo er drei Wochen vor dem Tourstart stehen muss", sagte sein Teamchef und Mentor Johan Bruyneel nach Armstrongs gelungener Generalprobe in der Provence und den französischen Alpen.

Mit Rang vier bei der Dauphiné bringt Armstrong die gleiche Referenz mit zur Tour wie 2004. Allerdings stand er in den vergangenen sechs Jahren noch nie - wie dieses Mal - ohne einen einzigen Saisonsieg am Start. Trotzdem ist der 33-Jährige das Selbstbewusstsein in Person und bedachte Ullrich mit einem Spruch, der sich schon sehr anmaßend anhörte. Sein Rivale sehe besser aus als je zuvor, lobte Armstrong, der fest davon ausgeht, "dass es Jan in Paris aufs Podium schafft". Die letzten Tage vor dem Tourstart verbringt Armstrong im Training auf den Alpen-Pässen in Frankreich.

Andreas Zellmer/DPA / DPA

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