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Abschiede 2006: Mit Stil und Stößchen

Axel ließ sich die Hucke voll hauen, der andere wählte den Kopfstoß. Agassi ging mit Stil und Würde, andere wurden wegen Dopings einfach hinausgeworfen.

Selten hat es auch so viele unfreiwillige, zumindest vorläufige Abschiede von prominenten Athleten gegeben: Dass die Dopingsünder Floyd Landis und Justin Gatlin sowie der unter Verdacht geratene Jan Ullrich jemals auf die Siegerpodeste zurückkehren, ist unwahrscheinlich.

Ein Rücktritt vom Rücktritt? Das peinliche Comeback von Boxer Axel Schulz dürfte allen eine Warnung sein. Verprügelt, verspottet und mit einem Pfeifkonzert aus der Halle gejagt: So endete am 25. November der Versuch des Schwergewichtlers, wieder im Ring zu bestehen.

Zu peinlich, um wahr zu sein

Einen spektakuläreren Abgang als den von Frankreichs Fußball-Idol Zinedine Zidane hat es in der Sport-Geschichte noch nie gegeben: Ein Milliarden-Publikum an den Fernsehern sah, wie der glatzköpfige Mann im weißen Trikot mit der Nummer 10 vorbei am Weltpokal in den Kabinengang trottete. Eigentlich wollte "Zizou" nur "bei meiner Frau Veronique und den Kindern sein", deshalb hatte er das Ende seiner Karriere angekündigt. Doch nach seinem Kopfstoß gegen Marco Materazzi im verloren gegangenen WM-Endspiel gegen Italien musste er zehn Minuten früher gehen als geplant - nach einer Roten Karte und mit einem gewaltigen Imageschaden.

Aus und vorbei hieß es nach dem Ball-Spektakel auch für Jürgen Klinsmann als Trainer der deutschen Nationalmannschaft und für Marcello Lippi, den Coach des Weltmeisters Italien. Lippi (58) will zumindest eine "Schaffenspause". Klinsmann (42), über dessen Rücktritt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel "sehr traurig" war, kehrte zu seiner Familie nach Kalifornien zurück und wird mit Sicherheit wieder irgendwann am Rande eines Fußballplatzes auftauchen.

Mit Klasse und Haltung

Einen formidableren Abschied als Zidane wählten andere Weltstars: Andre Agassi spielte in 20 Jahren als Tennisprofi 1144 Matches und gewann acht Grand-Slam-Titel. "Er ist mit Klasse gegangen", sagte sein früherer Rivale Pete Sampras über den "Champion des Herzens". Der musste zwar nicht seiner Frau Steffi Graf, aber seinen Kindern Jaden Gil und Jaz Elle erklären, warum er so weinte. Mit einem Lachen im Gesicht verließ Martina Navratilova ebenfalls bei den US Open für immer den Tennisplatz. Wie ein Kaugummi hatte die mittlerweile 50- Jährige das Ende ihrer Laufbahn hinausgezogen.

Bereits mit 24 Jahren hörte Ian Thorpe auf: Der australische Schwimmstar sammelte fünf Olympiasiege und elf WM-Titel. Ihm fehlte ebenso der Antrieb weiterzumachen wie Michael Schumacher. Am 22. Oktober ging die rasante Karriere des Rekordweltmeisters in São Paulo zu Ende - mit einem vierten Platz, reichlich Caipirinha und ohne Tränen. "Es gibt keinen Formel-1-Fahrer Michael Schumacher mehr", sagte der 37-Jährige fast schon erleichtert.

Doping-Abschiede

Eher durch die Hintertür ging Leichtathletik-Legende Jan Zelezny: Der dreimalige Olympiasieger und Weltmeister sowie Weltrekordler ließ am 19. September seinen Speer noch ein letztes Mal fliegen - vor 800 Zuschauern in seiner böhmischen Geburtsstadt Mlada Boleslav. Die Olympischen Spiele waren für den dreimaligen Rodel- Goldmedaillengewinner Georg Hackl sowie die Biathletin Uschi Disl der passende Rahmen für eine Abschiedsvorstellung. "Mir ist es nie besser gegangen", sagte Disl wenige Monate nach ihrem Rücktritt.

Der Amerikaner Floyd Landis, des Dopings überführter Gewinner der diesjährigen Tour de France, würde gerne zurückkehren, weiß aber genau: "Selbst wenn ich nicht gesperrt werde, wer würde mich noch unter Vertrag nehmen?" Sein Radsport-Kollege Jan Ullrich hingegen möchte "mindestens eine weitere Saison" fahren. Der Tour-Sieger von 1997 hatte den deutschen Sport in seinen Grundfesten erschüttert, als bekannt wurde, dass er in den spanischen Doping-Skandal verwickelt sein soll. "Nichts als Lügen", sagt Ullrich immer noch.

Justin Gatlin wird man künftig vielleicht nochmal beim Football sehen: Der 100-Meter-Olympiasieger aus den USA war der prominenteste der vielen des Dopings überführten Leichtathleten in diesem Jahr.

Ulrike John/DPA

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