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Andreas Klöden: "Ullrichs Bruder" kämpft um die Zukunft

Andreas Klöden schlüpfte in die Rolle des gesperrten Jan Ullrich. Das gelang ihm 2004 schon einmal. Immer, wenn es bei "Hilde" um die Zukunft geht, wächst der 31-Jährige über sich hinaus.

Rechtzeitig wächst Andreas Klöden in die Rolle des Kapitäns hinein. Denn vor ihm liegen noch zwei schwere Etappen der Tour de France. Noch zwei Tage im Hochgebirge der Alpen müssen bewältigt werden, und - nicht zu vergessen, das möglicherweise entscheidende Zeitfahren am Samstag. Nach dem ersten Tagesabschnitt in den Alpen kristallisierte sich heraus, dass es im Kampf um den Toursieg ein Duell zwischen dem Amerikaner Floyd Landis und Andreas Klöden geben könnte. Super stark zeigte sich Klöden auf dem Berg nach Alpe d'Huez. Floyd Landis wich nicht von seinem Hinterrad – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Mann in Gelb, der Kapitän des Schweizer Team Phonak Klöden für seinen stärksten Rivalen hält.

Der Amerikaner ist derzeit in der leichteren Rolle. Denn nach dem Einbruch des Deutschen in den Pyrenäen hat Landis einen komfortablen Vorsprung von 2:29 Minuten. Das würde ihn zum Sieger machen, wenn er seine Taktik weiterfährt, die Berge an Klödens Hinterrad zu verbringen. Zusätzlicher Vorteil: Es ist eine kräftesparende Art der Fortbewegung.

Klöden muss angreifen

Die einzige Chance von Klöden: Er muss auf Angriff fahren. Und das traut man ihm zu, denn der neue T-Mobile-Kapitän wird immer stärker. Darauf muss auch sein Team zählen, denn das hat Klöden aus einem anderen Grund für die Tour de France nominiert. Der 31-Jährige sollte als Helfer für seinen Kumpel Jan Ullrich fungieren. Noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte reiste er zum Start in Frankreich an, denn er hatte sich im Frühjahr beim Training die Schulter verletzt.

Die Schultereckgelenkssprengung musste operiert werden. Erst im Mai stieg er bei der Bayern-Rundfahrt in sein erstes Rennen ein. Dennoch: Er schuftete für sein Ziel, bei der Tour de France als Helfer einen guten Job zu machen. Nach der Suspendierung von Ullrich fand er sich dann selbst in der Rolle des Kapitäns wieder, weil er sich – trotz seines Trainingsrückstands – als stärkster Fahrer im Team etablierte. Auch Sergej Gontschar, der zeitweise im Gelben Trikot fuhr, und der Australier Michael Rogers konnten ihm diese Rolle nicht abspenstig machen.

Es geht um die Zukunft

Allerdings - die Rolle des Kapitäns ist nicht neu für den 31-Jährigen. Schon im Jahr 2004 übernahm er die Funktion, obwohl damals noch Jan Ullrich als Kapitän in die Tour startete. Doch in den Alpen wurde klar, dass „Hilde“ wie er in der Mannschaft genannt wird, der Stärkere war und er durfte auf eigene Rechnung fahren. Auch damals ging es, wie heute, um seine weitere Lebensplanung: Denn auch dieses Mal läuft sein Vertrag am Ende des Jahres aus.

Noch vor der Tour beschwerte er sich, es sei mit jedem Profi aus der Mannschaft schon gesprochen worden, nur mit ihm nicht. Das könnte jetzt sein großer Vorteil sein, denn der Marktwert des 31-Jährigen dürfte um einiges gestiegen sein. Mal sehen, ob er sich nach der Tour an seine Worte von 2004 noch erinnern wird. Damals sagte er: "So lange dieser Rennstall besteht und so lange ich einen Vertrag erhalte, werde ich für T-Mobile fahren. Die Mannschaft und die Teamleitung hat in vielen schweren Stunden zu mir gehalten. Dafür bin ich dankbar und will das Vertrauen jetzt rechtfertigen."

Die Entscheidung wird wohl auch davon abhängen, was ihm sein Manager Tony Rominger rät. Klöden sollen nach einigen Angaben Angebote von mehreren ProTour-Teams vorliegen. Seine Entscheidung wollte er vor der Tour noch von der seines Freundes Jan Ullrich abhängig machen: Denn für 2006 hatte er sich vorgenommen, Ullrich zum zweiten Toursieg seiner Karriere zu verhelfen. Im nächsten Jahr wollte er auf eigene Rechnung in Frankreich starten – egal für welches Team.

Klöden überrascht die Radsport-experten

Schon seit 1998 fährt Klöden für den Rennstall aus Bonn. Seine Karriere gewann an Fahrt, als es mal wieder um die Verlängerung seines Vertrages ging: Im Jahr 2000 gewann er die traditionell stark besetzten Rennen Paris-Nizza und die Baskenland-Rundfahrt. Bei der Deutschland-Tour wurde er Zweiter und in Sydney feierte er den bis dato größten Erfolg seiner Karriere: Er gewann bei den Olympischen Spielen die Bronzemedaille hinter seinen Teamkollegen Jan Ullrich und Alexander Winokurow. Selbst die französische Sportzeitung "L'Equipe", wurde auf den 24-Jährigen aufmerksam und nannte ihn "Ullrichs Bruder".

Doch "Klödi" hatte immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen. Der schlanke Körper, der bei einer Größe von 1,83 Meter nur 63 Kilo wiegt, ist anfällig für Krankheiten und Verletzungen. Zum Vergleich: Jan Ullrich wiegt bei gleicher Größe zehn Kilo mehr. Zwei Bandscheibenvorfälle hat er schon hinter sich. Im vergangenen Jahr musste er die Tour mit einem Kahnbeinbruch in der Hand aufgeben, zwei Jahre zuvor gab er ebenfalls die Tour auf, nachdem er mehr als eine Woche lang mit einem angebrochenen Sitzbein durch Frankreich geradelt war.

Radsportfreunde Ullrich und Klöden

In seiner Laufbahn hatte er immer ein enges Verhältnis zu seinem Kapitän Jan Ullrich. Zusammen mit ihm besuchte er schon damals die Kinder- und Jugendsportschule in Berlin. Als Ullrich dann mit ihrem Trainer Peter Becker nach Hamburg ging, um in einem Bundesliga-Team zu fahren, blieb Klöden in Berlin um sein Abitur zu machen. Im Team Telekom fuhren die beiden Ostdeutschen dann ab 1998 wieder gemeinsam. Klöden zog seinem Freund Ullrich nach Merdingen in den Schwarzwald hinterher. Auch als Ullrich in die Schweiz an den Bodensee umsiedelte, wechselte Klöden seinen Wohnsitz. Heute wohnt er mit seiner Frau Bettina und seinen beiden Töchtern in Kreutzlingen, nur wenige Kilometer von Ullrichs Wohnort Scherzingen entfernt.

Der 32-Jährige verbrachte während der Saisonvorbereitung im Winter viele Wochen zusammen mit seinem engen Freund Jan Ullrich. Häufig trainierten die beiden im warmen Südafrika zusammen und immer wieder stießen auch andere Mannschaftskollegen dazu, wie zum Beispiel Matthias Kessler. Auch der gebürtige Franke gehört zum engeren Freundeskreis um Jan Ullrich und Andreas Klöden. Er wohnt ebenfalls am Bodensee und dreht auch dort gelegentlich seine Trainingsrunden zusammen mit den beiden.

Bei der Tour de France hat nun Kessler die ursprüngliche Rolle von Klöden übernommen. Er unterstützt den neuen Kapitän und steht ihm meist bis zum letzten Anstieg zur Seite. Kann "Hilde" den ehemaligen Helfer von Lance Armstron, Floyd Landis noch ein bisschen distanzieren, dann könnte er um den Toursieg mitfahren. Denn wenn Klöden richtig fit ist, hat er das Zeug, den Amerikaner im Zeitfahren zu schlagen. 2004 nahm er Landis als Dritter im Einzelzeitfahren 58 Sekunden ab. Landis wurde Vierter. Zuvor wird sich "Klödi" aber noch Tipps von seinem Kumpel Ullrich holen. Denn der versorgt seinen Freund täglich mit Tipps via Handy.

Annette Jacobs

Wissenscommunity