HOME

Anke Kühn: Leben mit der Goldmedaille

Anke Kühn ist jung, attraktiv und selbstbewusst. Und sie hat bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im Hockey gewonnen. Die stellt nun ihr gewohntes Leben auf den Kopf.

"Gold! Ich kann es immer noch nicht fassen. Die Medaille habe ich immer dabei, und beim Schlafen liegt sie noch unter dem Kopfkissen. Das wird sich sicher irgendwann ändern, aber im Augenblick will ich sie bei mir haben." Das sagte Hockey-Nationalspielerin Anke Kühn wenige Tage, nachdem sie mit der Damen Hockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen das Finale gegen die hochfavorisierten Niederländerinnen mit 2:1 gewonnen hatte. Mit ihrem Tor zum 1:0 und einer bärenstarken Leistung während des gesamten Turniers hatte sie großen Anteil am Erfolg der Mannschaft. Die 16 Mädels des Hockey-Teams tanzten nach dem Sieg Sirtaki im Helliniko-Sportkomplex in Athen, Millionen an den Fernsehschirmen in Deutschland freuten sich mit ihnen. Für einige Tage hatte Hockey das Schattendasein in einem von König Fußball regierten Land verlassen, war in aller Munde. Ob die 23-jährige Anke Kühn da schon ahnte, wie sehr die Goldmedaille ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen würde?

Einen kleinen Vorgeschmack darauf bekam sie bereits bei ihrem Empfang in Frankfurt. Tausende begrüßten das Hockey-Team am Flughafen, jubelten ihnen zu, sogar ein roter Teppich wurde ausgerollt. Als Anke Kühn noch nicht mit einer Goldmedaille um den Hals über Rote Teppiche schritt, war sie eine sehr begabte Hockeyspielerin, die in der 1. Bundesliga für Eintracht Braunschweig und gelegentlich in der Nationalmannschaft spielte, dazu ihr Lehramtsstudium absolvierte. Bemerkenswert, aber alles ganz normal so weit.

Der Trubel beginnt

Doch nun ist sie Goldmedaillengewinnerin und alles ist anders. Seit dem Triumph von Athen hetzte sie von Termin zu Termin. Erst der Auftritt bei Stefan Raab, wo sie gegen Helge Schneider bei der "TV-Total-Olympiade" im Kugelstoßen antrat, dann weiter in das Braunschweiger Rathaus, um sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. Sie hat den Torschützen des Monats in der ARD-Sportschau geehrt und jüngst erschien auch die "Bild"-Zeitung bei ihr zur Homestory. Immer wieder Presse- und Sponsorentermine, immer wieder Gratulanten und unzählige Autorgrammwünsche. Inzwischen betreibt sie sogar ihre eigene Webseite, die anke-kuehn.de. Und ganz nebenbei muss Anke ja auch noch Hockey spielen. Drei Mal die Woche trainieren, Kraft- und Ausdauerübungen absolvieren. Doch die selbstbewusste 23-Jährige nimmt den Rummel um ihre Person gelassen auf und genießt das Leben auf der Goldspur: "Das ist total neu, so gefragt zu sein. Es ist echt stressig, aber es macht auch viel Spaß. Das muss man einfach mitnehmen."

"Schade, dass es so kurz war!"

Nicht verzichten wollte Anke auch auf einen ganz besondern Termin, für den sie sogar ihren Griechenland-Urlaub unterbrach. Vom Opel-Team war sie zum Finale der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) eingeladen worden. Ganz fremd ist ihr der Rennzirkus nicht, hatte sie doch schon früher Boxenluft schnuppern können, als sie Catering bei Formel1-Rennen machte. Doch so dicht dran an den Boliden, oder besser gesagt mittendrin, war sie noch nie: Mit dem DTM-Opel von Heinz Harald Frentzen, gesteuert von Fahrer Marcel Tieman, konnte Anke zwei Runden auf dem Hochgeschwindigkeitskurs in Hockenheim drehen. Vor der Riesenkulisse von 133.000 Zuschauern ging sie auf im Rausch der Geschwindigkeit. Anders als einige ihrer prominenten Kollegen strahlte Anke beim Aussteigen über das ganze Gesicht. "Schade, dass es so kurz war! Aber ich komme wieder!" Und sie meint es ernst, denn sie möchte selbst einmal am Steuer eines Rennboliden sitzen. Ihr Manager Stephan Grostollen hat bereits erste Gespräche in diese Richtung geführt.

Versteigerung für einen guten Zweck

Von Opel-Star Heinz-Harald Frentzen bekam Anke Kühn an diesem Tag noch ein ganz spezielles Präsent. In der Box des "OPC"-Teams Holzer wurde der Hannoveranerin eine Original-DTM-Motorhaube übergeben. Das rot lackierte Kohlefaser-Bauteil im stern-Design wurde dabei von ihr und allen Fahrern der Marke signiert. Die Motorhaube wird derzeit bei Ebay für einen guten Zweck versteigert (Bieten). Der Erlös kommt dem von Anke Kühn unterstützten Kiran-Kinderhaus in Nepal zugute, das eine ihrer ehemaligen Lehrerinnen leitet. Durch deren Arbeit in Kathmandu können momentan 18 Mädchen eine Schule besuchen und hinterher eine Ausbildung machen. Anke Kühn ist nach ihrer Goldmedaille nicht abgehoben, sondern ist sich auch der Verantwortung bewusst, die sie als Person des öffentlichen Lebens nun einmal trägt. Sie nutzt geschickt ihre Popularität für die gute Sache, will mit ihrem sportlichen Erfolg als Vorbild für junge Menschen dienen. So ist sie auch Botschafterin für den Verein "Keine Macht den Drogen" und setzt sich gegen den Drogenmissbrauch von Kindern und Jugendlichen ein. Ebenso unterstützt sie die Kampagne "Gib Aids keine Chance".

Die Goldmedaille unterm Kissen

Es gibt also viel zu tun für die Goldmedaillengewinnerin Anke Kühn. Unter anderem steht noch eine besondere Ehrung ins Haus: Mit der Nominierung zum Eurosport "SportStar Award" wird ihr herausragender sportlicher Einsatz vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) honoriert. Anke ist im Namen des IOC zur Verleihung dieses Preises am 18. Oktober 2004 in die Olympiahauptstadt Lausanne eingeladen. Und auch sportlich wird es Ernst für Anke Kühn und die deutsche Hockey-Nationalmannschaft. In Buenos Aires werden bei der "Champions Trophy" in November die sechs besten Nationalmannschaften der Welt aufeinander treffen, das deutsche Team will den Erfolg von Athen nur zu gern wiederholen. Doch Anke Kühn weiß, wie schwer dies werden wird, weiß auch um den gestiegenen Erwartungsdruck. Doch auch wenn es in Argentinien nicht zum Sieg reichen sollte, bleibt Anke Kühn immer noch ein Trost: Sie kann sich ihre Goldmedaille wieder für einige Nächte unter ihr Kopfkissen legen. Denn die und all ihre Erlebnisse seit dem Olympiasieg kann ihr niemand wieder nehmen.

Björn Erichsen

Wissenscommunity