Ato Boldon im Interview "Der schlechteste Sprinter in Peking war Bolt"

Nach seinen Olympiasiegen von Peking will Usain Bolt heute Abend in Berlin Weltmeister werden. Im Interview mit stern.de erklärt Ato Boldon, ehemaliger Weltklasse-Sprinter und Silbermedaillengewinner von Sydney, wie Bolt die Disziplin schon jetzt verändert hat.

Herr Boldon, Usain Bolt hat bei den Olympischen Spielen in Peking drei Weltrekorde aufgestellt, was macht diesen Bolt so unglaublich schnell?
Puh, gute Frage. Das weiß Bolt selbst nicht so genau. Seine Coaches können Ihnen diese Frage auch nicht seriös beantworten. Das einzige, was wir gesichert wissen, ist, dass er sehr viel körperliches Talent mitbringt.

Wo sehen Sie bei Bolt noch Raum für Verbesserung?
Soll ich Ihnen mal etwas sagen? Der schlechteste Sprinter im Finale über 100 Meter in Peking, das war Usain Bolt. Wenn er zum Beispiel im Startblock sitzt, hat er den Kopf unten. Das ist ein High School Fehler. Er wird seinen Höhepunkt als Sprinter erst mit Ende 20 haben.

Sie errangen Ihre größten Erfolge in den 90er Jahren, als Sprinter noch klein und extrem muskulös waren. Bolt verkörpert mit seinen 1,93 Metern nicht mehr diesem Sprintertypus.
Ganz klar, es gibt einen Trend zu größeren Jungs.

Nicht wenige Ihrer Kollegen damals waren gedopt. Da stellt sich die Frage, ob man sauber überhaupt so schnell wie Bolt laufen kann.
Diesen Vorwurf dürfen Sie nicht an Bolt richten, sondern an die, die vor ihm kamen. Es sind ihre Dopingfälle, die nun den Verdacht auf ihn lenken. Ich persönlich bin mir sicher, dass er sauber ist. Wo will er denn leben, sollte er mal positiv gestestet werden? Bestimmt nicht auf Jamaika. Dort werden Sie ihn als Verräter brandmarken.

Die Frage ist, ob man 9,69 Sekunden ohne Doping laufen kann?
Da habe ich keine Zweifel. Ich habe mit 16 erst angefangen, wirklich professionell Leichtathletik zu betreiben. Ich hatte nicht sein Talent, ich bin nicht so groß wie er, ich war sauber, und ich bin dennoch 9,86 gelaufen. Warum sollen also 9,69 für einen wie ihn nicht möglich sein.

Um Ihren ehemaligen Teamkollegen Maurice Greene, der den Sprint in den 90er Jahren dominierte, ranken sich bis heute Dopinggerüchte. Macht es Sie traurig, dass die größten Momente Ihrer Karriere womöglich von Kollegen ruiniert wurden, die nicht mit den gleichen Mitteln kämpften?
Ich schaue nicht auf die Jungs, die wohl gedopt haben, oder es nachweislich taten, und denke mir: Die haben mir etwas weggenommen. Ich wäre gern Olympiasieger geworden, aber ich hatte eine großartige Karriere. Ich habe eine Menge Geld verdient. Ich kann mich nicht beschweren.

Mathias Schneider

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